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Kindheit I: In Berlin

von Carla Stanek

Meine Erinnerung setzt beim großen Brunnen am Lützowplatz ein. Es ist Winter 1940. Ich laufe im Inneren des leeren Brunnens im Kreise und sehe meine Mutter am Rande stehen. Sie lacht mir zu und reicht mir - jedes Mal, wenn ich vorbeilaufe - einen kleinen Löffel mit einem köstlichen, zuckersüßen Brei.

Die Luft ist eiskalt und klar. Nach einer Weile hebt sie mich heraus und setzt mich in meinen Wagen. Sie schiebt ihn wenige Schritte bis zu unserem Haus. Dort angekommen, hebt sie mich heraus und trägt mich die Stiege hinauf.

Autorin als zweijähriges Kind auf einem Tisch, neben ihr ihre Mutter in vornehmer Kleidung
Mit meiner Mutter (1939)

Unsere Wohnung ist mir ganz deutlich in Erinnerung. Ich sehe sie so genau vor mir, daß ich sie aufzeichnen könnte: das riesige Bett meiner Eltern mit der azurblauen Seidendecke, die Spiegel, die Fotografien in silbernen Rahmen, die kostbaren Teppiche; mein Zimmer mit meinem Lieblingsspielzeug, einer großen Puppenküche mit kleinen Kochtöpfen und Puppengeschirr; das Arbeitszimmer meines Vaters immer geheimnisvoll verschlossen, daran anschließend der elegante Salon und das Speisezimmer. Und der "Kleine Boden" (meine Eltern verwendeten diesen deutschen Ausdruck dafür). Es war dies eine über einige Stufen erreichbare Speisekammer, wo alles verwahrt war, was mein Vater an Schlemmereien und Köstlichkeiten aus Italien für uns importiert hatte. Darin duftete es nach Konfekt, Prosciutto, Käse und Spezereien.

Das Vorzimmer hatte für mich eine besondere Bedeutung. Neben der Eingangstüre stand ein kleiner Korbsessel, der mir dazu diente, durch den Briefschlitz zu hören, wenn mein Vater, aus der Botschaft heimkommend, in das Haus eintrat.

Hörte ich im Flur seine Schritte, ging unser tägliches "Ritual" los. "Papà!" rief ich dann, und er antwortete "Pupetta!" (was ich mit "Püppchen" übersetzen könnte) - solange, bis er die Eingangstüre aufsperrte und ich an ihm hinaufspringen konnte. Ich spüre noch heute ganz deutlich die kalte Luft, die durch den Briefschlitz meine Augen und meine Nase streifte und höre noch heute seine immer näher kommenden Schritte.

Im selben Haus wohnte eine sehr vornehme, jüdische Familie mit drei kleinen Kindern. Das jüngste Kind war in meinem Alter. Hin und wieder besuchten wir uns gegenseitig. Ich bewunderte meinen Vater, weil er die Sprache der Nachbarsfamilie sprach. Bald merkte ich jedoch, dass die Gespräche, die Erwachsene führten, irgend etwas Bedrohliches zum Inhalt hatten.

Mein Vater übersetzte meiner Mutter, und ich hörte immer wieder Worte wie "Gefahr", "wie lange noch?", "Bomben", "Lager" usw. Vom Gesicht meiner Mutter konnte ich ablesen, dass auch sie sehr besorgt war. Aus dem Radio klang sehr oft die bellende Stimme eines Mannes, und immer öfter mussten wir die Wohnung verlassen und in den Keller der nahegelegenen Botschaft laufen.

Meine Mutter hatte mir eigens zu diesem Zweck einen Overall aus kamelfarbenem Wollstoff anfertigen lassen, der mir - wenn die Sirene nachts erklang - über den Schlafanzug angezogen wurde, um beim Anziehen keine Zeit zu verlieren.

Eines Nachts - ich hatte Scharlach - gab es wieder Bombenalarm. Ich wurde in meinen Overall gesteckt und, weil ich hohes Fieber hatte, in einen Wäschekorb gelegt. Mein Vater und sein Sekretär, der uns schon vorher bei jedem Alarm behilflich gewesen war, trugen mich im Laufschritt über die Stiege hinunter. Doch plötzlich löste sich ein Henkel des Wäschekorbs, und ich kollerte die harte Stiege hinab.

Mein Vater hob mich auf, nahm mich in den Arm und lief aus dem Haus, hinaus auf die Straße in Richtung Botschaft. Durch den Vorfall hatten wir etwas Zeit verloren, so daß uns die Projektile der Luftabwehr, "Flak" genannt - nur so um die Ohren pfiffen.

Endlich kamen wir zur Botschaft und erreichten den Keller, der für Botschaftsfunktionäre eingerichtet war und in welchem sich von einer großen Küche bis zur Hauskapelle alles befand, was man im Notfall zum längeren Überleben brauchte. Dieser Keller galt - im Gegensatz zum Keller unseres Hauses - als absolut "bombensicher".

Dort angekommen, bemerkte mein Vater, dass meine Mutter und mein Kindermädchen, eine junge Frau aus Südtirol, nicht mitgekommen waren. Blankes Entsetzen spiegelte sich im Gesicht meines Vaters wider. Er übergab mich der Obhut der Botschaftsangestellten und lief zurück. Ich schrie und weinte so laut, dass alle zusammenliefen, um mich zu trösten.

Es verging unendlich viel Zeit, bis mein Vater mit Mutter und Kindermädchen endlich wiederkamen. Später erfuhr ich, dass sich das Mädchen, von einem hysterischen Lachkrampf geschüttelt, auf der Stiege unseres Hauses plötzlich geweigert hatte, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Meine Mutter konnte und wollte sie nicht alleine zurücklassen. Meinem Vater gelang es dann, sie zum Weitergehen zu überreden.

Eines Nachts hörten wir im Stiegenhaus den Lärm genagelter Soldatenschuhe, Schreien und Weinen. Mein Vater zog seinen Morgenmantel über und lief vor die Tür. Unsere Nachbarsfamilie wurde von der SS abgeholt. Mein Vater versuchte einzuschreiten, sagte, wer er sei - doch nichts half. Sie wurden alle fünf abgeführt. Ich weiß, dass er durch die Botschaft alles versuchte, um die Familie wiederzufinden - doch schließlich musste er resignieren. Später erfuhren wir, dass sie alle in Dachau umgekommen waren.

Kurz nach diesem Vorfall entschied mein Vater - auf Grund der immer häufiger und schwerer werdenden Bombenangriffe -, dass meine Mutter und ich Berlin verlassen und in Montecatini bei der Familie meiner Mutter das Ende des Krieges abwarten sollten.

Der Tag unserer Abreise kam. Wir fuhren - wie schon so oft zu Beginn des Sommers in den Jahren davor - mit dem direkten Schlafwagen Berlin-Florenz von Berlin Anhalterbahnhof ab. Diesmal hatte meine Mutter zehn Koffer gepackt. Allein drei davon waren mit Silbergegenständen und Silberbesteck vollgestopft. In den anderen Koffern befand sich Bettwäsche, Tischwäsche, Fotografien, Bücher, Spielzeug etc.

Ich hatte - wie mir gesagt wurde - als Folge des Scharlachs ein steifes Bein. Das Gehen fiel mir schwer, und so trug mich mein Vater bis ins Schlafabteil. Ich konnte nicht fassen, dass er nicht mit uns nach Italien fahren würde, und war so betroffen, dass ich nicht einmal weinen konnte. Beiden Eltern flossen die Tränen über die Wangen. Ich hatte schreckliche, unsagbare Angst.

Nachdem der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte und die Gestalt meines Vaters immer kleiner wurde und schließlich verschwand, kuschelte ich mich an meine Mutter und schlief erschöpft ein. Ein Ruck riss mich nach einigen Stunden aus dem Schlaf. Ich hörte wie die Türen der Abteile auf und zugemacht wurden, Stimmen sprachen in aufgeregtem Ton durcheinander. Meine Mutter rief den italienischen Schlafwagenschaffner und fragte, was denn passiert sei.

Die Bahnstrecke sei in einiger Entfernung bombardiert worden, so dass der Zug nicht weiterfahren könne. Wir sollten den Zug so schnell wie möglich verlassen und in Richtung Innsbruck gehen. Dort gäbe es vielleicht eine Möglichkeit, ein Stück weiterzukommen.

Meine Mutter nahm mich in den Arm, griff zu ihrer Handtasche und einem kleinen Necessaire und schickte sich an, das Abteil zu verlassen. Doch ich schrie und tobte, was ich nur konnte. Um keinen Preis der Welt wollte ich unsere Koffer verlassen. Ich schrie so lange, bis meine Mutter den Schlafwagenschaffner und seinen Kollegen - mit der Aussicht auf ein fürstliches Entgelt - dazu bewegen konnte, die Koffer zu schultern und uns zu begleiten.

Es war stockfinstere Nacht. Eine Karawane von verschlafenen, verschreckten Menschen bewegte sich entlang der Bahntrasse. Jeder von ihnen hatte schweres Gepäck zu tragen. Kinder weinten. Im Morgengrauen erreichten wir Innsbruck. Die Stadt war ein einziges Feuer. Die Menschen versuchten zu retten, was noch zu retten war, und warfen alle möglichen Gegenstände aus den Fenstern der brennenden Häuser.

Trotz Erschöpfung, Hunger und Angst bleibt mir bis heute das Bild eines Mannes in Erinnerung, der gerade eine brennende Wiege aus dem Fenster warf. Ich dachte, daß vielleicht das Kind noch darinnen läge und war gelähmt vor Entsetzen.

Ich humpelte an der Hand meiner Mutter bis zum Bahnhof. Dort bot sich uns ein furchtbares Bild. Hunderte erschöpfte, ausgehungerte Menschen, denen das Grauen ins Gesicht geschrieben war, saßen und lagen überall herum. Einige von ihnen lagen auf den vorspringenden Stucksimsen entlang den Wänden des Wartesaals, hoch über den Köpfen der anderen, und schliefen. Offensichtlich war schon seit Tagen kein Zug in irgendeine Richtung gefahren, und alle warteten auf eine Möglichkeit, von hier fortzukommen.

Plötzlich fiel meiner Mutter auf, dass ich schon seit fast 12 Stunden nicht "Pipi" gemacht hatte. Sie zerrte mich in eine grausige Toilette und flehte mich unter Tränen an, es doch zu versuchen. Ich erinnere mich, dass ich alles dafür gegeben hätte, ihr diese Freude zu machen - doch es gelang nicht.

Als wir aus der Toilette zu unseren treuen "Kofferträgern" zurückkamen, erwartete uns die freudige Nachricht, dass einer der beiden Männer einen kleinen, dreirädrigen Lastwagen organisiert hatte, der uns - selbstverständlich gegen Entgelt - ein Stück Richtung Süden, jedenfalls über die italienische Grenze, bringen würde.

Wir verließen den überfüllten Bahnhof, und mir war klar, welches Glück wir hatten, wie privilegiert wir waren und welch fast lebensrettende Macht Geld hatte.

Wir stiegen auf die Ladefläche des Wagens. Wir waren glücklich und unsagbar erleichtert. Wir fuhren wieder vorbei an brennenden Häusern, an weinenden, verzweifelten Menschen, hinaus aus der Stadt dem Brenner entgegen.

Autorin als etwa zweijähriges Kind auf einem Tisch sitzend, daneben Mutter und Dienstmädchen auf Sommerfrische in Südtirol
Auf Sommerfrische in Südtirol

Ich weiß nicht, wie lange wir so dahinfuhren. Ich schlief im Schoß meiner Mutter ein. Irgendwann blieb das Fahrzeug stehen, und ich konnte endlich - zur allgemeinen Freude - mein kleines Geschäft verrichten.

Knapp vor Bozen hörten wir einen Zug pfeifen. Sofort fuhr der Lenker des Lastwagens zum nächsten Bahnhof. Dort wurde uns gesagt, dass einige Züge Richtung Italien wieder verkehren würden. Am Bozner Bahnhof angekommen, stand - wie durch ein Wunder - der Zug, den wir vor Innsbruck verlassen mussten. Wir stiegen ein und nahmen unser Abteil wieder ein. Sogar mein Bilderbuch, das ich in der Eile vergessen hatte, lag genauso dort, wie ich es zurückgelassen hatte.

Nach einiger Zeit fuhr der Zug los. Meine Mutter herzte und streichelte mich ohne Unterlass, sie strahlte. Ich hatte das gute Gefühl, auch etwas Wesentliches zu unserer "Rettung" beigetragen zu haben - denn ich hatte doch schließlich die Koffer, unser ganzes Hab' und Gut, "gerettet".

Der Zug blieb in jedem Dorfbahnhof stehen, um neue Reisende aufzunehmen. In einer Kurve sah ich, dass der Zug so überfüllt war, dass Menschentrauben an den hinteren Waggons hingen. Ich machte mir keine Gedanken darüber, wieso meine Mutter und ich uns allein ein geräumiges Abteil mit allem Komfort teilten.

In einer kleinen Station irgendwo in der Toscana hörten wir plötzlich unseren Namen aus dem Lautsprecher! Wir wurden dringend gesucht und gebeten, in das Büro des Bahnhofsvorstandes zu kommen. Im Büro wurde meiner Mutter der Hörer gereicht. Als sie die Stimme erkannte, die aus der Leitung sprach, konnte sie nicht antworten, die Emotion hatte sie überwältigt.

So reichte sie mir den Hörer. Ich sagte, ohne zu fragen, wer in der Leitung sei: "Papà?". Er war es. Seit 48 Stunden hatte er - nachdem ihm gesagt wurde, dass die Bahnlinie bombardiert worden war - alle Bahnhöfe auf der Strecke anrufen lassen. Jetzt hatte er uns endlich gefunden.

Es sollte für lange Zeit das letzte Mal sein, dass ich seine Stimme hören durfte.

Informationen zum Artikel:

Kindheit I: In Berlin

Verfasst von Carla Stanek

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Deutschland, Berlin / Italien
  • Zeit: 1940 bis 1945

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