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Die Brünner Straße und ihre Geschäfte

von Brigitte Schmölz

Sie ist und war ein Teil von mir, so wie ich zu ihr gehörte und noch gehöre. 21 Jahre war sie fixer Bestandteil meines Lebens. Sie hatte für mich ein "Regen-Schlechtwetter"- Gesicht und sah anders aus bei Sonne und schönem Wetter.

Ich tat auf ihr die ersten tapsigen Schritte, lernte Dreirad und Rad fahren, später gehörte sie zu meinem täglichen Schulweg und heute betrete ich sie, wenn ich zu meinen Eltern auf Besuch komme. Sie teilte mit mir Freud und Leid, die erste Verliebtheit und ist ein Ort, den ich stets mit Fürsorge und Aufmerksamkeit betrachte.

In letzter Zeit blicke ich des Öfteren sorgenvoll auf meine Straße, in der ich aufwuchs. Viele Geschäfte sperren ihre Pforten für immer, gefolgt von Billigläden mit kurzer Lebensdauer. Dabei war sie einst eine schmucke "Einzugsstraße", zugegeben immer äußerst verkehrsreich. LKW donnerten über das damalige Kopfsteinpflaster, die Straßenbahnlinien 231, 331 und 31/5 - heute nur mehr 31 und 33, ratterten über die Gleise und der Individualverkehr nahm stetig zu.

Mit dem Bau der Auffahrt zur Nordbrücke ist ein Großteil des Verkehrs, der Richtung Spitz flutete, nun abgelenkt.

Auch war meine Straße reich an verschiedenen Geschäften. Es gab die Delikatessenhandlung Zwölfer, die Spezialitäten aus dem In- und Ausland bot. Natürlich wurden alle Stammkunden mit Namen bzw. auch einem Titel (Frau Doktor = Frau des Arztes, Frau Kommerzialrat, Frau Senatsrat ...) angesprochen und stets zuvorkommend, höflichst und persönlich bedient.

Weiters gab es in Spitznähe die Buchhandlung Böhm, die Schreib-, Papierwaren, Geschenkartikel und unzählige Bücher führte. Zu Schulbeginn war dort immer "Hochsaison", denn zu Zeiten meines Gymnasialbesuchs mussten wir dort unsere Schulbücher persönlich holen. Sie waren antiquarisch, was so viel bedeutete, dass sie schon Schüler bzw. Schülerinnen vor einem benutzt hatten und sie am Ende des Schuljahres retourniert wurden.

Selbstverständlich haben wir auf unsere Leihbücher sehr gut aufgepasst und sie sorgfältig behandelt, damit sie wieder von der Buchhandlung zurück genommen wurden und man kein Ersatzbuch kaufen musste. Anfang September standen wir also stets Schlange mit unseren "Buch-Gutscheinen", fröhlich plaudernd, sich austauschend und gespannt, was das neue Schuljahr für uns bringen würde.

Auch einen "Star-Frisör" mit Namen Schauer gab es auf der Brünner Straße. Pünktlich zu Schulbeginn wurden die Haare wieder für die Schule in Form gebracht, die "Sommermähne" mußte ab.

Während meiner Volksschulzeit trug ich meist Zöpfe, geschmückt mit bunten Zopfspangen, wie Margaritenblumen, rote Kugeln, die wie Kirschen aussahen, wenn sie verknotet waren. Diese Kugeln erinnerten auch an ein Spiel, das viele Kinder damals hatten. Es hieß Klick-Klack und die Kunst bestand darin, die Kugeln so oft wie möglich aneinander zu schlagen.

Nach meiner Blinddarm- und Nabelbruchoperation wollte ich unbedingt meine Zöpfe gegen eine schicke Kurzhaarfrisur, wie sie damals in Mode gekommen war, tauschen. Ich trug also meinen Wunsch meiner Mutter vor und nachdem mein Vater seine Zustimmung gegeben hatte, marschierte ich stolz zum Frisör. Zwei Schnitte - und die Zöpfe waren ab! Ich habe sie übrigens heute noch in einer Schachtel, das war nämlich früher so Tradition, die Haare aufzuheben.

Vor den Ohren wurden mit zwei Metallklipsen, die beim Föhnen übrigens unglaublich heiß wurden und brannten, sogenannte "Sechser" fixiert und dann trocknete die Frisörin flott die zum "Bubikopf" geschnittene restlich Haarpracht. Es war ein unglaublich tolles Gefühl, als ich das erste Mal mit Kurzhaarfrisur die Straße betrat, ein Gefühl der Freiheit, auf dem Weg zum Erwachsensein.

An der Ecke Brünner Straße/Hermann-Bahr-Straße gab es auch lange Zeit das Hutgeschäft Gärner. Damals waren Hüte noch sehr in Mode. Die Herren trugen zum Anzug einen Hut und die Damen prachtvolle Exemplare zu besonderen Anlässen. Auch zum sonntäglichen Kirchenbesuch durfte die schicke Kopfbedeckung nicht fehlen.

Es gab zahlreiche Variationen aus Stroh, Bast, Filz und Stoff. Natürlich mussten auch Kinder in der kühlen Jahreszeit Hüte tragen - im Sommer durfte es auch das Kopftuch sein, das mal vorne und dann wieder hinter geknotet wurde.

Ich erinnere mich noch ganz genau, dass mir meine Mutter einmal zu Schulbeginn eine, wie sie meinte, moderne, todschicke Pepitakappe mit winziger roter Quaste und kleinen Vorderschirm kaufte. Mir gefiel sie zwar nicht, aber viel Einspruchsrecht hatte man damals nicht. Von meinen Schulkolleginnen wurde mein Kopfschmuck belächelt, und ich hasste diese Kappe.

Als wir am nächsten Sonntag meine Großeltern besuchten und mein Großvater mich mit dieser Kappe erblickte, machte er eine folgenschwere Bemerkung: " Oh, da schau her! Unsere Gigg mit einer Jockeykappe." Das war das letzte Mal, dass ich diese Kappe trug!

An der nächsten Kreuzung stadtauswärts gab es das große Geschirrgeschäft Zeiler. Da fand man alles, was das "Haushaltsherz" begehrte: edle Service, Vasen, Bleikristallgläser, Besteck und Porzellanfiguren.

Anlässlich des Muttertages, ich war gerade fünf Jahre alt, wollte ich ein ganz besonderes Geschenk für meine Mama erwerben und bat meinen Papa mit mir zum Zeiler zu gehen, um eine Melitta-Teekanne, die ich in der Auslage gesehen hatte, zu erstehen. Ich hatte meine Sparkasse mit all meinen Ersparnissen mit und schüttete die Schillinge und Groschen auf die Theke.

Die Teekanne wurde gut verpackt, mein Papa zahlte den Restbetrag, und ich ging stolz nach Hause. Die Überraschung eines "wirklich großen" und nicht nur von mir gebastelten Geschenks wie üblich, ist mir gelungen.

Meine Mama staunte nicht schlecht, dass ich all meine Erspartes für sie "geopfert" hatte denn das hatte ich bei der Überreichung natürlich sofort kundgetan.

An meinen "Schulden" bei meinem Vater hatte ich allerdings noch lange zu zahlen - erlassen wurde mir kein einziger Groschen. Das hat sicherlich dazu beigetragen, dass ich nun bei Einkäufen und beim Geldausgeben sehr vorsichtig bin.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Die Brünner Straße und ihre Geschäfte

Verfasst von Brigitte Schmölz

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Schreibaufrufe, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 21. Bezirk, Brünner Straße
  • Zeit: 1960er Jahre, 1970er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag entstand im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte" und wurde bei der Schlussveranstaltung am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich präsentiert.

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