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Ich bin halt einfach hingegangen

von Birgit Meinhard-Schiebel

Politik ist bei mir daheim kein Thema gewesen. Besser gesagt, ich habe das Wort nicht einmal gekannt. Ich kann mich nicht erinnern, dass daheim eine Tageszeitung herumgelegen wäre. Nur auf dem Klo gab's Zeitungsblätter, zerschnitten, in einem Holzkasterl. Ich habe meine Zeit damit verbracht, die Seiten wieder richtig zusammenzusetzen und sie zu lesen, keine Ahnung, was darauf stand.

Im Radio habe ich lange Zeit nur aufmerksam die Verlesung der Namen der Heimkehrer verfolgt, weil ich dachte, es könnte mein Vater darunter sein. Dass er es gar nicht hätte sein können, weil es ihn unter diesem Namen gar nicht gegeben hat, das ist eine andere Geschichte. Aber die will ich gar nicht erst beginnen, zu erzählen.

Also das Wort Politik habe ich nicht gekannt. In der Straße, in der ich gewohnt habe, gab es mehrere Gassenlokale, in denen verschiedene Kinder- und Jugendgruppen ihre Heimnachmittage hatten. Meine Freundinnen und Freunde gingen dort hin. Ich war immer schon gern unterwegs, zuerst im eigenen Gemeindebau, bei den Nachbarinnen, meist älteren Frauen.

Dort habe ich Kaffee getrunken (oder war es etwas anderes, ich weiß es nicht mehr) und geplaudert, dann habe ich langsam mein Umfeld ausgeweitet. Und habe je nach Wochentag ein anderes dieser Gassenlokale aufgesucht, in die die anderen Kinder verschwunden sind, anstatt im Hof zu spielen.

Die Heimnachmittage waren meistens lustig, Gruppenspiele, Singen usw. standen auf dem Programm. Und je nach Parteizugehörigkeit gab es da wohl auch die ersten politischen Erziehungsversuche. Einen Nachmittag bei der Volkspartei, einen bei der Sozialistischen Partei, einen bei der Kommunistischen und einen bei der katholischen Jugend. Mir war es gleich.

Daheim habe ich nicht viel von meinen Nachmittagen erzählt. Ich war gewöhnt daran, ungehindert meiner Wege gehen zu können. Wichtig war nur, dass ich pünktlich wieder daheim war.

Dass Politik scheint's etwas Schwieriges ist, habe ich erst mitbekommen, nachdem es Zuhause Krach gegeben hat, weil meine Tante keine Lust hatte, mit mir zur Unterzeichnung des Staatsvertrages zu gehen und meine Mutter sie deshalb ziemlich beschimpft hat. Da dachte ich mir, dass politische Ereignisse zu den eher unangenehmen Ereignissen gehören. Weil wenn es deshalb so einen Krach daheim gibt, dann kann das nichts Gutes sein.

Informationen zum Artikel:

Ich bin halt einfach hingegangen

Verfasst von Birgit Meinhard-Schiebel

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1950 bis 1959

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