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Kindheit III: In Wien

von Carla Stanek

Am 20. Oktober 1946 kam ich mit meinen Eltern in Wien an. Die Reise von Montecatini nach Wien hatte fast zwei Wochen gedauert. Nicht nur die Hauptstadt Österreichs, sondern das gesamte Bundesgebiet war damals in Zonen aufgeteilt. Jede dieser Zonen war von einer der vier "Siegermächte" (Frankreich, England, Amerika und Russland) besetzt. Um nach Wien zu gelangen musste man vier Demarkationslinien passieren, für welche ein entsprechendes Visum nötig war. Aus mir unbekannter Ursache, waren wir nicht im Besitz solcher Dokumente und mussten daher - obwohl mein Vater seinen diplomatischen Pass, in welchem auch meine Mutter und ich eingetragen waren, vorwies - in Innsbruck den Zug verlassen.

Da Innsbruck zerbombt war und in den großen, notdürftig instand gesetzten Hotels Militär untergebracht war, konnten wir erst nach einem halben Tag intensivem Suchens eine bescheidene, private Unterkunft, die uns in den nächsten Tagen beherbergen sollte, ausfindig machen. Es war dies ein winziges, ungeheiztes Schlafzimmer mit einem Doppelbett und einem großen Fauteuil in einem im Tiroler Stil erbauten Haus in der Vorstadt Innsbrucks. Zu Essen gab es fast nichts, da man, um irgendetwas Essbares zu bekommen, Lebensmittelkarten benötigte. Diese besaßen wir nicht.

Die Hausleute teilten mit uns das Wenige, das sie hatten. An Geldes statt, das damals so gut wie keinen Wert hatte, da es ja nichts zu kaufen gab, bezahlten meine Eltern die Kosten für Zimmer und Verpflegung mit Zigaretten (meine Mutter war eine sehr starke Raucherin und hatte deshalb aus Angst, dass es in Wien vielleicht keine Zigaretten zu kaufen geben würde - einen großen Koffer davon mitgenommen) und Schokolade.

Die Nächte in dem ungeheizten Raum waren für mich mit Herzleid verbunden. Denn jedes Mal, wenn wir zu Bett gingen, flehte mein Vater meine Mutter an, sich doch mit mir ins Doppelbett zu legen. Sie war aber unter keinen Umständen dazu zu bewegen, sondern verbrachte statt dessen die Nächte, nur mit ihrem Pelzmantel zugedeckt, im großen Fauteuil und überließ meinem Vater und mir das gemütliche, warme Bett. Ich wachte nachts immer wieder auf und sah sie zusammengekauert sitzen. Sie tat mir so schrecklich leid und ich hatte so ein schlechtes Gewissen, daß ich immer wieder leise weinen mußte.

Die Zeit, die wir in Innsbruck zu dritt auf so engem Raum verbrachten, stellte für mich eine ganz neue Situation dar. Trotz der unruhigen Nächte, genoß ich die intensive, ungestörte Dreisamkeit mit meinen Eltern, und sie tröstete mich schnell über den schweren Abschied von Montecatini hinweg.

Am schwersten war mir der Abschied von meinem Nonno Ciccio, meinem Großvater, gefallen. Ich sehe ihn heute noch vor mir, wie er uns bei unserer Abreise vom Garten aus nachwinkte. In seinen Augen standen Tränen. Ob er wohl ahnte, dass er seine jüngste Tochter Michelina, meine Mutter, nie mehr wiedersehen würde? Ich verstand nicht, was er meinte, als er zu meinen Eltern sagte: "Dimenticatevi Montecatini!", "Vergesst Montecatini!". Dieser letzte Satz hatte für mich etwas Endgültiges und zugleich Prophetisches.

Was mich in Wien erwarten würde, wußte ich nicht. Ich hatte gehört, wie Freunde und Bekannte vor unserer Abreise aus Montecatini Horrorgeschichten über Wien erzählten. Es wäre sehr gefährlich dort zu leben, weil die Russen die Menschen auf der Straße erschießen würden, es gäbe nichts zu essen und die Stadt sei vollständig von den Bomben zerstört. Ich dachte insgeheim mit einer gewissen Befriedigung, dass es in einer solchen Stadt nicht möglich sei, in die Schule zu gehen. Ein Gedanke, der - trotz aller Schreckensbilder - nicht einer gewissen angenehmen Perspektive entbehrte.

Die Schule war für mich immer noch ein Ort des Grauens. Hinzu kam noch, dass ich ja die Sprache nicht kannte und ich mir nicht vorstellen konnte, dass meine Eltern darauf bestehen könnten, mich in eine Schule zu schicken, wo man deutsch sprach. Alles was mit Deutsch, Deutschen und Deutschland zusammenhing, war für mich, nach den Erlebnissen vor Kriegsende, gleichbedeutend mit Schrecken und Grausamkeit.

Deshalb traute ich meinen Ohren nicht, als mein Vater, als wir uns endlich im Zug nach Wien befanden, mit einem mitreisenden, sehr vornehmen Herrn - er war Italiener und besaß einen Autosalon am Opernring, sein Name war Stua - über die in Wien bestehenden Möglichkeiten, mich in einer "guten" Schule einzuschreiben, sprach. Der Mann war mit einer Wienerin verheiratet und hatte selbst zwei Töchter. Er empfahl meinen Eltern eine, wie er sagte, sehr gute und vornehme Schule namens "Sacré Coeur".

Wir kamen in Wien an. Es war ein kalter, windiger Tag. Der Wind pfiff durch das fehlende Dach der Bombenruine, die einst der Westbahnhof gewesen war. Meine Mutter drückte meine Hand als wollte sie sich selbst und mir Mut machen. Frierende Menschen strömten eilig an uns vorbei. Der Gedanke, daß keiner dieser Menschen meine Sprache verstand, machte mir Angst. Das ist also "l' estero", das Ausland, dachte ich.

Ein Auto, das mehr einer Kutsche mit Rädern glich, wartete vor dem Bahnhofsgebäude auf uns. Mein Vater nannte die Adresse, wohin uns der Chauffeur führen sollte. Dieser schüttelte den Kopf. Nach längeren Verhandlungen, von welchen weder meine Mutter noch ich auch nur ein Wort verstehen konnten, fuhr der Wagen los. Mein Vater erklärte uns, dass er mit dem Chauffeur über das Visum gesprochen hatte, da der Westbahnhof in einer anderen Besatzungszone als unser Hotel gelegen war. Das Vorzeigen unserer Visa behob das Problem.

Unser erstes Zuhause war die "Pension am Opernring". Wir bezogen dort ein Appartement bestehend aus zwei großen Zimmern mit Balkon auf den Ring. Das Appartement war elegant eingerichtet, einigermaßen geheizt, fast hätte man hier vergessen können, dass man sich in einer vom Krieg schwer getroffenen Stadt befand.

Wir waren hungrig und müde von der langen Reise müde, deshalb gingen wir sofort, ohne die Koffer auszupacken, in den Speisesaal. Frau Riedl, die Besitzerin der Pension, eine resolute, sehr liebenswürdige Frau, die etwas Italienisch sprach, hieß uns willkommen, geleitete uns zu unserem Tisch und gab meiner Mutter einen Stoß Lebensmittelkarten. Sie erklärte ihr, dass diese für ein Monat reichten und dass wir vor jeder Mahlzeit einige Kartenabschnitte abreißen sollten, um sie der Kellnerin zu übergeben.

Die erste Wiener Mahlzeit wurde serviert. Es wurden drei große Silberteller gebracht. Die Spannung stieg - es sah nach einem wahrhaft fürstlichen Mahl aus. Zwei Kellnerinnen hoben gleichzeitig die über die Silberteller gestülpten silbernen Glocken auf und -drei winzige Stückchen gekochten Fleisches garniert mit genau vier Kartoffeln kamen zum Vorschein.

Meine Mutter gab vor, plötzlich keinen Hunger mehr zu haben und verteilte ihre Portion an meinen Vater und an mich. An diesem Abend gingen wir alle drei hungrig schlafen. Ich träumte von Spaghetti mit herrlichen Saucen, toskanischem Brot, Pasta e fagioli (italienische Bohnensuppe) etc. etc. Ein Gefühl von tiefer Verzweiflung blieb in mir zurück, als ich am nächsten Morgen aufwachte, und ich bereute jeden Bissen, den ich in Montecatini in die Küche zurückgeschickt hatte.

Sollte ich jetzt immer hungrig schlafen gehen? Was war das für ein Land, wo es nichts zu essen gab? Eine Horrorvision stieg in mir auf: In einem Land zu leben, wo es kein Essen gab, wo die Sprache der grausamen Soldaten, gesprochen wurde und wo ich trotzdem in die Schule gehen musste - das war zuviel, das würde ich sicher nicht überleben! Ein tiefer Groll gegen diese fremde Stadt begann sich in mir zu regen.

Ich versuchte meinen Eltern an diesem ersten Morgen in Wien klar zu machen, dass ich aus lauter Hunger zu schwach sei, um in die Schule zu gehen und dass ich außerdem Kopfweh hätte, weil ich schlecht geschlafen hatte. Doch nichts half. Mein Vater hatte schon die Adresse der Schule herausgefunden und entdeckt, dass sie nur einige Häuser von der italienischen Botschaft, dem Palais Metternich auf dem Rennweg, entfernt lag. Er riss mich von meiner Mutter, die mit allen Mitteln vergeblich versuchte, den Schulbeginn wenigstens für eine Woche hinauszuschieben, los, und schon waren wir auf der Straße.

Wir gingen zur Haltestelle, wo wir in eine überfüllte Straßenbahn mit der Nummer A1 einstiegen. Nach zwei Stationen stiegen wir in eine andere Straßenbahn mit der Nummer 71 um, die uns direkt vor die Schule am Rennweg brachte. Mit jedem Meter, den wir uns der Schule näherten, stieg meine Angst und Verzweiflung. Nur mit Mühe konnte ich meine Tränen zurückhalten. Im Sacré Coeur angekommen, übergab mich mein Vater einer Klosterschwester, die mich erwartet hatte und die mich gleich mit meinem Vornamen ansprach.

Sie war die Direktorin der Volksschule, ihr Name war Mutter Felicitas Denk. Sie war eine große, stattliche Frau und trug ein schwarzes, bodenlanges Gewand mit einer Pelerine, am Kopf hatte sie eine aus gestärktem Batist gefertigte Haube, die unter dem Kinn zusammengehalten war und das Gesicht mit einer Art Rüsche umrahmte. Ein durchsichtiger, langer, schwarzer Schleier war daran befestigt und hing bis unter den Kniekehlen herunter. An einer schwarzen Kordel hing in Brusthöhe ein silbernes Kreuz, an ihrem rechten Ringfinger trug sie einen goldenen Ehering.

Ich umarmte meinen Vater und fühlte mich so, als würde ich ihn nie wiedersehen. Mutter Denk nahm mich bei der Hand und ging mit mir über endlose Treppen und Gänge bis zu einer weißen Türe im dritten Stock des Hauses. Durch die vielen Fenster, die die Gänge säumten, sah ich einen großen Garten, in welchem sich Soldaten in einer mir unbekannten Uniform aufhielten. Ich konnte mir nicht erklären, was Soldaten in einer Schule zu suchen hätten. Das machte mir solche Angst, dass ich - an der weißen Tür angekommen - mich von der Hand der Klosterfrau losriss, mich einige Schritte von ihr entfernt aufpflanzte und so laut ich konnte ihr zurief: " Odio i tedeschi!" "Ich hasse die Deutschen!". Ich wiederholte diesen Satz einige Male und spürte, wie mich das von meiner Angst befreite.

Mutter Denk kam behutsam auf mich zu, nahm mich wieder bei der Hand und sagte mit einem mitfühlenden, gütigen, etwas belustigtem Lächeln: "Ti capisco, ti capisco!" "Ich verstehe dich, ich verstehe dich!" Ich war nicht sicher, was sie damit ausdrücken wollte. Hatte sie Verständnis für meine Angst und Verzweiflung oder hatte sie nur meine Sprache verstanden. Jedenfalls ließ ich mich an ihrer Hand ohne Widerstand zur weißen Türe bringen. Sie öffnete die Tür und ich sah einen hohen, hellen Raum mit Blick auf den Garten. In diesem Raum saßen an Holztischen viele gleichaltrige Mädchen, am Katheder eine Klosterschwester, die genauso angezogen war wie Mutter Denk. Alle Mädchen blickten auf uns. Die kleine Klosterschwester kam auf mich zu und, als sie vor mir stand, stellte ich erstaunt fest, dass sie genauso groß war wie ich. Sie hieß Mutter Engels.

Mutter Denk wandte sich an die Klasse und sprach, während sie immer wieder auf mich zeigte, einige Sätze, die ich natürlich nicht verstand. Dann zeigte sie auf ein Mädchen mit schwarzen, langen Zöpfen. Diese stand auf, kam zu mir, nahm mich bei der Hand und setzte sich mit mir in die letzte Bankreihe. Sie hieß Tatjana. Später erführ ich, dass Mutter Denk Tatjana mit den Worten: "Tatjana, hier ist eine kleine Italienerin, bitte kümmere Dich um sie!" ausgewählt hatte.

Von diesem Tag an wurde sie meine beste, unzertrennliche Freundin. Unsere Freundschaft sollte von diesem Tag an einundvierzig Jahre dauern. Mutter Denk verließ den Raum, und der Unterricht wurde fortgesetzt. Ich verstand zwar kein einziges Wort, konnte aber an den Gesichtern der Kinder und der kleinen Mutter Engels ablesen, daß es hier freundlich und liebevoll zuging.

Tatjana verlor mich keinen Augenblick aus den Augen. In der Pause hielt sie mich fest bei der Hand. Sie führte mich in den Turnsaal, zeigte mir, wo die Toilette ist, wo ich mein Jausensäckchen aufzuhängen hatte, wo ich meine Straßenschuhe gegen Hausschuhe austauschen musste usw. Meine Eltern hatten eine private Deutschlehrerin für mich engagiert, die jeden Nachmittag in die Opernring Pension kam, um mir Deutschunterricht zu erteilen. Sie hieß Frau Budiner. Sie war riesengroß und unglaublich häßlich. Wenn ich nicht lernen wollte - was ziemlich oft der Fall war -, gab sie sofort nach, nahm eine Zeitung zur Hand und las, während ich spielte. So machten meine Deutschkenntnisse keine allzu großen Fortschritte.

Im Speisesaal der Pension am Opernring war mir gleich am ersten Abend eine alte Dame aufgefallen, die mir immer wieder zugelächelt hatte. Sie war, trotz ihres Alters, wunderschön anzusehen. Sie hatte ihr schneeweißes Haar zu einem weichen Knoten gebunden und trug eine schöne, weiße Bluse mit einem Spitzenjabot. Wenn sie las, holte sie aus ihrer Petit-Point-Tasche ein mit Perlmutter verziertes Lorgnon hervor. Ihr Gang war mädchenhaft und geschmeidig. Insgeheim bedauerte ich, nicht ihre Sprache zu beherrschen - so gerne hätte ich mit ihr geplaudert.

Eines Tages, bei einem Abendessen, kam sie zu unserem Tisch. Mein Vater stand auf und küsste höflich ihre Hand. Mein Vater stellte ihr meine Mutter und mich vor. Auch sie nannte ihren Namen: sie hieß Frau Galuschek. Der Grund, weshalb sie zu unserem Tisch kam, war, dass sie fragen wollte, ob meine Mutter und ich am Nachmittag des nächsten Tages in ihr Zimmer zu einem Tee kommen wollten. Mein Vater übersetzte uns ihre Einladung, und meine Mutter sagte, zu meiner großen Freude, zu.

Das Zimmer der alten Dame war für mich ein wahres Wunderland. Auf Regalen und Kommoden standen viele wunderschöne Dinge, die ich alle, um sie zu bewundern, in die Hand nehmen durfte. Bei jedem der Gegenstände sagte mir Frau Galuschek die deutsche Bezeichnung, und ich wiederholte Silbe für Silbe, was sie mir vorsprach. Die Atmosphäre in ihrem Zimmer war so anheimelnd und wohlig, daß mich meine Mutter fast überreden musste, wieder in unser Zimmer zu gehen. Ich schloß die alte Dame gleich in mein Herz.

Nach und nach wurden die nachmittäglichen Stunden, die ich bei Frau Galuschek verbringen durfte, ein wichtiger Fixpunkt in meinem Leben. So konnte ich auch die Vormittage in der Schule besser durchstehen. Ich machte riesige Fortschritte und konnte schon viel mit ihr sprechen - verstand ich fast alles, was Frau Galuschek sagte. Auch meine Mutter hatte mit ihr Freundschaft geschlossen. Die beiden unterhielten sich in einem Kauderwelsch aus Deutsch, Französisch und Italienisch - doch auch sie verstanden sich.

Eines Tages hatte Frau Galuschek ein kleines Buch für mich vorbereitet, es hieß "Pickerl". Immer wieder musste ich ihr daraus vorlesen. Sie hatte das Buch für mich ausgesucht, weil es ihr ein besonderes Anliegen war, dass ich das Wienerische "rl" richtig auszusprechen lernte und dies anhand des Buches übte. So machte mir das Lernen der fremden Sprache grossen Spaß.

Frau Galuschek erzählte mir viele Begebenheiten aus dem alten Wien, als noch der Kaiser lebte, und aus der Vorkriegszeit. Ihre Geschichten waren so aufbereitet, dass ich sie einerseits verstehen konnte und sie andererseits in mir den Keim für die Liebe zu dieser Stadt legten. Ich empfand große Bewunderung für die Wiener Art und Mentalität, die für mich von Frau Galuschek verkörpert wurde. Nach und nach bekam Wien für mich ein ganz anderes, viel schöneres Gesicht.

Die ausgebrannte Oper, die ich von unserem Balkon aus sehen konnte, war plötzlich nicht mehr nur eine ausgebrannte Ruine, sondern fast ein lebendiges Wesen, das schwer verletzt auf seine Wiederherstellung wartete. Der zerstörte Stephansdom wurde auch für mich zum Mittelpunkt und zum Symbol der Wiener Stadt. Frau Galuschek erzählte mir von Schönbrunn, der Hofburg und der schönen Kaiserin, von den Sängerknaben und Lipizzanern und - was mir immer in Erinnerung bleiben wird - von der "Kaisersemmel'.

Die alte Dame erinnerte sich mit großer Nostalgie an dieses typische Wiener Weißgebäck, das man vor dem Krieg nicht nur in den berühmten Wiener Kaffeehäusern bekam, sondern auch in jedem Haushalt zum Frühstück mit Butter und Marmelade - ebenfalls himmlische Dinge, von welchen man in dieser Zeit nur träumen konnte - aß.

Ich erinnere mich, dass eines Tages - es muss im Jahr 1948 gewesen sein - an einer der Holzwände, die die Opernruine umrahmten, ein Plakat mit dem Bild einer Kaisersemmel angebracht wurde. Darunter war sinngemäß zu lesen: "Sie ist wieder da - jetzt haben wir es geschafft!". Es war für mich ein befriedigendes Erlebnis, daß ich - dank Frau Galuschek - verstehen konnte, was damit gemeint war. Vielleicht ist dies der Grund, weshalb ich noch heute ein Frühstückssemmerl- und Kaffeehaus-Fan bin.

Nach nur sechs Monaten sprach ich schon sehr gut deutsch und verstand auch fast alles. In der Schule jedoch markierte ich noch immer die Ausländerin. Denn ich kam sehr bald darauf, daß mir dieses Verhalten große Vorteile brachte. So durfte ich an der Tafel leise für mich auf Italienisch rechnen (was ich übrigens später erstaunlicher Weise auch bei der mündlichen Mathematik-Matura durfte), brauchte keine Hausaufgaben zu machen usw.

Das erste Schuljahr in Wien verging schnell. Es kam der Tag der Aufnahmeprüfung für das Gymnasium. Ich hatte mich schon - dank der fürsorglichen Begleitung Tatjanas - gut eingewöhnt. Ein Großteil meiner Klassenkameradinnen trat auch zur Prüfung an, so dass ich darauf vertrauen konnte, gemeinsam mit ihnen die erste Klasse des Gymnasiums zu besuchen. Das gab mir Mut zur Prüfung anzutreten und meine Deutschkenntnisse, die ich bis dahin verborgen gehalten hatte, anzuwenden.

Die Aufnahmeprüfung fand im sogenannten "Großen Saal" statt. Meine Mutter hatte mir zu diesem Anlass ein hellblaues Kleid, darüber eine weiße, mit roten Röschen und kornblauen Blumen bestickte Kleiderschürze, die wir von in Amerika lebenden Verwandten bekommen hatten, angezogen. Ich trug damals eine sogenannte "Gretl-Frisur", also zwei Zöpfe, die mit einer kornblauen Seidenmasche am Mittelscheitel zusammengehalten wurden. Wir saßen jeweils zu zweit an einem Tisch - neben mir selbstverständlich Tatjana.

Mutter Jordis, die Direktorin des Gymnasiums, kam herein und stellte uns eine Professorin vor, die dann bis zur Matura unser Klassenvorstand sein sollte. Sie hieß Frau Professor Anna Narnhofer und unterrichte Mathematik, Chemie und Physik. Sie nahm die Aufnahmeprüfung ab. Wir wurden schriftlich und mündlich geprüft und ich bestand die Prüfung ohne Schwierigkeiten. Ich verabschiedete mich von Tatjana und den anderen Klassenkameradinnen - es ging in die Ferien. Ich freute mich schon auf ein Wiedersehen im Herbst.

Die Ferienzeit war für mich immer - und sie ist es heute noch - eine öde Zeit. Wahrscheinlich ist der Grund dafür die Tatsache, dass ich immer so gerne ein lustiges Geburtstagsfest veranstaltet hätte, jedoch dies, da mein Geburtstag in die Ferien fällt, nie möglich war. So bekam ich auch nicht so viele Geschenke, wie andere Kinder. Meine Eltern waren an diesem Tag immer besonders feierlich gestimmt, gingen mit mir in die Kirche und erinnerten mich immer daran, wie dankbar wir alle sein mussten, dass ich geboren wurde. Das stimmte mich sehr traurig und ich begann meinen Geburtstag zu fürchten.

Eigentlich ist es noch heute so. Denn für mich bedeuteten Feiern - und bedeutet es noch heute - alle Menschen, die ich liebe, um mich zu haben, ausgelassen zu sein, zu tanzen, die Sorgen zu vergessen, und - im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. In meinem ganzen, bisherigen Leben konnte ich mir diesen Wunsch nicht erfüllen. Auf das Thema Schenken, werde ich zu einem späteren Zeitpunkt zurückkommen.

Endlich kam also der September 1947, der Beginn des Gymnasiums. Es war nicht die Schule selbst, auf die ich mich so freute, vielmehr konnte ich es kaum erwarten, meine Schulfreundinnen, besonders Tatjana, wiederzusehen.

Informationen zum Artikel:

Kindheit III: In Wien

Verfasst von Carla Stanek

Auf MSG publiziert im März 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1946

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