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"... war eigentlich alles sehr unkompliziert"

von Günther Schmid

1947 kam mein Vater aus der Gefangenschaft. Nun waren wir wieder eine Familie, doch ich war ohne ihn nicht besonders unglücklich gewesen. Ich kam mit Mutter, Oma und Opa sehr gut zurecht. Obwohl die Menschen so gut wie nichts hatten, wurden die Türrahmen mit Girlanden und Transparenten „Willkommen!“ geschmückt. Die Nachbarn versammelten sich und schüttelten ihm die Hände, um ihn zu empfangen. Es war eine Herzlichkeit – ich glaube, er war zufrieden.

Es gab schön langsam so etwas wie eine Aufbruchstimmung. Die Menschen renovierten notdürftig ihre Wohnungen, es wurde ausgemalt, genagelt, Einschusslöcher wurden verschmiert, Mobiliar ausgebessert, das kriegsbedingt gelitten hatte. Mutter ging mit einigen Nachbarn hamstern, überwiegend ins Burgenland. Nach dem Motto: einen Tag unterwegs, tausche alte Gummistiefel gegen drei Eier und ein Stück Blunzen. Um jedoch dorthin zu gelangen, mussten sie fast immer auf Güterwägen mitfahren oder auf deren Dächern, von wo die Russen sie fallweise mit kaltem Wasser runterspritzten.

Vater hatte bald einen Job als Kutscher bei Mautner-Markhof, doch er musste jede andere Tätigkeit, die anfiel, genauso erledigen. Kohlen schaufeln auf der Ostbahn, das Heizhaus am Anfang der Lorystraße sonntags auf Überstunden bedienen, wo ich ihm immer das Essen brachte, usw. Täglich fuhr er mit dem Pferdefuhrwerk quer durch Wien, um die Bäcker mit Germ zu beliefern. Es waren schöne, fiakerähnliche Kutschen, seitlich mit Goldtalern bemalt – Auszeichnungen für die Qualität der Waren. Fallweise nahm er mich auch mit. Bei der Firma Anker-Brot bekam er immer frische Semmeln und Salzstangerln, die er uns am Nachhauseweg vorbeibrachte.

Schön langsam begann der Transport von Mautner auf der Hauptstraße zur Ostbahn am Kanal zu zirkulieren. Es waren Kohlen, Koks, Fässer und Rohstoffe. Für uns Kinder waren die pferde­gezogenen Tankwagen mit Melasse der „Hammer“. Wir liefen hinterher und bedienten uns an dem so genannten Kunsthonig, der raustropfte – gemeinsam mit den Schrebergärtnern die hier die Rossknödeln einsammelten. Auch die Kokstransporte waren super. Zwei Kinder sprangen hinten rauf und rafften so viel von diesem wertvollen Gut auf die Straße, wie nur möglich war, und ab nach Hause damit. Die Kutscher sahen, obwohl sie genau wussten, was abgeht, immer nach vorne. Simmering war in dieser Zeit ein Dorf, nicht mehr, doch hier fühlte ich mich wohl.

Der bucklige Friseur, Herr Franz, bei dem ich mit Oma schon als Kleinkind Kunde war, schnitt mir die Haare immer auf einem Sessel mit einem Pferdekopf. Die Drischützgasse 14 mit ihrem Greißlerladen, Herr Kratky auf der Geiselbergstraße 58, gleich daneben ein Milchgeschäft, Frau Reis mit Zwirn, Bändern und Knöpfen, Herr Eichler auf der Simmeringer Hauptstraße 69 mit seiner Drogerie, Pischl & Ruschowy mit Eisenwaren auf der Simmeringer Hauptstraße 56; der Tuscherwirt, heute Karlwirt, Ecke Lorystraße Drischützgasse 10, der Aignerwirt in der Felsgasse 9 und der Bäcker Gschiel.

Auch zwei Beserlparks gab es, einen davon gibt es immer noch, in der Geiselbergstraße, auf dem anderen steht das Polizeikommissariat Sedlitzkygasse 27, das während des Krieges im Herderpark untergebracht war. In dem einen Beserlpark in der Geiselbergstraße trafen sich bei Schönwetter immer die alten Damen zu ihrem Plausch.

Gegenüber befand und befindet sich auch heute noch der Schulgarten. Die alte Schule gibt es aber seit vielen Jahren nicht mehr. Als Kinder spielten wir hier sehr gerne, es gab einen herr­lichen Lindenbaum, der heute noch steht und den ich jedes Jahr in der Blütezeit eines Teils seiner Blüten beraubte und sie den älteren Damen als „Präsent“ zum Tee überließ – immer mit dem Gedanken, einige Schillinge zu bekommen, was fallweise auch funktionierte.

Für Tiere hatte ich immer ein großes Herz. Wo immer ich eines ergattern konnte – Eidechsen, Igel, Schlange, junge Ratten, entlaufene Hunde, aus dem Nest gefallene Vögel, Sonnenbarsche aus dem Teich am Laaerberg – alles nahm ich mit nach Hause, und in meiner geliebten Mutter hatte ich eine mehr als verständnisvolle Verbündete.

Arbeit gab es genug, der Wiederaufbau war bereits voll im Gange, in bescheidenem Rahmen gab es auch ein Kulturangebot. Auf dem Grund des Fleischhauers Gramanitsch, Ecke Hauffgasse / Lorygasse, quartierte sich Familie Fretzer mit ihrer Stegreifbühne ein. Jeden Tag ein neues Stück, zugeschnitten auf die auf die breite Masse der Bevölkerung. Sie war fast immer ausverkauft, die Eintrittskarten waren billig. Dort bemühte ich mich um einen Job als Kulissenschieber, und fiel bei Schneewittchen der 7. Zwerg von links aus, so sprang ich eben als solcher ein. Bei den Nach­mittagsveranstaltungen fand ich fast immer Beschäftigung und bekam hier von Frau Fetzer obligatorisch zwei Schilling. Ob als Indianer, Freitag in „Robinson Crusoe“ oder als Cowboy, die Gage war immer gleich, und ich war recht glücklich damit. Für Abendvorstellungen gab mir mein Vater nur selten die Chance.

Auch Zirkusse besuchten des Öfteren den 11. Bezirk, vor allem die Familie Tröstl mit ihren Artisten und dem berühmten Todessprung logierte fast immer im neuen Teil des Herderparks in der Lorystraße oder auf der so genannten Roschergstätten, Herbortgasse 7, beim Herderpark.

Auch fünf Kinos nannte der 11. Bezirk sein Eigen – die Lichtbildbühne, das Rexkino, S.V.K. Enkplatz; das Hauffkino (heute Szene Wien) ist als einziger Veranstaltungsort noch übrig geblieben aus dieser Zeit. Eines war bombardiert worden, ich glaube es hieß Apollokino und war auf der Simmeringer Hauptstraße 49 beheimatet. Später standen die „Quelle“ und andere Geschäfte auf diesem Fleck.

In den Herderpark kamen auch fast jede Woche Blaskapellen – Polizei, Gaswerk, Straßenbahner, Feuerwehr –, um die Menschen mit ihrer Musik zu erfreuen. Das Kinderfreibad im Herderpark war sehr beliebt; es kostete nichts, und die ersten Köpfler brachten bewundernde Blicke von den Freunden ein.

Auch die Maifeiern sind unvergesslich. Sie wurden im großen Stil abgehalten: mit roten Papiernelken, Fackelzügen, rote Fahnen in jedem Fenster und Kundgebungen am Rathausplatz. Um dorthin zu gelangen, musste man jedoch kräftig marschieren. Kinder durften in kleinen Pferdefuhrwerken mitfahren, die festlich geschmückt waren.

Ich fuhr mit den Kommunisten, die hatten ihr Lokal bei uns im Hause, wo meine Tante als Super-Kommunistin Papiernelken herstellte, um aus dem Verkaufserlös etwas Geld für die KPÖ zu bekommen.

Wenn ich heute darüber nachdenke, war eigentlich alles sehr unkompliziert. Zu den Sozialisten ging ich Ping-Pong spielen, zu den Schwarzen in die Kirche ministrieren (die machten auch die schönsten Ausflüge), und Turnen ging ich zu den übrig gebliebenen Nazis im ÖTB. Dies wurde mir erst als Erwachsener bewusst, da ich eine Siegerurkunde, unterschrieben vom „Gauleiter“, erhielt. Ich habe sie heute noch.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

"... war eigentlich alles sehr unkompliziert"

Verfasst von Günther Schmid

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Schreibaufrufe, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 11. Bezirk, Simmering
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag entstand im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte" und wurde bei der Schlussveranstaltung am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich präsentiert.

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