Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen: 1052 Beiträge

"Wir wohnten in der Lindengasse ..."

von Elfriede Strachota

Da ich meine Mutter und auch meinen Vater tagsüber nicht so oft zu Gesicht bekam, erkundete ich auf meine Weise meine Umgebung. Wir wohnten in der Lindengasse – und da erkundete ich zu allererst einmal das gesamte Haus. Ebenerdig war ein Kohlengeschäft und vor dem Kohlenhändler fürchtete ich mich sehr. So gut es ging, versuchte ich, dass sich unsere Wege nicht kreuzten, denn meistens war er betrunken. Wenn ich manchmal etwas aus dem Keller holen musste, begegneten wir einander doch, da er ja im Keller seine Kohlenlager hatte. In seinem Rausch verrichtete er, wo er sich gerade aufhielt, seine Notdurft. Auch wenn ich vorbeigehen musste, störte ihn das nicht.

Meine weiteren Abenteuer begannen ums Eck. Dort gab es einen Greißler, der so ziemlich alles hatte, was man sich nur wünschen kann. In dieses Geschäft traute ich mich aber nicht hineinzugehen, weil der Inhaber mich immer so böse anschaute. Mir aber genügte es schon, was er vor dem Geschäft anzubieten hatte. In der ganzen Zollergase gab es nicht annähernd ein Geschäft mit solchen Verlockungen. Es war ja erst der Beginn des Krieges – und da bekam man ja noch alles für sein gutes Geld. Nur: das hatte ich leider nicht. Und so eignete ich mir einmal einen schönen Apfel an, allerdings unter sehr großem Bauchweh. Er schmeckte mir auch hinterher nicht besonders gut – vor lauter schlechtem Gewissen.

Nun wollte ich aber testen, ob ich jedes Mal ein schlechtes Gewissen haben würde, und ob mir der Apfel dann auch wieder nicht schmecken würde, und so bediente ich mich jedesmal im Vorübergehen zum absoluten Nulltarif. Einmal war es eine Birne, dann wiederum ein anderes Obst und nachdem man mir auf meine kleinen Diebstähle nicht drauf kam, schmeckte mir das verboten Angeeignete von Mal zu Mal besser, solange bis ich vom Greißler erwischt wurde. Na, das gab ein Theater! Er dürfte schon auf der Lauer gelegen haben, weil es ihm sicherlich aufgefallen war, dass sich jemand seiner Ware bediente ohne zu bezahlen. Als ich mir wieder einmal einen schönen Apfel greifen wollte, stürzte er aus seinem Lokal zu mir heraus und schrie: „Jetzt weiß ich endlich, wer der Dieb ist!“ Ich lief, so rasch mich meine Füße tragen konnten, und ich war natürlich schneller als er. So gab er alsbald auf, aber er drohte mir mit meinem Vater, was ich im Weglaufen gerade noch hörte.

Ich war sicher, dass es am Abend einen großen Krach geben würde, denn mein Vater musste ja an seinem Geschäft vorbei gehen und ich rechnete mit einer Tracht Prügel. Aber an diesem Abend geschah nichts. Also wusste er noch von nichts. Am nächsten Tag musste ich mit meinem Vater an der Greißlerei vorbeigehen. Ich wusste, jetzt wird es passieren – und es geschah. Der Greißler stürzte heraus, schrie meinem Vater all meine Vergehen ins Gesicht, war feuerrot und furchtbar aufgeregt. Mein Vater reagierte aber ganz anders, als ich erwartet hatte. Er blieb nämlich ganz ruhig und fragte ganz freundlich, ob er wolle, dass wir weiterhin bei ihm Kundschaft bleiben sollen. Als er dies bejahte, sagte er freundlich und halb lachend: „Dann machen Sie mir die Rechnung, und ich bezahle alles, was sie bisher an Schaden erlitten haben und machen Sie kein weiteres Theater.“

Und zu mir sagte er, wenn ich wieder etwas haben wolle, solle ich es mir nur ruhig nehmen, aber danach ins Geschäft gehen und sagen, was es wäre. Es würde dann aufgeschrieben werden, und er würde dann am Ende des Monats oder Ende der Woche die offene Rechnung begleichen kommen. Infolge habe ich dann nicht mehr so oft hingelangt. Es hat mir keinen Spaß mehr gemacht.

Gleich vis-à-vis vom Greißler in der Zollergasse war eine Parfümerie. Die besuchte ich fast täglich, weil es dort so herrlich roch. Da gab es einen großen Glasbehälter, der angefüllt war mit Eau de Cologne. Es war damals noch nicht so, dass man sich ganz einfach einen Duft in einer wunderbaren Flasche kauft. Man kam in die Parfumerie mit seinem kleinen Parfumfläschchen und ließ sich von dem großen Glasbehälter, mittels einer Pumpe, sein mitgebrachtes Flascherl anfüllen. Manchmal durfte ich die herrlich duftenden Seifen schlichten. Im gleichen Haus gab es eine Knöpferlpresserei. Auch dieser Betrieb wurde von zwei Schwestern geführt. In diese Firma ging ich liebend gern. Es gab Wochen, da beglückte ich die beiden ältlichen Damen jeden Tag mit meiner Anwesenheit. Mich faszinierten die diversen Maschinen. Die Damen arbeiteten auch viel mit Schneidern zusammen. Zu jener Zeit kaufte man sich noch nicht so viel von der Stange, sondern ließ sich aus einem guten Stoff ein schönes Kleid anfertigen, das dann aber auch Jahre halten musste.

In der Zollergasse, Ecke Mondscheingasse war auch eine Musikalienhandlung. Dieses Geschäft gehörte einer älteren, dicken, gemütlichen Frau; wahrscheinlich war ihr Mann auch schon eingerückt gewesen. Auch in dieses Geschäft ging ich sehr gerne, denn die Frau beschäftigte sich sehr viel mit mir, es kamen ja auch fast keine Kunden herein. Wer kauft sich schon täglich ein Instrument? Aber hie und da klingelte es doch. Sie hatte nämlich über der Eingangstür ein Glockenspiel aufgehängt, und wenn man den kleinen Laden betrat, so klingelte es angenehm. Aber es war dann so, dass sie vielleicht eine Saite für eine Geige oder Gitarre verkaufte. Man bekam bei ihr auch Noten fürs Klavier oder für andere Musikinstrumente. Nachdem sie von dem Verkauf von vielleicht drei Saiten und zwei Heften pro Tag nicht leben konnte, machte sie zusätzlich eine Heimarbeit. Während des Krieges wurden ja Heimarbeiten vergeben: Handschuhe, Socken oder warme Schuheinlagen für die Soldaten, die sich an der Front befanden, nähen. Wir saßen sehr oft gemütlich in der an das Geschäft angrenzenden Küche, denn die Musikalienhändlerin hatte gleich hinter ihrem Laden ihre Wohnung. Manchmal, wenn sie dazu aufgelegt war, nahm sie eine Mandoline aus der Vitrine und spielte mir was vor. Das hatte ich besonders gerne.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

"Wir wohnten in der Lindengasse ..."

Verfasst von Elfriede Strachota

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Schreibaufrufe, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 7. Bezirk
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag ist ein Ausschnitt aus einem umfangreichen lebensgeschichtlichen Manuskript der Autorin. Er wurde bei der Abschlussveranstaltung des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte" am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich präsentiert.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.