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Laufen ohne stehenbleiben 11

von Birgit Meinhard-Schiebel

Meine Geschwister leben noch. Ich besuche sie, um mir Gewißheit zu verschaffen. Draußen, in dem Dorf, in dem sie als Kinder "verteilt" wurden, um wenigstens örtlich beisammen bleiben zu können. Hilde hat 6 Mädchen geboren. Sie sind alle gleich, rotblond, sommersprossig, zahnlos. Leopoldine hat zwei Söhne, eine Tochter, die Brigitte nach mir heißt, und einen Mann.

Der eine Sohn steht neben mir, wir sehen gemeinsam in den Spiegel. Ich sehe eine Sippe, die mir ähnlich sieht. Den Augenschnitt, die vielen Haare, die Figur. Meine Schwestern sind liebevoll. Wie damals. Sie machen mir Geschenke und bedauern, mir nicht ein Leben lang Geschenke gemacht zu haben. Die Kinder umschwärmen die Tante aus der Stadt, die ein eigenes Auto hat und Geschenke mitbringt.

Susanna [eine Freundin] bewegt sich natürlich in einer großen Familie, lacht, plaudert, verbindet die Füße der Schwiegermutter und trinkt mit dem Großvater einen Schnaps. Meine dritte Schwester, Maria, wohnt in der Stadt. Sie erzählt mir. Von "meinem" Vater. Das Bild, das sie mir von ihm schenkt, gibt ihn mir zurück.

Er ist es. Ein Mann mit großem Gesicht, einer großen Nase, mit einem Wust von dunklen Haaren und einem schmalen Mund. Streng, gerecht, hart, willensstark. Ich erkenne mich wieder. Auch den Zorn, auch die Ungeduld, auch die Verachtung für Mißerfolge. Ich gehe fort von ihnen, um nicht mehr zu kommen. Sie haben mir meine Identität gegeben. Ich will nicht mehr wissen, nicht mehr haben, nicht mehr bekommen.

Aus dem Buch: "Laufen ohne stehenbleiben. Bericht eines An-Kindes-Statt-Kindes" von Birgit Meinhard-Schiebel. Publikation: 1985, Wiener Frauenverlag.

Informationen zum Artikel:

Laufen ohne stehenbleiben 11

Verfasst von Birgit Meinhard-Schiebel

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1970 bis 1979

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