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Die Stumpergasse

von Gertrude Schnöll

Die Stumpergasse verbindet Mariahilf mit Gumpendorf. Als waschechte Wienerin – Jahrgang 1931 – bin ich dort aufgewachsen. Meine Mutter starb zwanzigjährig an Lungen-TBC, da war ich noch nicht drei Jahre alt. Deshalb lebten mein Vater und ich bei meiner Großmutter.

Ich heiße Trude, was fast eine Sensation war, denn die ganze Verwandtschaft bestand aus weib­lichen Polderln, Mitzerln; alle Männe hießen Franz oder Seppl.

Das schöne alte Haus steht Stumpergasse 44, Ecke Schmalzhofgasse. Die rundgebauten Stiegenaufgänge haben jeweils 32 Stufen, kein Aufzug.

Die Wohnung im dritten Stock war eigentlich traumhaft: zwei gassenseitige, große Zimmer mit je circa 26 Quadratmeter und 3,60 Meter hoch; ein Vorzimmer und eine Küche mit Gangfenster und einem Fenster zum sogenannten Lichthof; Wasser und WC in der Wohnung! Bad gab es natürlich nur am Samstag im öffentlichen Tröpferlbad.

Mein Vater war gelernter Elektriker. Erdung und Schuko-Stecker waren noch nicht gesetzlich vorgeschrieben, und es gab in „unseren Kreisen“ kaum Elektrogeräte. Wir hatten noch einen echten „Eiskasten“ (keinen Kühlschrank!). Dies ist ein mit Blech ausgelegtes, truhenartiges Kästchen, in welches zweimal wöchentlich ein Eisblock hineingelegt wurde.

In unserem Wohnhause befand sich direkt neben dem Haustor ein Milchgeschäft. Dieses führte nur „offene“ Milch (also noch keine Glasflaschen) sowie Butter und Topfen, alles unverpackt. Kaufte man zum Beispiel 10 Deka Butter oder Topfen, so wurde dies in ein Stück Pergamentpapier eingewickelt.

Man hatte große Einkaufstaschen aus Leder, oder Stoffsackerln oder geknüpfte Netze. Vierjährig ging ich bereits mit einem gewöhnlichen Blech- oder Email-Häferl (mit einem Henkel!) morgens die drei Stockwerke hinunter einen Viertelliter Milch holen. Das Milchgeschäft sperrte um halb sechs Uhr früh auf; sonntags war geschlossen.

Alle Arten von Semmeln, Weckerln, Brot sowie Mehl und Brösel kaufte man beim Bäcker. Dieser führte keine Kuchen, solche buken alle Frauen selber. Zimtschnecken und Ähnliches bekam man wie Creme-Schnitten nur beim Zuckerbäcker. Wurst gab es beim Fleischhauer; kein Mensch bekam irgendwo eine belegte Wurstsemmel.

Schräg vis-à-vis von unserem Haustor war eine Fischhandlung. Am Heiligen Abend holten wir dort immer den Karpfen. Die Fische schwammen lebend in einem offenen, großen Glasbecken umher, und die Hausfrauen konnten bestimmen, welchen Fisch sie wollten. Die Fischfrau nahm mit einer Art Schaufel oder Kelle, manchmal auch noch mit der zweiten Hand das Tier heraus, legte es auf ein großes Brett und schlug mit einem Holzhammer dem Fisch auf den Kopf. Der Schlag betäubte meistens nur – zu fest durfte sie ja nicht hinschlagen, sonst wäre der Kopf „zermerschert“ worden, und darin waren ja auch noch eßbare Stückchen.

Öfter war der Vater arbeitslos, dann ging er „im Pfusch“ Wohnungen ausmalen, Stiegenhäuser waschen oder auch Kohlen schippen. So hatten wir meistens ein bisserl Geld.

In der Kaiserstraße war eine Zweigstelle des Dorotheums, genannt „das Pfandl“ oder auch „die Tante“. Wer z.B. im Frühjahr kein Geld für die Gasrechnung hatte, trug das Wintergewand ins Pfandl zum „Belehnen“. Dort wurde die alte Bekleidung mottensicher aufbewahrt. Im Oktober mußte man aber das Gewand wieder auslösen.

Bei Schönwetter ging ich mit Freundinnen in den Loquai-Park. Dies war ein richtiger Beserlpark mit viel Strauchwerk und mehr Sand als Gras. Mit Buben spielten wir „Räuber und Schandi“ oder „Voda, leih ma d’ Scher“ usw. Dort gab es auch etliche Hunde, ohne Leine, ohne Beißkorb. Nie wurde jemand gebissen. Heute ist auf dem Loquai-Platz ein Seniorenwohnheim, der Park besteht aus schönen Blumenbeeten mit nur betonierten Wegen.

Am Margaretengürtel vis-à-vis der Feuerwehr ist jetzt Wiens älteste Bio-Wiese. Vor dem Zweiten Weltkrieg war dort immer ein Natur-Eislaufplatz. Wir hatten alle nur „Schraubendampfer“, das sind Metallkufen, die mittels Schraubenschlüssel auf gewöhnlichen Schuhen fixiert werden.

Vom 5. bis zum 7. Bezirk bestand der Gürtel aus etlichen kleinen Parks, fast ohne Zaun oder Gitter. Dort nächtigten manchmal, stillschweigend geduldet, noch die „Rastelbinder“. Laut Anordnung besorgter Eltern war uns Kindern dieses Terrain verboten. 1937, in der ersten Klasse Volksschule ging die Mär vom „Kinderverzahrer“ um, was unsere Neugierde anstachelte. Meine Freundin Rosi und ich schlichen also an einem schönen Nachmittag in den kleinen Park nächst Mariahilferstraße – Wallgasse.

Da saß er tatsächlich auf einer Bank! Es war ein gepflegt aussehender Mann zwischen 40 und 50, korrekt gekleidet, mit Anzug, Krawatte und hellem Staubmantel, schütterem, hellen Haar. Rosi und ich blieben in etwa einem Meter Entfernung stehen, kicherten und glotzten. Er sprach uns an, in schönem Hochdeutsch, stellte sich als „Ingenieur Sucher“ vor und sagte, wir könnten auf der Bank Platz nehmen.

Rosi hatte es plötzlich eilig und lief heim. Ich stand noch zögernd eine Weile herum und versprach, „morgen“ wiederzukommen. Als wir diese kleine Begebenheit Rosis Mutter erzählten, fiel diese noch nachträglich beinahe in Ohnmacht. Irgendwie waren wir beide enttäuscht; wir hatten uns einen wild aussehenden Mann mit Bart und langen Haaren vorgestellt.

Die Stumpergasse ist jetzt seitens der Stadt Wien sehr schön hergerichtet, verbreitert durch den Abriß vorstehender Häuser, mit Bäumen usw. Nur die kleinen Greißler, der Bäcker, die Milchfrau, das Obst- und Gemüsegeschäft, die Fischhandlung, sogar die „Wiener Katzerln“ im Café Schwarz, Ecke Fügergasse, sind alle sang- und klanglos verschwunden.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Die Stumpergasse

Verfasst von Gertrude Schnöll

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Schreibaufrufe, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 6. Bezirk
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag entstand im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte" und wurde bei der Schlussveranstaltung am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich präsentiert.

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