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Die Geburt

von Carla Stanek

 

Brütende Hitze über Berlin. Stundenlange Aufmärsche von politisch aufgehetztem Pöbel, überlaute Kampfparolen gegen deutsche Juden. Eine schwüle, unheilschwangere Atmosphäre liegt über der Hauptstadt des Deutschen Reiches. Es ist das Jahr 1937. Die Fenster der großen Wohnung in der Lützowstraße müssen trotz Hitze geschlossen bleiben. Angst, Unsicherheit und Wehmut breiten sich an diesem Morgen im Herzen der jungen Frau, die bald Mutter sein würde, aus.

Wie gerne wäre sie in Montecatini Terme im Kreise ihrer Familie, in der schönen weißen Villa am Hügel inmitten der Toscana! Schmerzliche Sehnsucht nach Vater, Bruder, Schwägerin, Neffen in der fernen Heimat ergreift sie - heftiger und unmittelbarer als sonst. Nie hätte sie noch vor wenigen Monaten gedacht, dass sie eines Tages hier landen würde: in einem fremden Land, wo sie die Sprache nicht verstand, an der Seite eines Mannes, der aus einer ganz anderen Welt gekommen war und so viel älter war als sie.

Sie liebte und fürchtete ihn zugleich. Er war so anders als alles, was sie bisher gekannt hatte. Er war unsagbar schön, elegant und selbstbewusst. Der jüngste Sohn aus einer vornehmen Familie des venezianischen Hochadels, seit vielen Jahren im Ausland im diplomatischen Dienst tätig. Es schmeichelte ihr, dass dieser außergewöhnliche Mann, als er auf Kur in Montecatini gewesen war und sie zufällig bei einer Einladung gesehen hatte, gerade sie ausgesucht hatte, um seine Frau und die Mutter seines Kindes zu werden.

In diesem Augenblick ahnt sie, dass der Preis dafür sehr hoch sein würde. Noch höher als der Preis, den sie bisher bezahlt hatte: den Verzicht auf die herzliche, unkomplizierte Atmosphäre, die im Hause ihres ältesten Bruders geherrscht hatte, wo sie bisher zu Hause gewesen war.

Sie fühlt sich auf seltsame Weise einsam, ausgesetzt - nur das Kind unter ihrem Herzen gibt ihr ein Gefühl der Stärke und Geborgenheit. Ihm hatte sie schon viel in langen wortlosen Gesprächen erzählt.

In den vergangenen Monaten der Schwangerschaft hatte sie ihm ihre Sehnsüchte, ihre Ängste, ihre Zweifel und Hoffnungen anvertraut. Eine innige Verbundenheit, ja eine zärtliche Komplizenschaft verbindet sie schon jetzt, mit diesem unbekannten und doch schon so vertrauten Wesen in ihrem Bauch.

Fast kann sie es nicht mehr erwarten, diesem Kind ins Angesicht zu sehen. Sie weiß, daß mit seinem Kommen ihre Einsamkeit ein Ende haben würde und daß sein Dasein alles, worauf sie verzichtet hatte, aufwiegen würde.

In der freudigen Erwartung dieses Kindes fühlt sie sich mit ihrem Mann verbunden. Oftmals hatten sie darüber gesprochen, und sie weiß, dass auch er die Geburt seines ersten Kindes als Erfüllung und Höhepunkt seines Lebens betrachtet. Sie sieht sich um und betrachtet zum tausendsten Mal die vielen kleinen Dinge, die in ihrer Wohnung auf die nahe Geburt eines Kindes hindeuten. Alles ist bereit. Auch das Köfferchen für die Klinik steht bereit.

Vielleicht ist heute der große Tag. Ein Sonntag, ein Marienfeiertag, in Italien ein großes Fest - "Ferragosto". Das wäre ein gutes Omen - dachte sie - für sie selbst und für das Kind.

Am späten Vormittag, als sie gerade zum Mittagessen gerufen wurde, setzen heftige Wehen ein. Das Auto der Botschaft steht schon nach wenigen Minuten bereit, und sie wird in die Klinik nach Steglitz gefahren. Sie wird empfangen und in ein schönes Zimmer geführt. Sie versteht nicht, was zwischen ihrem Mann, dem Arzt und den Schwestern gesprochen wird, doch sie kann von den Gesichtern ablesen, daß alles nach Plan verläuft.

Dann - plötzlich - setzt irgendetwas aus. Sie verliert das Bewusstsein. Es ist ihr, als würde sie in einen langen, schwarzen Tunnel eintauchen. Sie weiß nicht, wohin er führt. Eine laute Stimme hallt in ihr und wiederholt im Rhythmus ihres Herzens: "Wo ist mein Kind, wo ist mein Kind?"

Als sie zu sich kommt, ist sie schweißüberströmt. Sie hört viele Stimmen in fremder, unverständlicher Sprache. Ein freundliches Gesicht beugt sich über sie und fragt etwas. Sie versteht nicht. "Mein Kind! Wo ist mein Kind? Ist es ein Mädchen oder ein Bub?" fragt sie in ihrer Muttersprache. Niemand versteht sie.

Sie springt vom Operationstisch, um ihr Kind zu sehen. Sie findet es nicht und bricht zusammen.

Als sie aus der Ohnmacht erwacht, hält sie das Kind im Arm. Es ist in tiefer Narkose. Man hatte ihm ein Feuermal, das Hals und Brustkorb bedeckte, operativ entfernt. Der Hals war verbunden.

Sie weiß nicht, warum das Kind - ein Mädchen, nach der Farbe des Wickelpolsters zu schließen - wie leblos in ihrem Arm liegt, sie weiß nicht, warum ihr Mann nicht da ist. Panik. Verzweiflung.

Nach unendlich langer Zeit kommt er. Der Vater des Kindes - strahlend und überglücklich. Das kleine Mädchen hatte kurz zuvor die Augen aufgemacht und sah nun ruhig und bestimmt seine Mutter

Informationen zum Artikel:

Die Geburt

Verfasst von Carla Stanek

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Deutschland, Berlin
  • Zeit: 1937

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