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Der Maulbeerbaum im Schlossgarten

von Anna Nagel

Meine Mutter

Ich war ja ein sehr, sehr anhängliches Kind. Meine Mutter hat's nicht leicht gehabt, sie war ja allein. Und einmal war sie bei einer Freundin eingeladen und ich hätt bei der Großmutter bleiben sollen. Ich hab nix gesagt, aber das wollt ich nicht. Und dann bin ich ihr nachgelaufen. Und wie ich dort war, hat sie gesagt, das geht ja nicht, es ist doch schon spät und es gibt da eine Unterhaltung und ich soll doch nach Hause gehen. Und wirklich hat sie mich nach Haus gebracht. Aber ich bin immer wieder zurück zu ihr, gleich nachher noch einmal.

Da war ich schon ein grausliches Kind, wo meine Mutter doch eh sonst nicht viel gehabt hat. Wir haben ja auch nur ein einziges Bett gehabt. Das ging so über Eck. Und in der Nacht hab ich mich immer zu ihr hingekuschelt unter ihren Arm. Und sobald ich bemerkt hab, dass der Arm schwerer wird, hab ich ihn noch fester genommen und mich noch enger hingedrückt.

Schlimm war das dann, wie meine Mutter in Dienst gegangen ist. Da ist sie nach Wien. Das war eh nicht so lang, weil sie dann geheiratet hat. Aber trotzdem. In der Zeit bin ich zu Hause geblieben, ohne Mama. Jeden zweiten Samstag ist die Mutter auf Besuch gekommen. Und wenn sie weg hat müssen, dann hab ich sie begleitet, bis zu dem einen Gasserl, bis zu den Stauden. Dort hab ich mich immer hingesetzt und bitterlich geweint. Die Mutter hat mir immer gut zugeredet, und gesagt, ich soll doch aufhören und sie wird mich bald zu sich holen. Aber schön war das nicht. Na und dann nach drei Jahren bin ich eh schon nach Wien gekommen.

Der Maulbeerbaum

Bei meiner Erstkommunion, da sind alle Kinder nachher ins Schloss zu einer Jause eingeladen worden. Es hat Torte und sogar Kakao gegeben. Ich glaub, auch einen Gugelhupf. Das war was für uns. Normalerweis haben wir so was nicht gehabt. Und der Herr Graf und die Frau Gräfin, die haben sehr lieb mit uns Kindern geplaudert und dann sind sie gegangen. Wir haben noch bleiben dürfen und uns unterhalten, aber dann haben wir auch gehen müssen. Das Dienstmädel war noch da.

Die Herrschaften waren so alle drei Wochen da. Aus Böhmen waren sie. Das waren so Leut, ... (ist ihr das Wort nicht eingefallen) ... die sehr viel mitgemacht haben später in Böhmen. Und dann sind sie halt irgendwann nicht mehr gekommen. Aber es waren sehr feine Leut.

Ich kann mich erinnern, im Schloss, da war so ein riesiger Maulbeerbaum. Und als Kinder, da haben wir im Baum gespielt und Maulbeeren gegessen. Und einmal, da war die Frau Gräfin auf ihrem Spaziergang, da hat sie gesehen, was wir bei ihrem Baum machen. Und sie hat gefragt: "Was machts denn da?" Und einer hat gradaus gesagt, dass wir Maulbeeren essen. Da hat sie nur gelacht und gesagt: "Na dann lasst's euch gut schmecken!"

Ergänzende Erinnerungen von Bettina Brandfellner

Den Maulbeerbaum gibt's nimma und im Sommer 2006 hat der Fleischhauer, der dann das Schloss bekommen hat, alle Bäume im Park ersatzlos umgeschnitten. Ich war mal als Kind drin, im Schloss sind jetzt Wohnungen für Leut, die sich Wohnungen eh fast nicht leisten können. Durch die Prunkräume haben sie beinhart Zwischenwände gezogen, damit man noch mehr Substandardwohnungen vermieten kann und wie ich da drinnen war, haben sie gerade im Keller den Stuck runtergeschlagen.

Die Tochter vom Fleischhauer hat mitten in den ehemaligen Park ein kleines 80er-Jahre-Beverly-Hills-Haus reingestellt. Und dafür bin ich tatsächlich dankbar, denn ursprünglich wollten sie dieses schnuckelige Einfamilienhäuschen doch vor das Schloss stellen.

Informationen zum Artikel:

Der Maulbeerbaum im Schlossgarten

Verfasst von Anna Nagel

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Österreich
  • Zeit: 1920 bis 1929

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