Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen: 1052 Beiträge

Lichtbau und Jahrhunderthochwasser

von Elisabeth Fuchs

Im Juli 1958 war meine Pflichtschulzeit zu Ende und in jenem Jahr fand der Bau der Lichtleitungen, zuerst im Schlaggraben und dann im Eibegggraben statt. Mein Vater hatte als Obmann der Lichtbaugesellschaft alle Hände voll zu tun. So musste er Männer auftreiben, die bereit waren jene tiefen Löcher zu graben, in denen die Strommasten platziert wurden. Zudem musste er darauf achten, dass diese Löcher wieder ordentlich und zur richtigen Zeit zugeschaufelt wurden, damit die Strommonteure ihre Tätigkeiten ohne Unterbrechungen ausführen konnten.

Als dann nach all den langwierigen Arbeiten das erste Mal das elektrische Licht leuchtete, empfanden wir vorerst sogar die 25 Watt Glühbirne als zu grell, aber schon sehr bald hatten wir uns an die Helligkeit gewöhnt. Leider war es so, dass bereits nach ein paar Wochen das elektrische Licht „seinen Geist“ aufgab. Denn es gab in der Breitenau und in ein paar Nachbarsgemeinden ein Jahrhunderthochwasser.

An jenem Tag war ich beim vulgo Winkler. Dort fielen die Regenfälle auch sehr heftig aus, allerdings drang das viele Regenwasser nur in die Stallungen und in den bergseitigen Keller des Hauses ein, rissen aber nichts weg. Weiter draußen im Graben gab es aber schon recht bald die ersten Verwüstungen an Brücken und Wegstücken. Sogar Gebäude wurden von riesigen Wassermassen verschlungen.

Die „Motzn-Lena“, eine alte alleinstehende Frau, hatte ein kleines Blockhäuschen, etwa hundert Meter vom Bach entfernt. Als sich die Wolkenbrüche immer und immer wieder entluden und dem „Biechler“ (Jakob Teuschl) beim „Wossaloatn“ die „Grausbirn“ aufstieg, ging er zur Lena und bot ihr an, mit hinauf zu seinem Hof zu kommen, da sie dort wesentlich sicherer sein würde.

Diese Frau lehnte sein Angebot jedoch ab und meinte: „Im 36er Johr wor ah a großas Hochwossa, domols is mia ah nix passiert.“ Der Biechler Jogl ließ sich davon überzeugen und eilte ohne sie heimzu. Vom Fenster aus beobachteten er und seine Angehörigen allerdings die wild gewordene Natur.

Plötzlich erkannten sie, dass „Motzn-Lenas“-Häuschen am Wasser dahintrieb, sogar Rauch stieg noch aus dem Kamin. Wenn die Biechler Leute von dieser Beobachtung erzählten, meinten sie: „Es hot ausgschaut, als ob a Dampfer am Wossa dahintriebn war.“

Lena konnte ihr Haus nicht mehr rechtzeitig verlassen und kam somit in den Fluten ums Leben. Auch Herr Schmalzmeier, der mit der Taschenlampe geleuchtet hatte, während andere Männer versuchten den Überflutungen Herr zu werden, wurde plötzlich hinterrücks, wo es niemand bemerkte, vom reißenden Wasser erfasst. Für ihn gab es ebenfalls keine Hilfe mehr.

Nach dem Rosenkranzbeten, das wurde bei uns nebst dem Einheizen einiger geweihter Palmzweige bei schweren Gewittern immer praktiziert, zog ich mich in mein Dachzimmerl zurück. Ich schloss die Fensterbalken, damit ich die vielen zuckenden Blitze nicht sehen musste. Der nicht enden wollende Regen begleitet von schwerem Hagelschlag prasselte mit solcher Wucht nieder, so dass an einen ruhigen Schlaf nicht zu denken war.

Als ich am Morgen aufstand, ging es bereits sehr hektisch zu. Die Hausleute waren dabei mit Krampen, Schaufeln und Eisenrechen die Vermurrungen, die rundherum waren, so gut es ging, zu beseitigen.

Ich wurde eingeteilt, den Zustand unseres Zufahrtsweges zu erkunden. Schon recht bald gab es auf diesem kein Weiterkommen. Die Brücken waren weggerissen und ganze Wegstücke fehlten. Deshalb „hantelte“ ich mich auf den Böschungen weiter und gelangte so bis zur „Lanzen Keusche“ hinaus.

Zwei zerstörte Häuser, davor Schlamm, Geröll und Wasser
Nach dem "Jahrhundert-Hochwasser" vom 12. und 13. August 1958

Dort war aber endgültig Endstation. Ich sah, dass die dortige Heuhütte, die ursprünglich aus Platzmangel über den Bach gebaut wurde, nicht mehr stand und auch Teile des kleinen Stalles und des Hauses fehlten. Von einem Weg war nun weit und breit nichts mehr zu sehen. Nur Wasser, Schlamm, Geröll, Holzstämme und Wurzelstöcke erblickte ich. Auch andere Leute aus der näheren Umgebung waren dort und sahen ungläubig auf das Ausmaß der Verwüstungen.

Während wir betroffen miteinander sprachen, hörten wir plötzlich ein ungewohntes Brummen. Als wir gegen den Himmel schauten, sahen wir einen Hubschrauber, der über uns kreiste und schließlich wieder abdrehte. Es wurde auf diese Weise ausgekundschaftet, wie hoch die Schäden  und wo Hilfsmaßnahmen nötig sind.

Auf Umwegen stapfte ich wieder heimwärts und erzählte dort, wie arg es weiter draußen aussah. (...)

Aufgrund der immensen Schäden wurde das Bundesheer zum Hochwassereinsatz in die Breitenau gerufen und auch viele Baufirmen packten diese Gelegenheit beim Schopf und wurden beim Wegbau und bei der Wiederherstellung landwirtschaftlicher Flächen tätig.

Zu jener Zeit sah ich das erste Mall einen Caterpillar. Die Fahrer dieser Raupenfahrzeuge wurden beinahe wie Halbgötter behandelt. Das Abböschen wurde aber noch händisch erledigt und auf fast jedem Bauernhof waren ein paar Arbeiter untergebracht und wurden auch verköstigt.

Obwohl die Instandsetzung so rasch als möglich begonnen wurde, dauerte es eine Weile, bis alle Gehöfte wieder erreichbar waren. Die Wege, die vorher überwiegend in den Gräben entlang führten, wurden zwar nicht mehr aktiviert, dafür führten die neuen Zufahrtsstraßen aber direkt zu den Höfen. Nun waren diese auch mit Autos zu erreichen, was vor dem Hochwasser nur in den wenigsten Fällen möglich war.

Auch die Stromleitungen wurden, wo es notwendig war, neu errichtet, und als es auf Allerheiligen zuging, war die Welt beinahe schon wieder in Ordnung.

Im Laufe dieser Zeit wurden entlang der Gräben zusätzlich Hochwasserverbauungen (Sperren) errichtet. Sie sollten die Bevölkerung vor weiteren Überschwemmungen schützen. Gott sei Dank brauchten diese den Beweis in den weiteren Jahrzehnten nicht antreten.

(...)

Informationen zum Artikel:

Lichtbau und Jahrhunderthochwasser

Verfasst von Elisabeth Fuchs

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Obersteiermark-Ost, Breitenau am Hochlantsch
  • Zeit: 1958

Anmerkungen

Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem unveröffentlichten Manuskript von Elisabeth Fuchs: Hervorgekramt aus meinem Hinterstüberl. Geschehnisse in meiner Kindheit und frühesten Jugend - 1940er und 50er Jahre, S. 85-89.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.