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Tante Gisi

von Judith Schachenhofer

Auf einer Holzbank sitzt eine elegante Dame im Kostüm, um die Schultern einen Pelz. Sie trägt einen Hut und Handschuhe, ihr Täschchen hat sie auf dem Schoß liegen. Im Hintergrund sieht man ein großes Gebäude, das aussieht wie ein großbäuerlicher Vierkanter.

Als Kinder auf dem Land lebend war unsere Beziehung zur nächsten Stadt in den 40iger-Jahren sehr gering, denn es gab nur wenige Möglichkeiten, dorthin zu kommen. Umso interessanter fanden wir Geschichten, die uns von dort erzählt wurden. Meistens taten das Verwandte, die uns ab und zu Besuche abstatteten. Von einer gewissen Neugier waren wir beseelt, wenn es zum Beispiel hieß: „Morgen kommt Tante Gisi.“

Tante Gisi war die Schwester unserer Großmutter. Sie war eine große und sehr schlanke Dame, stets gepflegt und für uns auffallend anders gekleidet als unsere Nachbarsfrauen oder die Mutter, die wir fast nur in schlichter Arbeitskleidung, mit Schürzen und Kopftüchern sahen. Irgendwie erinnerte uns Tante Gisi an die Stadtmaus aus dem Kinderfilm „Die Landmaus und die Stadtmaus“. Und so stand sie vor uns: ondulierte Haare, die ein eleganter Hut bedeckte, das Gesicht – worauf man meistens zuerst schaut – gepudert und so dezent geschminkt, dass niemand die Röte von ihren Wangen in Zweifel zog. Sie duftete gut, wenn wir sie küssten. Vielleicht war sie nicht gerade eine Schönheit, der Blick war etwas streng und starr, der Hals, den eine Rüschenbluse mit Brosche umgab, sehr schlank. Auch Ohrringe trug sie. Der schmale Mund wirkte ein bisschen spitzbübisch, wenn sie kurz lächelte. Für mich wirkte sie adrett wie eine Puppe. Ein Pelzbesatz umschmeichelte ihre Schultern. Selbstverständlich trug sie feine Handschuhe und stets ein schickes Handtäschchen, dem sie mitunter ein mit Spitzen besetztes Taschentuch entnahm. Die Kleidung war eher lang, passend zu ihren Stöckelschuhen, mit denen sie noch größer erschien als sie ohnedies war.

Und wenn sie dann noch zu erzählen begann, dass sie mit Gas kochte, ging die Fantasie mit uns durch. Zur perfekten Dame wurde sie mir, wenn sie begeistert erzählte, dass sie täglich auf ihrem Klavier spielte, und dass an ihren Wänden Teppiche hingen. Sobald wir Kinder sie ausgiebig begutachtet und vielleicht etwas von ihrem Duft mitbekommen hatten, „verzupften“ wir uns und konnten wieder ungezwungen spielen. Aber bald schlichen wir doch wieder um sie herum und wollten manch städtische Berichte mit anhören.

Besonders geschmeichelt fühlte sie sich, wenn ihr Neffe, unser Vater, sich anbot, sie zu fotografieren, denn das konnte er sehr gut. Dazu suchten sie ein passendes Plätzchen auf einer Bank zwischen Kirche und Pfarrhof. Das schien ihnen der richtige Ort zu sein. Natürlich wurde sie zwei-, dreimal fotografiert. Die beste Aufnahme wurde ihr als Geschenk überreicht, denn Vater konnte selbst Fotos entwickeln etc.

Das Erscheinungsbild dieser Tante Gisi musste mich schon recht beeindruckt haben, weil ich in späteren Jahren auch meinem Mann und vor allem meinen Kindern von ihr, der längst verstorbenen Tante, erzählte. Tante Gisi wurde fast zu einem Schlagwort bei uns. Spaßhalber durften die Kinder ihren Vater als Tante Gisi verkleiden und mit ihm (ihr) spielen, was meistens Lachtränen zur Folge hatte.

Mann in weißem Kleid, pelzbesetztem Mantel, mit Perücke und unpassendem roten Hut als Frau verkleidet auf einer Couch sitzend
Der Ehemann der Autorin als Tante Gisi

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Informationen zum Artikel:

Tante Gisi

Verfasst von Judith Schachenhofer

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, St. Pölten+Umgebung
  • Zeit: 1940er Jahre

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