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Französisches Wien

von Elfriede Maria Kling

In meinem familiären Umfeld der Kinderzeit wurde jedes Dialekt-, insbesondere jedes Schimpfwort, sorgfältig vermieden; es wurde, wenn auch wienerisch gefärbt, weitestgehend nach der Schrift gesprochen. Dennoch kann ich ein paar Begriffe und Bezeichnungen beitragen, die heute vielleicht schon unbekannt sind.

Da ist zunächst die sogenannte Abwasch, ein für die damalige Zeit – Fließwasser in Wohnungen war in den dreißiger, vierziger und frühen fünfziger Jahren kaum verfügbar – fast fortschrittliches Möbelstück der Kücheneinrichtung. Es war dies ein Schrank in Tischhöhe mit einer ausziehbaren Lade, in der zwei Schaffeln – für das Waschen und Spülen des Geschirrs – untergebracht waren. Darüber befand sich eine, mit Blech ausgekleidete, flache Wanne zum Abtropfen des gereinigten Geschirrs. Nach Beendigung des Waschvorgangs wurde die Ausziehlade zurückgeschoben und über die Abtropftasse eine Holzplatte gekippt; das Möbelstück konnte so als Arbeitstisch verwendet werden. Neben einem normalen Besen benützte man zum Kehren, wie auch heute noch, einen kleinen Stielbesen, der damals Bartwisch genannt wurde. Meine Großeltern besaßen auch noch einen sogenannten Dekorationsdiwan, der sich durch eine, über Kopfhöhe reichende, gepolsterte Rückenwand von einem „normalen“ Diwan unterschied. Den Abschluss bildete ein Bord zum Abstellen von Ziergegenständen aller Art.

Sehr beliebt in Gärten war das sogenannte Salettl, ein aus Brettern und Latten gefügtes, von Blattwerk überzogenes Hüttchen, in dem gerne die nachmittägige Jause eingenommen wurde. In größeren Parkanlagen gab es stets eine Sesselfrau, eine Respekt gebietende Matrone, die für das Benützen der Nobelplätze auf den Sesseln einen Obolus kassierte. Kleine Grünanlagen im verbauten Gebiet mit nur wenigen Sitzbänken nannte man, aus mir unbekanntem Grund, Beserlpark. Weitgehend unbekannt ist heute vermutlich auch der Ausdruck Flohkino für sehr kleine, eher in Seitengassen der Außenbezirke angesiedelte Kinos, in denen meist nur alte Filme und bereits überholte Wochenschauen gezeigt wurden.

Bis weit in die fünfziger Jahre gehörten etliche französische Bezeichnungen – zumindest in Wien – ganz selbstverständlich zur Umgangssprache. Man benützte nicht den Gehsteig, sondern das Trottoir, stand nicht am Bahnsteig, sondern am Perron, saß im Zug nicht in einem Abteil, sondern in einem Coupé, und der Mann, der den Zug begleitete und die Fahrkarten kontrollierte, war der Kondukteur.

Wer dem Wassersport huldigte, kleidete sich in ein Trikot (vor Erfindung synthetischer Materialien waren Badeanzüge aus Wolle gewirkt; der Ausdruck Trikot hielt sich aber noch lange Zeit danach ganz allgemein für Badeanzüge) und wenn jemand ins Wasser sprang, tat er dies nicht vom Sprungbrett, sondern vom Trampolin. Ging jemand zur Fußpflege, so ging er, recht nobel, zum Pedikeur oder, weniger nobel zum Hühneraugenschneider. Gewaschen hat man sich in einem Lavoir, Damen trugen kein Unterkleid, sondern eine Combinaige und kleine Schränke, vorzugsweise zum Aufbewahren der Leibwäsche, hießen Chemisette.

Kurz zurück zu heute wahrscheinlich kaum noch bekannten Einrichtungsgegenständen, die ebenfalls oft französisch benannt wurden: In der kalten Jahreszeit hängte man vor die Fenster meist dicke Wolldecken, die Lambrequins, zwischen die Fensterflügel legte man zum besseren Schutz vor der Winterkälte zusätzlich einen Fensterpolster und vor die in der Regel in Zimmerecken postierten Öfen stellte man ein Paravent, um das Abstrahlen von zu viel Ofenhitze in den Raum zu verhindern. In vielen Küchen gab es den sogenannten Rechaud; einen zweiflammigen Mini-Gasherd, den man auf die vielfach noch vorhandenen gemauerten Küchenherde stellte. Schon in meiner Kinderzeit etwas veraltet und nur noch selten verwendet war die Bezeichnung Girandole für einen größeren Kerzenständer oder Armleuchter. Aber sehr oft hörte man den Ausdruck baff für ungläubiges, eher negativ besetztes Erstaunen, gerne auch im Zusammenhang je suis baff gesagt.

A propos Ausdrücke! Von einer meiner Großmütter gern zitiert wurden: „Essen und Trinken halt’ Leib und Seel’ z’samm’" und „Tue Gutes, wirf’s ins Meer, sehen’s nicht die Fische, sieht’s der Herr!". Gehilfen im Einzelhandel nannte sie Commis, Semmeln und anderes Weißgebäck grundsätzlich Baunzerln und Pulswärmer Stitzerln.

Aus der NS-Zeit sind mir vor allem pfundig und zackig in Erinnerung geblieben, die allerdings nur annähernd dem heutigen cool entsprechen. „Pfundig“ konnte alles sein; ein Gegenstand, ein gut gelungenes Ereignis, ein besonders tüchtiger Mensch, auch der quasi „sex appeal“, vorwiegend eines männlichen Jugendlichen. „Zackig“ bezog sich mehr auf körperliche, sportliche Fitness und forsches Gehabe. Knaben hießen reichseinheitlich Jungen. In der Kriegszeit gab es dann auch den Kohlenklau und das Schlagwort Kampf dem Verderb sowie die Begriffe Lebensmittelkarte, Kleiderkarte (jeweils mit Punkten, um bestimmte Quantitäten zu bezeichnen) und Bezugsscheine.

Nach wie vor und noch lange danach aber hießen weibliche Teenager Backfisch und es gab den vielzitierten Spruch: Mit vierzehn Jahr’ und sieben Wochen ist der Backfisch ausgekrochen (weshalb ich diese magische Datumsgrenze schon lange zuvor herbeisehnte).

Informationen zum Artikel:

Französisches Wien

Verfasst von Elfriede Maria Kling

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag wurde nach einem Schreibaufruf der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" zum Thema "Alltagsgeschichte und Sprachwandel im 20. Jahrhundert" verfasst.

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