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Sommer 1969

von Gerhard Kepplinger

In dieser Zeit war es natürlich das Erstrebenswerteste, was es gab, mit Blumen im Haar und einem Joint in der Hand der Gesellschaft zu trotzen.

Blumen im Haar waren natürlich für einen „Giftmischer“ außer Obligo, und ein Joint vernebelt nur die Birne und kam auch nicht in Frage. Was allerdings übrig blieb, war in der Freizeit das notwendige Outfit, das ich mir natürlich mit meinem Hungerslohn als Drogisten-Lehrling (400,- Schillinge im Monat) trotzdem leistete: Eine Jeans aus Schnürlsamt und ein Flower-Power-Hemd in violett. Und natürlich rauchte wer etwas auf sich hielt Marlboro. Ich war inzwischen über siebzehn Jahre alt und dementsprechend selbstsicher.

Im Kino wurde der Film Easy Rider angekündigt. Es wurde ein Treffen arrangiert. Mit von der Partie waren, natürlich „Alfred“, Hans, Ingrid (das Lehrmädchen), und sie hatte ihre Freundin Eva, und deren Schwester Christine eingeladen. So trafen wir uns an einem wunderschönen Samstag im Sommer vor dem Kino. Der dünne Hans und die dickliche Ingrid waren schon von weitem vor dem Kino zu sehen. Ich bummelte also cool mit einer Marlboro in der Hand zu Ihnen.

Ingrid stellte mir Eva vor und dann ihre Schwester Christine. Es traf mich wie der Blitz: Sie war ein Engel! Dunkelbraune Haare mit einem Mahagoni-Einschlag. Dunkelbraune große Augen, einen wundervollen Mund und Zähne wie Perlen. Und als sie „Hallo“ sagte klang es, als hätte sie vor kurzem einen Schnupfen auskuriert, und das klang sehr erotisch. Wir sahen uns an, und es merkten alle, wie hunderttausend Volt sich entluden. Wir waren beide so perplex, dass wir im Kino kein Wort miteinander sprachen.

Steppenwolf und Fonda taten das Übrige. Der Film war einfach unbeschreiblich.  Er drückte das ersehnte Freiheitsgefühl aus, das uns Jugendlichen unter den Fingernägeln brannte, abgesehen von dem unsinnigen Rauschgift, das anscheinend zur Bewusstseinserweiterung unumgänglich war.

Wir gingen aus dem Kino. Es war sechs Uhr, und die Sommersonne war noch sehr kräftig und tauchte Salzburg in ein wundervolles helles Licht. Nun wurde überlegt, was man noch tun könnte. Sie wollten alle noch in die Stadt bummeln und ein Eis essen gehen. Christine und ich sahen uns mit heimlichen Blicken an, und wir wussten, dass wir noch gemeinsam etwas unternehmen würden. So machte ich den anderen unmissverständlich klar, dass es doch sicher nichts ausmache, wenn Christine und ich noch gemeinsam in der Stadt spazieren gehen würden.

Ich werde diesen Nachmittag nie vergessen. Wir spazierten mit einem Meter Respektabstand die Linzergasse hinauf. Ich schlug vor auf den Kapuzinerberg zu gehen, um den schönen Ausblick auf  Salzburg zu genießen, und sie war einverstanden. In diesem Moment wuchs ich sicherlich um mindestens fünf Zentimeter. Es ging ein leichter Sommerwind, und es war sehr anstrengend die Treppen im Laufschritt zu bewältigen, zumindest für sie. So gab ich ihr die Hand, um sie von Treppe zu Treppe zu ziehen. Es war ein wunderschönes Gefühl ihre kleine Hand zu halten, und sie sah mich an, als wäre ich ihr Prinz.

Oben angekommen, schlenderten wir über die Wiese zu den Stadtmauern, um den Ausblick zu genießen. Am Eck der Stadtmauer war ein Wehrhäuschen; von dort hatten wir einen schönen Überblick über die Stadt. Alexander von Humboldt hatte nicht Unrecht, als er Salzburg eine der schönsten Städte nannte. Aber das spielte sich bei uns nur im Hinterkopf ab. Wir hatten nur Augen für einander. Christine sah hinab, und ich legte meinen Arm über ihre Schulter. Ich legte meinen Kopf in ihr Haar – sie roch wie tausend Rosen! Sie drückte sich gegen mich, und wir küssten uns. Es war nicht meine erste Erfahrung, aber ich wusste, es war etwas Besonderes (und sie auch). Wir verewigten uns in den Holzbalken des Wehrhäuschens. Ich habe nie nachgesehen, ob man die Schnitzerei heute noch sehen kann (...)

Informationen zum Artikel:

Sommer 1969

Verfasst von Gerhard Kepplinger

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Salzburg/Umland, Kapuzinerberg
  • Zeit: 1969

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