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„Der Vater auf dem Bügelbrett und andere Geschichten aus der Bechardgasse“

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Der Vater auf dem Bügelbrett und andere Geschichten aus der Bechardgasse

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Annis Ankunft in der Bechardgasse

von Anni Maria Tepser

Bechardgasse – heute noch nach mehr als 50 Jahren, in denen ich nicht mehr dort lebe, vermittelt mir dieses Wort Heimat und Erinnerung. Erinnerung an eine trotz schwerer Zeiten behütete und schöne Kindheit, an liebe Nachbarn, an eine trotz gemeinsam verbrachter schrecklicher Kriegsjahre freundlich distanziert gelebte Hausgemeinschaft, und – für mich damals – eine heile Welt. Zunächst muss ich berichten, wie es überhaupt dazu kam, dass wir in die Bechardgasse 16, Tür Nr. 14, kamen. Meine Mutter musste aus Geldmangel nach drei Jahren Lehrerbildungsanstalt die Schule aufgeben und hat sich dann, so gut es ging, als Hauslehrerin und Erzieherin durchgeschlagen, was oft genug auch das Einkaufen, Kochen und Nähen für die Familie bedeutete. Aber das hat ihr nichts ausgemacht, denn sie hatte das Glück, immer für sehr liebe Familien arbeiten zu dürfen. Etwa um 1934 kam sie zur Familie Salomon und Josefine Feuchtbaum in die Hetzgasse 10, um dort den 13-jährigen Sohn Simon und die 10-jährige Tochter Lotte zu betreuen. Mit Simon, Schimmi genannt, war es zwar nicht so einfach, er steckte in der Pubertät, aber mit seiner Schwester Lotte war sie bald ein Herz und eine Seele. Diese innige Freundschaft überdauerte die Kriegsjahre und hielt – mittlerweile auch auf Ehepartner, Kinder und Enkelkinder ausgedehnt – bis zum Tode meiner Mutter und ist jetzt noch zwischen mir und dem Witwer von Lotte, die genau ein Jahr nach meiner Mutter starb, sehr eng.

Das Ehepaar Feuchtbaum hatte zwei Fotoateliers, eines auf der Landstraße und eines auf der Wiedner Hauptstraße. Nach dem Beginn des Hitler-Regimes wurden die beiden Kinder, mittlerweile 17 und 14 Jahre alt, etwa im Jänner 1939, schweren Herzens von den Eltern ins Ausland gesandt. Schimmi fuhr zu einem Onkel nach England und Lotte musste ganz allein – es gab keinen Kindertransport – nach Schweden reisen. Was das damals für ein Kind in dem Alter bedeutete, kann man sich heute nur schwer vorstellen.

Zurück zu meiner Mutter und zur Bechardgasse. In diesem Haus Nr. 16 fand sie, die noch gerne in der Nähe des Ehepaares Feuchtbaum bleiben wollte, bei der Familie Ott eine Stelle als Hausgehilfin. Herr Franz Ott war als Meister in einer im Erdgeschoß des Hauses befindlichen, in jüdischem Eigentum stehenden Gürtelerzeugung angestellt gewesen, die er, nachdem der rechtmäßige Besitzer emigrieren musste, übernommen hatte. Seine Frau Franziska und die Tochter Eleonore, die durch Kinderlähmung schwer behindert war, halfen im Büro und in der Werkstätte mit. Durch das Ehepaar Ott lernte meine Mutter ihren späteren Mann – meinen Vater – kennen, der bei der D.D.S.G., der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft, angestellt war und aus Ungarn manchmal für die Familie Lebensmittel mitbrachte. Nach ihrer Heirat mieteten meine Eltern dann im gleichen Haus auf Tür Nr.14 ein großes Kabinett, das ein Fenster in den Hof hatte. Am 1. November 1941 kam ich zur Welt. Mein Vater war damals schon bei der Kriegsmarine. Am 28. August 1943 wurde meine Schwester Hedi geboren und bald darauf – es war schon Winter – wurde meine Mutter mit uns zwei Kindern nach Mitterkirchen in Oberösterreich umquartiert. An die Abreise kann ich mich nicht mehr erinnern.

Meine bewusste Erinnerung beginnt erst mit dem Einzug der Russen in Mitterkirchen, unserem Mühlviertler Dorf, und da mit den Spuren, die die Panzerketten in der sandigen Dorfstraße hinterließen. Wir sind erst im Sommer 1947 wieder in die Bechardgasse zurückgekehrt.

Buchcover

Diese Welt war nicht heil, aber wir kannten nichts anderes; gemessen an dem Schicksal vieler anderer Menschen, hatten wir noch Glück gehabt. Wir hatten keinen lieben Menschen verloren, ein Dach über dem Kopf, haben nicht gehungert und die Tatsache, dass wir zwei Schwestern in einem Bett schlafen mussten, war nichts Ungewöhnliches und hat uns auch nicht gestört. Für uns war es normal, über Bombenruinen zu turnen, dass in den meisten Fenstern Pappendeckel statt Glasscheiben waren und dass es viele invalide Menschen gab, die auf der Straße betteln mussten oder als Bettelmusikanten in unseren Hinterhof kamen. Hier waren wir zu Hause.

Zurück in der Wiener Wohnung fanden wir verheerende Umstände vor. Die meisten Fensterscheiben waren kaputt, das Badezimmer nicht benutzbar, und meine Mutter zog es vor, auf einem kleinen Elektrokocher im Hofkabinett zu kochen, da die restliche Wohnung voller Menschen war. Ständig musste man damit rechnen, dass Gas und Strom abgesperrt würden, und es gab fast nichts zu kaufen.

Informationen zum Artikel:

Annis Ankunft in der Bechardgasse

Verfasst von Anni Maria Tepser

Auf MSG publiziert im März 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 3. Bezirk
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag gibt einen Textausschnitt aus dem von Dorothea McEwan, Gunda Plasser, Lotte Schwind und Anni Maria Tepser gemeinsam verfassten Erinnerungsbuch "Der Vater auf dem Bügelbrett und andere Geschichten aus der Bechardgasse", Glödnitz 2010, wieder.

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