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Laufen ohne stehenbleiben 01

von Birgit Meinhard-Schiebel

Zu meinen ersten Lebensfilmen gehört das Gewitter. Der Sturm, der über die Floridsdorfer Brücke fegt. Und die Menschen, die den Großvater mit seinem gelähmten Arm von der Straßenbahnstufe drängen. Dann laufen Helene, Großvater und ich den schwarzen Wolken entgegen. Unter uns die Donau und brennende Hütten. Irgendwo, in der Mitte der Brücke, reißt der Film. Nur ein Bild gibt es noch, ich, klein und trockengeschrubbt, in einem langen weißen Herrenhemd am Fenster. Herr Pecvar, Großvaters Freund, der Schuster, hat uns Unterschlupf gegeben. Der Regen ist draußen vor den Fenstern, und ich schaue ihm zu.

An Anna kann ich mich nicht erinnern. Alle Kindertage sind lange Zeit "annalos", nur ihre Stimme muß schon früher dagewesen sein. Laut, lauter als alle anderen, so laut, daß sie auch ohne Bild schon lange da war.

Anna hat mich adoptiert. Bald nach dem Krieg. Ich habe sie nie gefragt, weshalb. Weil ich sie überhaupt nie frage. Weil ich keine Antworten will. Sie erzählt mir, daß ich so einen hinreißenden Po gehabt hätte, zum Hineinbeißen. Später hat sie das, gottlob, nicht getan. Ob die Geschichte vom Großvater wahr ist, der von drei aus dem Fenster gehaltenen Babies eines - mich - ausgesucht hat, weiß ich nicht. Ich verlasse mich lieber auf meine eigenen, nicht vorhandenen Erinnerungen.

Annas Wirbelwindtaktik schlägt bald nach dem Gewitter zu. Großvater und Helene, Annas Schwester, bringen mich zum zerbombten, zahnlosen Bahnhof. In langen, müden Zügen rollen Helene und ich in die Schweiz. Mürrische Frauen wollen meinen Platz. Ich sehe schwarze Fenster und lehne an Helenes Knien. Helene übergibt mich Anna.

Sie arbeitet in einem Sanatorium. Ich soll endlich zu ihr kommen. Heute fallen mir dazu immer Szenen aus dem Kinderfilm "Heidi" ein. Jenem Tränendrüsenfilm, der in der x-ten Fassung heutige Kinder zum stundenlangen Heulen bringt. Wann ich ihn gesehen habe, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, daß Großvater Mühe hat, das heulende kleine Ding überhaupt aus dem Kino zu bringen. Und trösten muß. Geweint habe ich für ihn. Weil auch Heidis alter Großvater, der Öhi, über die Wiesen läuft, hinter der Kutsche her, die ihm Heidi fortnimmt.

Aus dem Buch: "Laufen ohne stehenbleiben. Bericht eines An-Kindes-Statt-Kindes" von Birgit Meinhard-Schiebel. Publikation: 1985, Wiener Frauenverlag.

Informationen zum Artikel:

Laufen ohne stehenbleiben 01

Verfasst von Birgit Meinhard-Schiebel

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1940 bis 1949

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