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Tombola in den Fünfzigerjahren

von Hildegard Wüntschüttl

Sonntag Nachmittag fanden immer wieder Tombolas statt – und zwar am Überschwemmungsgebiet bei der Reichsbrücke in Wien. Der erste Preis war meist ein Motorrad. Fast alle jungen Männer träumten damals von einem Motorrad – an ein Auto dachten sie nicht einmal im Traum. Ich erinnere mich noch gut, als ich mit der Straßenbahn Richtung Reichsbrücke fuhr. Die Straßenbahnen waren überfüllt – Menschentrauben hingen an den Trittbrettern der offenen Einstiege. Die Fahrgäste hatten alle dasselbe Ziel, nämlich zur Tombola aufs Überschwemmungsgebiet.

zeitgenössisches Plakat zur Ankündigung einer Tombola im damaligen Überschwemmungsgebiet der Donau
(Foto: Kurt Karlstötter)

Von den Losverkäufern wurden die Ankommenden schon erwartet, sie riefen laut: „Die letzten Tombolalose, die letzten Tombolalose!“ Rasch kauften die Leute, denn jeder hatte Angst, keines zu bekommen. Ich war ein Lehrmädchen und konnte mir mit meiner geringen Lehrlingsentschädigung nur ein Los leisten. Verwundert stelle ich fest: Jüngere Männer hatten sich bis zu zehn Lose gekauft.

Auf dem Gelände ging es laut und lustig zu. Mit Kind und Kegel, wie man so sagt, kamen die Familien. Babys in den Kinderwagerln schrien oft ziemlich laut und wurden von ihren Müttern beruhigt. Die Männer waren in Hochstimmung, da jeder glaubte, er würde das Motorrad gewinnen und sah sich schon im Geist durch die Gegend fahren.

Fast hätte ich vergessen zu erwähnen, dass den Menschen damals nach dem Krieg das Essen besonders wichtig war: Reichlich fett sollte es sein, da man dies viele Jahre vermisst hatte. Die Leute brachten das Essen von zu Hause mit, saßen im Gras auf Decken und verzehrten genüsslich das Mitgebrachte. Vereinzelt sah man Leute, die einen Campingtisch und Sesseln hatten. Sie wurden dafür bewundert und beneidet.

Endlich war es so weit. Die ersten Zahlen wurden genannt, und wenn man Glück hatte, musste man rasch laufen, da jener den Preis bekam, der am schnellsten mit seinem Los zum Ansager kam. Auch ich kreuzte auf meinem Tombolalos die ausgerufenen Zahlen an – und plötzlich hatte ich jene Zahlen beisammen, mit denen man einen Gasherd gewinnen konnte. Vor Freude rief ich laut: „Ich hab´ was gewonnen!“ Mit dem Los in der Hand lief ich zu dem Mann, der die Preise vergab. Er meinte lachend: „Sie, kleines Fräulein, haben den Gasherd gewonnen? Darf ich fragen, was Sie damit machen?“ Etwas verlegen antwortete ich: „Den heb´ ich auf, wenn ich einmal eine eigene Wohnung bekomme.“

Der Gasherd stand dann viele Jahre am Dachboden bei meinen Eltern und kam danach tatsächlich in meine erste Küche, die ich als junge Frau mit 24 Jahren bekam.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Tombola in den Fünfzigerjahren

Verfasst von Hildegard Wüntschüttl

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 21. Bezirk / Wien, 22. Bezirk, Überschwemmungsgebiet
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag entstand im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte" und wurde bei der Schlussveranstaltung am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich präsentiert.

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