Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen: 1052 Beiträge

Laufen ohne stehenbleiben 06

von Birgit Meinhard-Schiebel

Das interessante Liebesleben meiner Kindertage, das alles andere als platonisch war und alle Knaben meiner Umgebung betraf, solange sie für mich greifbar waren, hat sich im Lauf der letzten Jahre immer mehr auf Mädchen konzentriert. Ich liebe ihre weiche Haut, ihre Haare, ich bevorzuge Mädchen, die kleiner sind, weil ich dann größer bin. Ich schlage mich um und für sie, verteidige sie und genieße es immer mehr, wenn sie zärtlich sind. Sexuelle Ansprüche stelle ich, je älter ich werde, immer weniger. Ich werde schüchtern und phantasievoll.

Die jungen Männer sind mir fremd. Ich kann nichts mit ihnen anfangen, und ihre derben, ungeschickten Handgreiflichkeiten gehen mir rasch auf die Nerven. Anna kümmert sich darum überhaupt nicht. Ihre letzten Versuche, mich doch noch aufzuklären, lehne ich sofort ab. Ich weiß alles. Was ich nicht weiß, will ich von ihr nicht erfahren.

Die Aufnahmsprüfungen in die Kindergärtnerinnenschule sind ein Alptraum. In der einen werde ich nicht genommen, weil meine Stimme zu tief ist. Mir ist diese Begründung, die ich sogar schriftlich bekomme, unerklärlich. Mein Stolz ist gekränkt. In der anderen, die ich nicht ausstehen kann, weil sie genau neben der Schule liegt, in der ich die ersten Klassen der Volksschule besucht habe, nimmt man mich. Von 300 Bewerberinnen werden 30 ausgesiebt. Ich bin dabei und stolz auf mich.

Aber schon in der ersten Woche geht mein Kindertraum zugrunde. Mir ist völlig unklar, weshalb ich mit 30 blöden Gänsen unentwegt kochen und basteln muß oder rechnen soll, anstatt mit Kindern Handball zu spielen oder Hütten zu bauen. Die ganze Schule finde ich idiotisch. Das einzige Fach, in dem ich überhaupt ein "Sehr gut" bekomme, weil ich offensichtlich gut bin, ist "Praxis". Meine dunkle Stimme, die ein Ablehnungsgrund war, hilft mir, denn die Kinder hören mich, und die piepsigen Stimmen meiner kichernden Kollegen gehen im Lärm unter.

Ich lebe mein eigenes Leben - neben Anna, träume, habe Ideen, will nicht nur träumen, will das auch alles tun. Ich will eine Bühne gründen und Theater spielen. Angefangen damit habe ich auf einer Laienbühne, zu der Anna mich geschleppt hat. Ich spiele Weihnachtsengel, Pagen und finde es recht blöd, zwischen schwitzenden Lehrern und verhinderten Regisseuren, die tagsüber ihren Textilladen führen, vor der versammelten Kongregationsgemeinschaft zu spielen. Ich will etwas Ordentliches spielen.

In einer Jugendsendung des Rundfunks wird meine Bitte um Mitspieler und um Räume für mein Theater verlesen. Ich bekomme beides sofort - und Anna tobt und verbietet es mir. Sie will ihren Namen nicht in der Öffentlichkeit wissen, nicht meinen mit ihrem. Ich bekomme eine Auflage, muß ins Funkhaus gehen, um ein Dementi zu erreichen. Es endet mit einem Engagement für die Jugendsendung. Dort bleibe ich ein Jahr lang im Team.

Aus dem Buch: "Laufen ohne stehenbleiben. Bericht eines An-Kindes-Statt-Kindes" von Birgit Meinhard-Schiebel. Publikation: 1985, Wiener Frauenverlag.

Informationen zum Artikel:

Laufen ohne stehenbleiben 06

Verfasst von Birgit Meinhard-Schiebel

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1960 bis 1969

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.