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Laufen ohne stehenbleiben 07

von Birgit Meinhard-Schiebel

Ich lese viel, auch Torbergs "Schüler Gerber". Frage Anna wegen einer Todesart, die sicher ist. Zum Beispiel "Pulsadern-Aufschneiden". Sie antwortet steril, sachlich. Ich übe daheim, lasse heißes Wasser über die Gelenke laufen, schneide in die Haut hinein. Es geht.

In einem Park vor meiner Dienststelle schneide ich weiter, tiefer, blute, schneide vier- oder fünfmal. Es schaut scheußlich aus. Klafft auseinander. Ich ziehe meine Ärmel darüber, gehen zur Arbeit. Und lande im nahen Krankenhaus. Eine Nonne holt den Arzt. Sie klammern die Wundränder zusammen, sprechen von Glück gehabt und unverletzten Sehnen und reden auf mich ein. Alle zugleich. Ich beginne zu weinen.

Zwei Polizisten und eine weibliche Beamtin holen mich, führen mich aus dem Krankenhaus ab. Im Funkstreifenwagen komme ich ins Kommissariat. Bis der Amtsarzt kommt, sitze ich beim Arrestbeamten, der mir alles abnimmt, Schuhbänder, Gürtel. Der Amtsarzt weiß, was ich habe. Ich bin schwanger. Das erstaunt mich. Er bleibt dabei, ich auch. Ich weiß, daß es nicht stimmt. Ich habe nicht mit Gundi noch mit wem anderen geschlafen.

In der psychiatrischen Klinik fragt mich der Aufnahmearzt dasselbe. Offensichtlich gibt es für meine Altersstufe nur einen einzigen Grund, Selbstmord begehen zu wollen. Ich weigere mich, den vorgeschriebenen Grund anzunehmen. Den wirklichen weiß ich nicht. Ich will nicht mehr leben. Mit 17 ist also Schluß. Ich will Wärme und Liebe. Hier gibt es sie also auch nicht.

Es gibt Fenster und Türen ohne Griffe, Klosetts ohne Türen, mit Western-Saloon-Schwingtüren, bei denen oben der Kopf und unten die Füße herausschauen. Es ist die geschlossene Abteilung. Ich werde in ein Bett geschickt, muß den Arm frei machen und bekomme eine Spritze. Danach schlafe ich sofort ein.

Beim Aufwachen ist meine Chefin, Psychologin meiner Dienststelle, an meinem Bett. Ich bin ihr dankbar und stumm. Anna kommt und murrt. Meine Lehrerin kommt auch. Mit wehendem Mantel läuft sie den langen Gang entlang und nimmt mich in die Arme. Anna ist wütend. Sie hat geahnt, daß ich etwas vorhabe. Hat meine Frage, wie das geht, absichtlich falsch beantwortet. Gewußt, was geschehen ist, als die Polizei zu ihr kommt.

Helene ist empört. So etwas tut man nicht und überhaupt, was sollen die Leute denken, das Kind ist in der Psychiatrie, bei den Irren.

Aus dem Buch: "Laufen ohne stehenbleiben. Bericht eines An-Kindes-Statt-Kindes" von Birgit Meinhard-Schiebel. Publikation: 1985, Wiener Frauenverlag.

Informationen zum Artikel:

Laufen ohne stehenbleiben 07

Verfasst von Birgit Meinhard-Schiebel

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1960 bis 1969

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