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Von der Barackensiedlung in das Glasscherbenviertel

von Gerhard Kepplinger

„Hurra wir ziehen um!“ Mama hat vor Freude geweint und Papa hat sie ganz fest gedrückt und gesagt: „Siehst du, wir haben doch nicht umsonst gebetet!“

Familie posiert vor einer Baracke
In Lehen vor der Baracke

Wir ziehen in einen Wohnblock am anderen Ende der Stadt. In das sogenannte „Glasscherbenviertel“. Es ist eine ganz große Wohnung, das Haus ist aus Ziegeln gebaut und nicht so eine zugige Angelegenheit wie in der Baracke, hat Papa gesagt. Von meinem Freund habe ich mich bereits verabschiedet und mit Indianerehrenwort geschworen, dass ich ihn einmal besuche.

Ein riesiger grüner LKW steht am Straßenrand vor unserer Baracke. Er ist mit allen unseren Habseligkeiten zum Bersten voll gepackt. Auch die Schachtel mit unseren Spielsachen wurde fest zwischen den Möbeln eingekeilt. „Damit ja nichts passiert“, hat Papa gesagt. Und was mich ganz und gar aufregt, ich darf mitfahren. Der Fahrer hilft mir in die Fahrerkabine, denn alleine hätte ich das hohe Trittbrett sicher nicht erreicht.

Ich sitze auf  dem alten, abgewetzten Ledersitz, und es riecht nach Zigarrenrauch und Diesel. Der Fahrer steigt nun von der anderen Seite ein. Er hält mit der linken Hand das riesige hölzerne Lenkrad.

Er startet den Motor und der Schaltknüppel wackelt genau so ratternd wie der Motor hin und her. Er gibt Gas und ab geht die Post. Es ist von hier heroben ein toller Ausblick. Wir fahren durch die Gasse und am Straßenrand steht mein Freund und winkt wie verrückt. Mir schnürt es ein bisschen den Hals zu, und ich schlucke, damit es keiner merkt.

Es geht quer durch die Stadt. Wir fahren entlang der Salzach. Vorbei am so genannten Mississippidampfer.

Eine Strasse, links ein Gebäude mit einem dampferförmigen Grundriss. Vor dem Geäbude ein Autobus.
Der Mississippidampfer

Der Mississippidampfer ist ein Gebäude, welches den Grundriss eines Schiffes hat. Der „Kiel“ des Schiffes zeigt in Richtung Staatsbrücke. Der erste Stock reicht über die Gehsteige hinaus, und wenn man sich rechts und links vom Gebäude eine Radschaufel vorstellt, so sieht es tatsächlich wie ein „Mississippidampfer“ aus. Wir sagten immer, wenn man das Haus in die fünfzig Meter entfernte Salzach setzen würde, könnte es sicher schwimmen.

Für alle Schüler der nahegelegenen Haupt- und Volksschule, gibt es im Mississippidampfer ein ganz besonderes Geschäft. Es heißt die Zuckerl-Lilly. Es ist ein Süßwarengeschäft in dem es in riesigen Glasbehältern Zuckerl in allen Farb- und Geschmacksrichtungen gibt. Und das Besondere ist, man kann mit einigen Groschen diese offen in Stücken kaufen. Also gibt es an jedem Tag einen Grund bei Zuckerl-Lilly vorbeizuschauen. Heute befindet sich an seinem Standort, vis-a-vis vom Fischkrieg, lediglich eine begrünte Verkehrsinsel, an welcher der Grundriss des „Dampfers“ noch zu erkennen ist.

Rechts oben sehe ich die Festung auf der ich noch nicht gewesen bin. Vorbei an der Staatsbrücke . Weiter der Salzach entlang. Rechts ist ein großes Gebäude auf der eine Frau mit verbundenen Augen thront .Das ist das Gericht erklärt mir der Fahrer. Nun geht es weiter in die Alpenstraße. Nun sind wir in der Herrnau, ab hier gibt es nur mehr Felder und keine Häuser. Ich dachte mir wir ziehen nicht aus der Stadt hinaus.

Der Fahrer biegt nach einer Weile links bei einer O-Bus-Kehre ab und erklärt: „Vor uns ist die Glasfabrik.“ Nun kann es nicht mehr weit sein.

Schon von weitem sehe ich Papa, Mama und meine Brüder vor dem Haus stehen. Es ist aus roten Ziegeln und zum Eingang führt eine hohe Treppe aus Beton. Papa hat mir erzählt, dass er im Krieg in diesem Haus einmal war, da war es noch eine Kaserne.

Das neue Haus von Gerhard Kepplinger, im Vordergrund ein Fahrrad, im Hintergrund den Steinbau A
Im Glasscherbenviertel - im Hintergrund der Steinbau A

Eine ganze Menge Leute stehen neugierig umher und glotzen, als wären wir von einem fremden Stern.

Links vom Haus bellt ein schwarzer Hund wie verrückt und das kleine Mädchen, das neben ihm steht, versucht ihn zu beruhigen. Sie hat schwarzes Haar und ein rundes Gesicht und dunkle Augen. Sie ist etwa so alt als ich. „Wie sie wohl heißt?“ denke ich mir.

Der LKW hält vor der Treppe. Ich klettere auf allen Vieren hinunter und springe vom Trittbrett auf den Asphalt. Der Fahrer schiebt mit einem langen Brett die Plane von der Rückwand auf das Dach. Alle packen mit an, die Sachen in unsere neue Wohnung zu bringen. Sogar die neuen Nachbarn helfen mit. (...)

Die Wohnung ist sehr groß. Als erstes ein großer Raum, in dem ein Ofen steht. Danach ein ganz großes Zimmer, weiter noch ein kleineres und zum Schluss ein ganz riesiges. Papa sagt „Das wird das Schlafzimmer!“ Das Klosett und der Wasserhahn sind im Vorhaus. Es gibt auch eine Waschküche, in der sich ein riesiger Kupferkessel zum Wäschekochen befindet.

Ich sehe beim Fenster hinunter. Großer Gott, ist das hoch! Unten spielen einige Kinder. Im Hof sind einige hölzerne Wäschestangen, wie wir sie auch bei der Baracke hatten. Am anderen Ende des Hofes ist eine Ruine, aus der noch ein Kamin herausragt.

Links entlang der Salzach sind einige kleine Gärten. Im letzten davon gibt es auch einen Hühnerstall. Die Hühner picken im Schotter umher und der Gockel streckt immer wieder den Hals.

Danach ist wieder ein Haus. Es sieht aus wie unseres, nur hat es keinen ersten Stock darauf. Das ist der Steinbau B. Der Grundriss von diesem Block ist größer und ist U-förmig.

Dahinter ist noch eine Ruine, das heißt eigentlich ist von dem  Haus nur mehr der Keller da und rundherum liegen Ziegel  Bretter und eine Menge Gerümpel. Links sieht man die riesige Salzach grün und träge fließen. Eine Schotterbank reicht von unserem Ufer bis fast in die Hälfte hinaus. Das muss ich mir einmal ansehen, sieht sehr spannend aus.

Nun war ich also in dem „Glasscherbenviertel“ wie es alle nannten. Manche sagen, der Name komme von der Glasfabrik, in der die meisten hier beschäftigt sind. Manche sagen auch, diese Siedlung würde auch so heißen, wenn keine Glasfabrik hier wäre.

Auf jeden Fall ist diese Fabrik die Grenze zwischen der Barackensiedlung, die an der Alpenstraße liegt und den Steinbauten, die an der Salzach sind.

(...)

Informationen zum Artikel:

Von der Barackensiedlung in das Glasscherbenviertel

Verfasst von Gerhard Kepplinger

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Lehen, Glasscherbenviertel
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem unveröffentlichten Manuskript "Das Glasscherbenviertel" von Gerhard Kepplinger.

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