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Die Lockerin

von Gertrude Erlacher

Kindermädchen mit Kleinkind auf dem Arm

Lockerin oder Kindsdirn nannte man in Kärnten ein Mädchen, das so ungefähr von seinem zehnten bis zum vierzehnten Lebensjahr auf größeren Bauernhöfen die Kleinkinder betreute, Tag und Nacht, meist von der Geburt an. Die Mädchen kamen aus armen, kinderreichen Familien und erhielten fürs „Poppanschauen“ Essen und eine Schlafstatt. Ab dem vierzehnten Lebensjahr hätten diese Lockerinnen Anspruch auf ein bissel Lohn gehabt und wurden deshalb gegen eine jüngere ausgetauscht. Leider weiß ich nicht, wie es mit dem Schulbesuch dieser Kinder bestellt war.

Der Ausdruck „Lockerin“ kommt von „locken“, das heißt, ein Kind auf den Arm nehmen, auch herumtragen – es gab ja keinen Kinderwagen. Das Wort „locken“ oder „auflocken“ ist auch heute noch gebräuchlich, nur die Lockerin gibt es schon lange nicht mehr.

Ich kenne eine dieser Lockerinnen nur aus den Erzählungen meines Schwagers. Sie hieß Piri Mitzi und spielte in seiner Schulzeit eine große und für sein Leben entscheidende Rolle.

Eigentlich war sie für meinen um acht Jahre jüngeren Mann und seine noch nicht schulpflichtigen Geschwister zuständig. Mein Mann war ein kränkliches, zartes Kind. Seine erst elfjährige Lockerin pflegte ihn hingebungsvoll, und er wurde gesund. Die beiden liebten sich sehr, und wohl deshalb blieb die Mitzi, bis sie fünfzehn Jahre alt war. Dann musste sie weit weg, und der vierjährige Bub verwand die Trennung so schlecht, dass er wieder krank wurde.

Die Mitzi muss ein besonders liebevolles und doch energisches Mädchen gewesen sein. Der Schwager wurde auf dem Schulweg von einem gleichaltrigen Brüderpaar belästigt und gequält. Der schüchterne Bub vertraute sich der Mitzi an, und sie, selber noch ein Kind, stellte diese Lümmel so energisch zur Rede, dass sie fortan Ruhe gaben. Mein Schwager, der ein sehr tüchtiger und liebenswerter Mann war, meinte einmal: „Es war wohl nit viel worn aus mir, wann’s die Piri Mitzi nit geben hätt.“

Mein Mann konnte sich auch an sie erinnern, sagte aber nur: „Die is gach auf und davon.“ Er hat sich durch ihren plötzlichen Abschied wohl von ihr im Stich gelassen gefühlt.

Ich wollte unbedingt wissen, was aus dieser Lockerin geworden ist und fand sie nach Jahren in Oberkärnten, und das nur, weil sie immer noch Piri Mitzi hieß. Sie freute sich sehr über meinen Bericht über ihre „allerliabsten Kindalan“. Diese waren zwar schon verstorben, in ihrem Gedächtnis lebten sie aber noch fröhlich weiter.

Informationen zum Artikel:

Die Lockerin

Verfasst von Gertrude Erlacher

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Kärnten, Unterkärnten, Görtschitztal
  • Zeit: 1910er Jahre, 1920er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag wurde nach einem Schreibaufruf der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" zum Thema "Alltagsgeschichte und Sprachwandel im 20. Jahrhundert" verfasst.

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