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Die Schwarze Hand

von Gerhard Kepplinger

„Ich habe eine!“, rief Robert und hielt eine kleine Eidechse in die Höhe. Wir wussten, wir müssen uns ganz langsam bewegen, damit die Eidechse nicht erschrickt und den Schwanz abwirft. Wir hockten uns im Kreis auf den Boden und Robert legte die Eidechse vorsichtig auf den Boden (…)

Plötzlich hörten wir ein Zischen und zehn Zentimeter neben der Eidechse blieb ein Pfeil stecken. An dem Pfeil war ein roter Wollfaden befestigt, und wir wussten alle, was das heißt: „Die Feinde!“ Sie wohnten nicht im Glasscherbenviertel und waren unsere Todfeinde. Etwa fünfzig Meter hinter uns liefen etwa zwanzig unserer Feinde auf uns zu. Das waren zu viele und nach dem Motto „Es ist besser gut laufen zu können, als mutig zu sein“, rannten wir, was das Zeug hielt in Richtung Glasenbachbrücke.

Weit hinter der Brücke ging unseren Feinden Gott sei Dank die Luft aus, und sie sammelten sich, um wieder in ihr Revier abzurücken.

Das war ein Übergriff – das Glasscherbenviertel gehörte uns, und es musste also etwas getan werden (…) Wir nannten uns die Schwarze Hand. Unser Revier rund um das Glasscherbenviertel war an den Waldgrenzen markiert. Mit angeschwärzten Händen, die wir auf die Bäume drückten wurde unser Revier gekennzeichnet. Daher nannten wir uns die Schwarze Hand. Wir waren alle mit selbst gebastelten Pfeilen und Bogen bewaffnet. An unseren Pfeilen hing ein schwarzer Wollfaden.

Wir trafen uns am Totem. Dieser Platz befand sich im Wald, flussabwärts in einer Lichtung. Eine kleine Hütte, die aus Brettern und Ästen gebaut war, war der zentrale Punkt auf dem kleinen Platz. Eine Buche, von der wir die unteren Astreihen entfernt hatten, war unser Totem. Es waren alle gekommen, denn sie wussten, wie ernst die Lage war. Insgesamt bestand unsere Gruppe aus etwa zwanzig Personen. Der Anführer hatte auf seinem Bogen eine gefärbte Taubenfeder befestigt, und indem er den Bogen in die Höhe hielt, wurde der Kriegsrat eröffnet.

Nach einer heftigen Diskussion, bei der jeder sein Gesicht umnebelte, indem er "Judentschick" rauchte, war der Plan perfekt. Am Samstag schlagen wir zurück.

Robert, Burli und ich verschanzten uns hinter dem Baum vis-à-vis von der Gärtnerei. Der Rest unserer Gruppe wartete bei unserem Totem im Wald. Wir wurden schon sehr ungeduldig und waren schon nahe dran, unseren Plan zu verwerfen, da sahen wir ihn kommen. Es war Franzi, der Anführer unserer Feinde, und er war allein. Er ging in die Gärtnerei und kam nach einigen Minuten mit einem großen Papiersack wieder heraus. Als er in Richtung Alpenstraße ging, schlichen wir uns von hinten an.

Es ging blitzartig, wie wir geplant hatten. Einer hielt ihm den Mund zu, während wir beiden anderen ihm die Hände nach hinten bogen und diese zusammenschnürten (…)

Wir setzten uns im Halbkreis um das Totem und  zwinkerten uns zu, um unseren Plan durchzuführen. Wir würden ihm nichts tun, aber wir wollten ihm Angst machen, und so begann unsere Verhandlung. Hansi schlug vor, wir sollten ihm Ohrenschlieffer in die Ohren geben. Robert sagte, es wäre besser wenn wir ihm sein Dings abzwicken würden, er habe so oder so die Beißzange mit. Und so diskutierten wir eine halbe Stunde lang, was wir mit ihm machen sollten, und unser Gefangener hatte sichtlich weiche Knie. Und dann wurde unser Plan vollendet. Robert sagte, es sollten alle schweigen, er wisse nun, was die richtige Strafe sei: "Er bekommt auf die rechte hintere Backe das Zeichen der Schwarzen Hand eingebrannt!" Unser Gejohle bestätigte den Vorschlag. Dem Gefangenen wurde die Hose nach unten gezogen, wobei er erbärmlich zitterte. Robert nahm den Eiswürfel, den wir sorgsam verpackt hatten und drückte diesen an seinen Hintern, wobei sich der Gefangene bäumte.

Nach einer Minute nahmen wir ihm den Papiersack vom Kopf und zeigten ihm unser „Marterwerkzeug“.

Diese Aktion hat ihre Wirkung nicht verfehlt, und seit diesem Zeitpunkt war die „Schwarze Hand“ gefürchtet und unser Glasscherbenviertel wurde respektiert.

Informationen zum Artikel:

Die Schwarze Hand

Verfasst von Gerhard Kepplinger

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Lehen, Glasscherbenviertel
  • Zeit: 1950er Jahre

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