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Laufen ohne stehenbleiben 03

von Birgit Meinhard-Schiebel

Ich heiße Schiebel und nicht mehr Grill. Anna hat mir erklärt, sie hätten mich deshalb so gerufen, früher, weil ich wie eine kleine Grille ausgesehen hätte. Jetzt habe ich viereckige Knie, bin knochig und sehe immer noch sportlich und aktiv aus.

Im Kinderballett, wo mich Anna hinschleppt, sitze ich auf dem Fußboden und trotze. Ich habe keine Grazie, sondern schaue wie ein verhinderter Minifußballer aus. Drahtig, muskulös und blond. Wenn ich meine Lederhosen anhabe, sagen nur meine dicken Zöpfe etwas über mein Geschlecht aus.

Auch als "Veilchen" bei einem Auftritt in der Schule fühle ich mich alles andere als zart und blumenhaft. Jedes Froschkostüm wäre mir lieber. Aber Frösche gibt es im Märchen immer nur einen, Veilchen leider eine Menge.

Die Buben in der Schule sind prüde, viel prüder, als ich es mir träumen lasse. Sie auszuziehen ist Schwerarbeit. Ich lasse mich ins Bubenklo einsperren. In der Pause. Und staune, daß Buben und Lehrer in einer Reihe in die Rinne pinkeln. Mein Gegendienst ist, daß ich einen Buben ins Mädchenklo einschmuggle. Er ist enttäuscht.

Anna hat ein braves Kind. Ich prügle mich hin und wieder im Hof herum. Die wahren Abenteuer kennt sie nicht. Wir klettern in den Ruinen des vergangenen Krieges herum, lockern systematisch Ziegelstein um Ziegelstein vom untersten Ende der Mauer. Nur eine Erwachsenenaktion rettet uns davor, von herabstürzenden Mauerteilen erschlagen zu werden. Anna bleibt cool, ihr medizinisches Interesse an mir wächst. Ich habe Abschürfungen, weil ich bei der Flucht vor den Trümmern über die hohe Mauer gerutscht bin. Meine brennenden und roten Oberschenkel behandelt sie erbarmungslos, bis sie völlig steril sind.

Hanneliese, Gabi und ich beherrschen den Hof. Gigi ist unser Sklave. Er heult und wimmert nach seiner Mama. Sie liegt im Fenster und tröstet den Gigi, den wir verdreschen, wenn sie nicht im Fenster liegt. Huschi ist noch klein, sehr hübsch. Sie darf mitspielen, wenn wir nicht gerade Terror machen.

Huschis Großvater ist Jude. Ich habe keine Ahnung, was das ist. Die Kinder aus den anderen Höfen kommen. Buben sind dabei. Sie werfen Steine nach ihm und drohen. Ich verstehe nichts und verstehe alles. Mir ist kalt auf der Haut und unter der Haut. Ich habe Angst vor der Angst des alten Mannes. Erst mit der Wut, die kommt, wird mir wärmer. Und wenn der alte Mann droht und schreit und die Kinderbande abhaut, dann bin ich ihm dankbar.

Aus dem Buch: "Laufen ohne stehenbleiben. Bericht eines An-Kindes-Statt-Kindes" von Birgit Meinhard-Schiebel. Publikation: 1985, Wiener Frauenverlag.

Informationen zum Artikel:

Laufen ohne stehenbleiben 03

Verfasst von Birgit Meinhard-Schiebel

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1950 bis 1959

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