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Begegnungen - Die Dame mit der Wespentaille

von Margarethe Lutz

Quer vor ihrem Oberteil presste sie mit einer Hand einen sehr langen Regenschirm an sich und mit den Fingern der anderen hielt sie zierlich einen Teil des Rockes zusammengerafft. Ich folgte ihr zuerst, überholte sie, kehrte wieder um und konnte meine Augen nicht von ihr lassen, bis hinab zu den Stiefelchen mit vielen Knöpfen. Sie ging auch ein wenig anders als wir und dass sie angestarrt und belächelt wurde, machte ihr nichts aus.

"Die kenne ich", sagte die Großmutter unbeeindruckt von meiner enthusiastischen Schilderung, „ja, ja, das ist die Dame mit der Wespentaille." Ein wirklich passender Vergleich fand ich, der dicke Wespenoberteil, dann die fadendünne Mitte und dann wieder der runde Unterteil.

"Diese Dame ist stehen geblieben“, erklärte die Großmutter", vor 35 oder 40 Jahren waren wir alle so angezogen! Damals waren wir jung und schön, und sie hat das mit allen Mitteln festhalten wollen, besonders mit ihrer Kleidung. Das ist aber nicht gut, die Menschen nahmen sie nicht mehr ernst, sie wird ausgelacht und begreift nicht, dass man die Zeit nicht festhalten kann. Sie lebt noch immer in der Vergangenheit! Sie lebt nicht heute und versäumt das Jetzt! Verstehst du? Die Mode ist ganz anders jetzt, man muss sich anpassen, auch wenn mir die heutige gar nicht gefällt. Wo zum Beispiel ist die Mitte hingerutscht, bis auf die Hüften herunter wie ein Sack! Und diese komischen Röcke, lauter ungleiche Zipfeln, scheußlich, wie Fetzen! Und überhaupt, wer weiß, was noch alles kommen wird?"

Meine arme Großmutter, was würde sie heute sagen? Muss sich noch irgendjemand anpassen wie dazumal? Man kann jetzt lange gekleidet gehen, ganz kurz, bis zum Mini, mit soliden Hosen oder engen Radlerhosen, die so schön plastisch alle willkommenen und unwillkommenen Rundungen herausmodellieren. Man kann einen freien Bauch tragen und ein Steinchen im Nabel glitzern lassen. Lange, offene Haare, kurze Haare, rote, grüne oder paradeisfarbene Haare, ausrasiert zu einem Kamm wie ein Kikeriki oder unzählige Zopferln wie in Afrika! Endlich sind wir befreit, frei von Modezwängen und noch vielen anderen Zwängen. All das ist über uns hinweggezogen, alles verwandelnd und so unbegreiflich schnell für die Spanne eines kurzen Menschenlebens.

Informationen zum Artikel:

Begegnungen - Die Dame mit der Wespentaille

Verfasst von Margarethe Lutz

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre

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