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Laufen ohne stehenbleiben 04

von Birgit Meinhard-Schiebel

Annas zahlreiche Besuche bei Freunden führen zu zahlreichen Gegenbesuchen. Wir fahren von Einladung zu Einladung. Ich werde herumgereicht. Ein Mann fragt verwundert, woher ich denn bloß käme. Anna zwinkert vielsagend, dann schreibt sie etwas auf einen Zettel. Er nickt, starrt mich nochmals an. Anna steckt den Zettel weg, und wir steigen in einen Bus.

Daheim stehle ich mir den Zettel aus der Tasche. "Ist adoptiert." steht darauf.

Helene findet mich weinend im Bett. Ich brauche lange, um sagen zu können, weshalb. Anna kommt dazu. Sie streiten lange in der Küche. Ich weine. Irgendwann kommt Anna wieder und redet mit mir. Erklärt mir etwas von meiner wirklichen Mutter und daß ich ein Kind der Liebe sei. Und außerdem noch drei Geschwister hätte. Ich habe es längst beschlossen, sie ab sofort nicht mehr lieben zu wollen. Ab jetzt gleich und rückwirkend auch noch.

Das, was sie mir angetan haben, ist Betrug. Schwerer Betrug. ich beschließe, sie zu ertragen, so lange mir nichts anderes übrigbleibt. Und sie dann zu verlassen. Außerdem kann ich nur froh sein, in Wirklichkeit andere Eltern zu haben. Gescheite, liebenswerte, schöne, edle. Keine alten Streithammeln. Und überhaupt kann ich nur froh sein, nichts von ihnen zu haben, nichts, weder die Nase noch die Hände, noch die Haare noch die Augen. Ich habe alles von mir selbst. Und alles gehört mir allein.

Anna bringt mir ein Bild meiner Mutter. Einer kräftigen, sportlich gebauten Frau mit einem runden, ruhigen Gesicht. Ich kann die fremde Frau nicht erkennen. Nur die Augen kenne ich aus dem Spiegel. Ich habe auch von ihr nichts, ich gehöre mir.

Ich bin erschöpft und am Ende angelangt. Ab da ändere ich meinen Namen laufend, verändere mein Leben. Daß ich adoptiert bin, erzähle ich zur Vorsicht lieber nicht. Das ist zuviel der Schande. Der Bruch ist geblieben. Davor und dahinter liegen zwei Kindheiten. Dort, wo ich vorher mit Diebstahl und Betrug gut leben konnte, ist plötzlich kein Platz mehr. Ich muß auf mich selbst aufpassen, strenge Gesetze erheben sich rund um mich. Das tut man, das tut man nicht. Nicht die anderen bestimmen jetzt, was gut oder böse ist, sondern ich.

Ich bin frei von ihnen. Sie sind da, weil sie es müssen. Ich brauche sie nicht mehr. Meine Pläne reifen im Kopf, unsichtbar. Ich gehe durch meine Kindheit, so rasch ich nur kann. ich will heraus, dazu gehört ein Beruf, um Geld zu verdienen.

Reiche Märchenprinzen lerne ich im Kino kennen. In greifbarer Nähe erschrecken sie mich nur. Sie sind mir fremd, sie riechen fremd. Ich probiere sie aus, kann aber keine Vertrautheit spüren. Mädchen sind weich, warm, näher. Ich bin mir selbst am nächsten. Ich verlasse mich auf niemanden.

Aus dem Buch: "Laufen ohne stehenbleiben. Bericht eines An-Kindes-Statt-Kindes" von Birgit Meinhard-Schiebel. Publikation: 1985, Wiener Frauenverlag.

Informationen zum Artikel:

Laufen ohne stehenbleiben 04

Verfasst von Birgit Meinhard-Schiebel

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1950 bis 1959

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