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Das Kuhgespann

von Josef Wallner

3 Personen auf Gespann, das von zwei Kühen gezogen wird

Als im Sommer 1951 ein zufällig vorbeigekommener bekannter Berufsfotograf dieses Foto „geschossen“ hat vom gemächlichen Dahintraben mit einem Kuhgespann, war ich ein 20 Jahre alter Junglehrer, die Mutter eine 46 Jahre alte Bäuerin mit neun Kindern und der Bruder Fred 14 Jahre alt. Da waren wir auf der noch ziemlich autofreien Straße zwischen Burgau und Fürstenfeld mit dem Fuhrwagen unterwegs nach Hause. In einem aus Weiden geflochtenen großen Wagenkorb war das Futter aufgeladen – die tägliche Ration für die Rinder auf unserem Hof.

Zu Hause kamen die beiden Kühe in den Stall, wo noch ein weiteres Paar Kühe für die Zugarbeit stand und etwa fünf bis sechs Jungtiere – zum Verkauf oder zum späteren Anlernen für all die Bauernarbeiten, die mit Kühen möglich waren: Pflügen, Eggen, Transport der Feldfrüchte, des Heues von den Wiesen, des Holzes aus den Wäldern, das Ausführen von Stallmist und Jauche. Es gab nur wenige „Rossbauern“ im Ort, fast alle Arbeit mussten Kühe leisten. Nur für eine Arbeit waren sie zu schwach und zu langsam: zum Wiesenmähen mit einer Mähmaschine. Traktoren gab es damals noch nicht. Als es in der Nachbarschaft keine Knechte und Männer mehr als Taglöhner gab zum Mähen der großen Wiesenflächen mit der Sense, kam der Schwager des Vaters aus dem sechs Kilometer entfernten Blumau zweimal im Jahr zur Heu- und Grummetmahd mit seinen Pferden und der Mähmaschine.

Im Kuhstall standen auf der linken Seite die vier Kühe und rechts das Jungvieh beiderseits eines Mittelganges, an dessem Ende fallweise noch eine Box für Kälber aufgestellt wurde. Die Futterration, hauptsächlich Klee im Sommer, das Heu im Winter sowie geschrotetes Kraftfutter bekamen die Tiere in gemauerten Futtertrögen entlang der Seitenwände des Stalles. Dort waren sie angekettet und dort wurde ihnen auch das Wasser aus dem Hausbrunnen in Blechkübeln hingestellt.

Das Versorgen dieser Stalltiere erforderte viel Zeit. Ursprünglich dreimal am Tag, später nur zweimal als Arbeitsersparnis gab es Tag für Tag, auch an Sonn- und Feiertagen und ohne Urlaubstage dieselben Arbeitsschritte: Mist mit der Mistgabel auf den betonierten Misthaufen im Hof tragen oder mit einer Scheibtruhe führen, frisches Stroh einstreuen, mit der Futtergabel aus der Futterkammer Grünfutter herbeischaffen oder im Winter Heu aus dem Heuabwurfschacht vom Dachboden, mit der Hand vier Kühe melken, mit zwei Kübel Wasser holen und zwischen je zwei Tiere stellen.

Im Sommer gab es immer viele Fliegen im Kuhstall – sehr zur Freude der Schwalben. Bei einem Lehrauftritt vor der Prüfungskommission an einer Grazer Stadtschule hatte ich im Frühjahr 1951 das Thema gestellt bekommen: „Auch die Vöglein verkünden den Frühling.“ Da erzählte ich den Kindern: „Die Bauern auf dem Lande freuen sich, wenn die Schwalben wieder kommen und ihre Nester in den Kuhstall bauen. Was glaubt ihr, warum?“ Ein kleiner Knirps darauf wie ein Geistesblitz aus der Pistole geschossen: „Weil die Bauern den Dünger der Schwalben brauchen“. Da schmunzelte die Prüfungskommission.

Im Sommer waren die Bremsen oft eine arge Plage. Beim Heuaufladen auf den Leiterwagen wurde ich schon als kleiner Bub zum Bremsenverjagen angestellt. Die beiden Kühe durften ja nicht unruhig werden, damit der Lader oder die Laderin hoch oben auf der Heufuhre nicht abstürzte.

Wenn dann im Herbst die zweite Mahd, die Grummetmahd eingebracht und das Gras auf den Wiesen wieder etwas nachgewachsen war, kam die Zeit des „Kühhaltens“ in den Lafnitzwiesen. Das war ein echtes Kindergeschäft für die Herbstnachmittage. Kühe und Jungvieh wurden die lange Dorfstraße entlang, über die Eisenbahn und die Riedlbachbrücke, zwischen Rübenfelder hindurch auf die Wiesenflächen mehrerer Bauern an der Lafnitz getrieben. Dort hatten sie einen Nachmittag lang viel freie Weidefläche. Die Aufgabe von uns Kindern mehrer Bauernfamilien war, sie von den angrenzenden Rübenfeldern fernzuhalten. Es blieb aber immer noch genügend Zeit zum Spielen an den romantischen Ufern der Lafnitz am Ostrand des weiten Talbodens.  Außer bei Hochwasser führte dieser Fluss zwischen den steilen Uferböschungen, voll mit Gestrüpp und ausgewaschenen Wurzelstöcken, nur wenig Wasser, da das meiste Wasser in einem Nebengerinne am Westrand des Talbodens durch Neudau und Burgau mit seinen Fabriken geleitet wurde. Wir machten uns mit dürrem Schwemmholz ein Feuer, brieten Kartoffel, aßen Rüben, versuchten wohl auch dann und wann mit einem glimmenden, trockenen, hohlen Pflanzenstengel das Rauchen, immer mit einem Auge bei den weidenden Rindern, die ja keinen Schaden anrichten durften. Wenn die Sonne unterging, war es Zeit zum Heimtreiben. Bevor die Tiere im Stall wieder schön brav ihrem Platz zustrebten, konnten sie noch im Werkbach vor dem Haus an einer flachen Uferstelle den Durst stillen – und der Vater ersparte sich das „Wassern“ im Stall.

Wenn heutzutage oft vom Naturschutz diese Flusses mit seinen vielen Mäandern die Rede ist, werde ich immer wieder an diese selige Zeit des Kühehütens in den Lafnitzwiesen erinnert, wo heute riesige Maisfelder sich breiten – und es gibt längst keine Kühe mehr im Elternhaus zum „Kühhalten“ .

Für das Anlernen der Jungkühe zur Zugarbeit musste der Vater viel Geduld aufbringen. Da bekam die Jungkuh zuerst einmal das Leitseil auf den Kopf um die zwei Hörner geschnallt, dann wurde sie mit dem hölzernen Zuggeschirr vertraut gemacht, schließlich neben eine „erfahrene“  Altkuh gespannt. So führte sie der Vater am kurz gehaltenen Leitseil zu einer ersten Rundfahrt mit leerem Wagen aus dem Hof hinaus. Nach und nach wurde sie neben der Altkuh auch mit der Bedeutung der Zurufe vertraut, dass „eiß“ nach links gehen heißt und „tscha“ nach rechts, und dass es eine Peitsche gab, wenn das „hüa!“ nicht befolgt wurde zum Ziehen und Losfahren.

Das Zurufen dieser Befehle nach links oder rechts zusammen mit dem Ziehen an den Leitseilen funktionierte nur in den Ausnahmefällen nicht, wenn die Kühe nämlich bei einer Wegteilung nach „eiß“ ziehen sollten, sie aber auf „tscha“ einen Kleeacker wussten, wo sie während des Aufladens Klee zu fressen bekamen. Da musste ich vorsichtshalber schon vor der Wegteilung vom Wagen absteigen und die Kühe am Zügel auf den vorgesehenen Weg lenken.

Gerne denke ich an die Wintertage im warmen Kuhstall beim Korbflechten des Großvaters  zurück (er starb 1943, als ich zwölf war). Grobe Weidenkörbe flechten konnte der Vater auch, aber feste Körbe aus Stroh und gespaltenen Weidenruten, das konnte nur der Großvater: kleine Körbe für das Brotbacken und große für die Kartoffelernte und andere Früchte. Da saß ich gern beim Großvater und sah ihm zu beim Flechten oder beim Zurichten der biegsamen, gespaltenen Weidenruten. Er saß am Mittelgang im warmen Kuhstall, der von der Körperwärme der acht bis zehn Rinder „beheizt“ wurde – und ich saß auf einem Schemel neben ihm. Der Kuhstall war der einzige warme Raum im Winter außer der Küche, die aber zum Korbflechten zu klein war.

Als ich 1957 vom Elternhaus weg in ein neues Zuhause in einer jungen Ehe gezogen bin, hat der Vater einmal festgestellt, als wir über die Technisierung der Landwirtschaft gesprochen haben: „Weißt, Traktor werden wir nie einen haben. Schau, die Kühe geben uns Milch, Zugkraft, jedes Jahr Kälber, und wenn sie alt sind, bekommen wir auch noch etwas Geld vom Fleischhacker für eine „Wurstkuh“. Ein Traktor ist teuer, braucht viel Geld für teures Dieselöl und Reparaturen, und wenn er alt ist, kriegst nichts mehr dafür.“

Da hat er sich allerdings geirrt, mein Vater. Der Bruder am heutigen Hof hat zwei riesige Ungetüme von Traktoren im Betrieb für Maisanbau in großem Stil und Waldarbeit. Riesige Mähdrescher besorgen die Ernte, und der einstige Kuhstall ist jetzt Reparaturwerkstätte, denn es gibt nun viele Maschinen für Anbau und Ernte statt der Kühe. Die Zeit des gemächlichen Dahintrabens auf einer fast autofreien Straße mit einem Fuhrwerk wie auf dem Foto ist längst vorbei. (Geschrieben im Jänner 2008)

Informationen zum Artikel:

Das Kuhgespann

Verfasst von Josef Wallner

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Lebensgeschichtliche Fotorevue, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Oststeiermark, Burgau
  • Zeit: 1950er Jahre, 2000er Jahre

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