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Meine Tante

von Rosa Schebeczek

Ein Hochzeitsbild, angefertigt von einem Fotografen in der damals üblichen Pose: Der Mann sitzt am Sessel, seine Frau steht seitlich hinter ihm und legt ihre Hand auf seine Schulter. Er trägt einen Anzug, der an eine k.u.k.-Uniform erinnert und hat einen Schnurrbart. Die Frau trägt ein schwarzes, hochgeschlossenes Kleid mit einer weißen Brosche, die Haare sind in der damals üblichen Mode hochgesteckt.

Ich betrachte das Hochzeitsbild meiner Tante Resi mit Wehmut und Hochachtung. Wehmut, weil es sie nimmer gibt, und Hochachtung vor einer starken Frau.

Meine Großmutter starb mit 33 Jahren an der damaligen Geißel der armen Leute, an TBC. Sie hinterließ einen Mann mit sieben Kindern, das jüngste, meine Mutter, war drei Monate alt. Mein Großvater war Meier auf einem Gutshof und betreute den Kuhstall. Natürlich musste meine Großmutter neben neun Geburten – zwei Kinder starben schon als Babys – im Kuhstall fest mitarbeiten. Mein Großvater als Alleinerzieher ohne Kinderbeihilfe war imstande, die Kinder über die Runden zu bringen. Meine Tante erzählte mir sehr vieles über ihre Erlebnisse aus der Kindheit. Zum Beispiel, dass sie meine Mutter als damals achtjähriges Kind betreuen musste. Dass meine Mutter das alles überlebte, war ein wahres Wunder.

Viele Jahre später: Mein Großvater arbeitete damals nicht mehr auf Gutshöfen, sondern in Ebergassing in einer Fabrik. Die Wohnung, ein Zimmer für die ganze Familie, rechts und links ein Zimmer für je eine Familie, in der Mitte eine Küche, die sie sich teilten. Die größeren Kinder gingen am Abend in sogenannte Ledigenzimmer der Gemeinde schlafen. Frau Herinek, die das andere Zimmer bewohnte, ging mit meinem Großvater eine Lebensgemeinschaft ein, aus der Tante Toni hervorging. Ihr Mann wurde jahrelang in einer Nervenheilanstalt betreut und war eigentlich nicht mehr ansprechbar. Aber damals gab es für solche Fälle keine Scheidung. Ja, dann kam der Tag, an dem mein Großvater über starke Leibschmerzen klagte. Da er aber kein Fieber hatte, schickte ihn der Arzt wieder an die Arbeit. Als er es vor Schmerzen nicht mehr aushielt, führte man ihn nach Wien ins Spital. Zu spät, er starb an einem simplen Blinddarmdurchbruch. Mein ältester Onkel Johann kam nach Hause mit den Worten: „Jetzt sind wir ganz alleine!“ Mein Großvater wurde nur 43 Jahre alt.

Tante Resi war 16 Jahre jung und ging auch schon in eine Bortenfabrik arbeiten. Dort begann ihr Schicksal in der Gestalt eines viel älteren Mannes mit Namen Franz. Sie war eine leichte Beute für ihn, ein junges Mädchen, das nur Liebe und Wärme suchte. Franz war in der Fabrik als Meister tätig und somit auch ihr unmittelbarer Vorgesetzter. Es dauerte nicht lange und sie war von ihm schwanger. Franz brachte sie zu seinen Eltern nach Wien-Ottakring. Dort durfte sie in einer kleinen Lichthofkammer schlafen. Franz lebte sein eigenes Leben mit der Vorliebe für ganz junge Mädchen weiter. Resi musste sich ständig Vorwürfe von Franz und seinen Eltern anhören, was sie nur für eine Belastung für alle wäre. Als endlich die Geburt bevorstand, schickte man einfach eine alte Nachbarin mit ihr ins Krankenhaus. Sie gebar einen Buben. Wie üblich wurde er gleich im Spital auf den Namen des Vaters Franz getauft. Die Tage vergingen, niemand kümmerte sich um sie, keinen interessierte, ob und was sie geboren hatte. Dann kam der Tag, wo ihr ein Arzt mitteilte: „Fräulein, Sie können nach Hause gehen!“ Früher war es eben so, wenn man nicht verheiratet war, wurde man als Fräulein tituliert, und wenn man schon die 90 überschritten hatte.

Es war Jänner und bitterkalt, als Resi mit ihrem Kind im Arm im Alten AKH beim Portier stand. Sie kannte sich als Kind vom Lande in Wien überhaupt nicht aus. Zwar wusste sie die Adresse, aber nicht, wie sie hinkam. Der Portier sagte ihr, mit welcher Straßenbahn sie fahren müsste. Sie war ganz verzweifelt und sagte, dass sie zu Fuß gehen müsse, weil sie überhaupt kein Geld besitze! Der Portier meinte, dass der Weg viel zu weit sei, um zu Fuß zu gehen. Da er die verzweifelte Lage erkannte und ein guter Mensch war, gab er ihr das notwendige Fahrgeld für die Tram. Sie fand die richtige Straßenbahnlinie, stieg aber in die falsche Richtung ein. Bei der Endstation angekommen, stieg sie aus. Sie hatte nun vollends die Orientierung verloren, und das geschenkte Fahrgeld war auch zur Gänze aufgebraucht. Sie zog ihre dünne Jacke aus, um sie um ihr neugeborenes Kind zu wickeln, Blut rann ihr über die Beine, und sie weinte aus purer Verzweiflung bitterlich. So fand sie ein Wachmann, der sie fragte, wohin sie denn mit ihrem Kinde wolle. Als er die ganze Wahrheit der Geschichte erfuhr, brachte er sie persönlich nach Ottakring in die Lorenz-Mandl-Gasse. Er erkundigte sich sehr zornig nach dem Verbleib des Kindesvaters. Dieser lag ganz gemütlich auf einem alten Ledersofa neben dem Küchenherd in wohliger Wärme. Der Wachmann las ihm daraufhin gehörig die Leviten. Nachdem der Polizist gegangen war, fiel die gesamte Familie über die arme Resi her und beschimpfte sie auf das Gröbste, wo das Geringste noch das »blöde Landtrampel“ war, mit dem man nichts als Ärger hätte. Der Großvater des Kindes brachte einen alten, modrigen Wäschekorb als Wiege und Schlafstatt für das Baby.

Nach etwa einem Monat kam die sogenannte Großmutter auf eine sehr fiese Idee, um das Problem mit dem Kind ein für alle Mal zu lösen. Sie lag Resi ständig in den Ohren, da sie ja so viel Milch habe, könnte sie diese doch gut verkaufen, und als Amme so für die notwendige Aussteuer damit sorgen. Dann würde sie der Franz bestimmt auch heiraten. Eines Tages war es nun soweit und sie wurde in die Kinderübernahmestelle in der Lustkandlgasse gebracht, wo sie ihr Kind noch ein letztes Mal stillen durfte. Als sie das Kind dem Beamten übergab, fragte dieser sie, ob es ihr nicht leid täte um dieses schöne Kind. Resi meinte dazu, dass sie es ohnedies wieder abholen würde, wenn die Ammentätigkeit bei der reichen Familie vorbei wäre. Bei der jüdischen Familie, wo sie hingebracht wurde, ging es ihr recht gut. Sie wurde gefüttert und sehr verwöhnt, damit ihre Muttermilch nur ja optimal für das Kind wäre. Immer wieder kamen die Eltern von Franz, um sich von der Familie einen Vorschuss auf Resis Ammentätigkeit zu holen, der ihnen stets gegeben wurde. Die Familie warnte Resi, dass von ihrem Lohn nicht viel übrig bleiben werde. Die Zeit verging rasch und Resi bestand darauf, ihr eigenes Kind wieder abzuholen. Bereitwillig ging Franz mit ihr in die Lustkandlgasse, weil er ja längst wusste, was man ihr mitteilen würde. Das Kind war nämlich schon nach 14 Tagen an Darmkatarrh gestorben und irgendwo mit irgendwem begraben worden, man wisse es nicht.

Die nächste Schwangerschaft kam bald darauf. Resi kannte sich nun in Wien schon viel besser aus. Als sie Wehen verspürte, fuhr sie alleine ins Alte AKH. Dort wurde sie untersucht und gleich wieder nach Hause geschickt. Denn man sagte ihr, dass es noch lange nicht so weit sei. Es war nun schon sehr dunkel, und da dieses Krankenhaus enorm groß und zudem noch wie ein Irrgarten angelegt ist, verirrte sie sich in der Weitläufigkeit. Sie fand einfach den Ausgang nicht. Plötzlich setzten die Presswehen ein und es wurde eine Sturzgeburt. So gut es ging, hielt sie ihr neugeborenes Kind mit ihrem langen Rock fest umschlungen. Lange musste sie rufen, um endlich gehört zu werden. Endlich wurde sie auf eine Trage gelegt und auf die Station gebracht. Dort war der Arzt sehr erstaunt über ihr neuerliches Erscheinen. Aber das war damals absolut kein Grund zur Panik für die Ärzteschaft. Es war ein Mädchen und es blutete aus Mund und Nase, das Kind dürfte bei der Sturzgeburt verletzt worden sein. Drei Tage durfte das Mädchen auf dieser Erde weilen, dann teilte man Resi lakonisch mit, dass das Kind gestorben wäre und ob sie ein christliches Begräbnis wünsche. Ja, aber ohne Geld ist leider keine Bestattung möglich. Man führte sie in eine Kammer und zeigte ihr den Leichnam ihres Kindes, der zwischen den Beinen eines alten Mannes lag.

Franz und seine Eltern waren froh, als sie ohne Kind nach Hause kam. Denn jetzt konnte sie endlich wieder zur Arbeit geschickt werden, um Geld zu verdienen. Der liebe Franz ließ sich erweichen und heiratete Resi. Denn er brauchte ja jemanden, der seine Bedürfnisse, nebst seinen kleinen Liebschaften, befriedigen konnte. Vor allem jemanden, der sich um die kleine Wohnung, die Wäsche und das leibliche Wohl kümmerte und zudem noch alles in Schuss hielt. Außerdem nahm er ihr noch das bisschen Geld ab, das sie sich redlich verdiente, und wenn sie nicht nach seinem Willen funktionierte, wurde sie mit ein paar Ohrfeigen gefügig gemacht. Das konnte er selbstverständlich nur bei seiner eigenen Frau so handhaben, bei seinen diversen Liebschaften zeigte er einen gänzlich anderen Charakter. Eines Tages wurde sie wieder schwanger von ihrem lieben Gatten, es wurde jedoch eine Fehlgeburt. Dabei wurde sie von ihrem Mann in seltener moralischer Anwandlung bezichtigt, mit Absicht die Fehlgeburt herbeigeführt zu haben.

Als meine Tante Resi eines Tages Witwe wurde, kam sie sehr oft zu Besuch und erzählte mir vieles aus ihrem bewegten Leben. Diese Lebensgeschichte alleine würde ein dickes Buch füllen. Sie wurde 87 Jahre alt und war bis zu ihrem Tod immer in Gedanken bei ihren Kindern, malte sich aus, was aus ihnen geworden wäre....

Trotz ihres schlimmen Schicksalsweges war sie immer eine starke und lebensbejahende Frau, hatte für andere Menschen eine hilfreiche Hand und vor allem ein sehr mitfühlendes Herz.

Informationen zum Artikel:

Meine Tante

Verfasst von Rosa Schebeczek

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Lebensgeschichtliche Fotorevue

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 9. Bezirk, AKH, Kinderübernahmestelle Lustkandlgasse / Wien, 16. Bezirk
  • Zeit: 1910er Jahre

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