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Einreise in die Russische Besatzungszone

von Silvia Zenta

Das Reisen war in den fünfziger Jahren aus politischen Gründen erschwert. Vor allem wenn man wie wir aus der englischen Besatzungszone kam und zu den Großeltern nach Wien reisen wollte. Wir mussten am Semmering beim Eintritt in die russische Zone mit strengsten Kontrollen rechnen, die immer von ängstlichem Herzklopfen begleitet waren. Daher beschränkte sich die Reise- und Besuchstätigkeit eher auf die buchstäblichen "heiligen Zeiten", dafür wurde die Besuchsdauer etwas ausgedehnt.

Eine dieser vierstündigen Reisen, zunächst in frühsommerlich-freudiger Stimmung, sollte ihren Panik erfüllten Höhepunkt erreichen, als der Zug aus dem langen Semmeringtunnel herausdampfte und quietschend im Bahnhof Semmering anhielt.

Schilderungen und Berichte über brutales Verhalten russischer Besatzungssoldaten gegenüber der Bevölkerung waren hinlänglich bekannt, besonders Frauen hatten schlicht Angst und waren froh, wenn sie nichts "mit den Russen" zu tun hatten. Noch zu klein für detaillierte Instruktionen, bekam ich nur ein diffuses Gefühl von Gefahr mit auf den Weg.

Nun trug sich Folgendes zu: Wahrscheinlich war das Repertoire an Spielen ausgereizt, hatten wir doch schon zunächst das Murtal und nun auch bereits das Mürztal durchfahren. So war meine Mama auf die Idee gekommen, mein Interesse auf besondere Weise zu wecken, um nur ja keine Langeweile bei mir aufkommen zu lassen. Denn dies hätte unweigerlich meine lästige Seite hervorgerufen, standen ja noch gut eineinhalb Stunden Zugfahrt bevor. Mit dem Vorzeigen ihres Identitätsausweises versuchte sie vielleicht mein intellektuelles Interesse zu wecken; Gefahr schien von dieser Beschäftigungsstrategie nicht auszugehen. Einige Zeit hielt mich der kleine, gefaltete, schon etwas lappige Papierfalter mit dem Schwarz-Weiß-Foto meiner Mama in Schach, bis in meinem Kopfe jene Idee aufkeimte, die dem Spiel eine krisenhafte Wende geben sollte.

Jedenfalls überstürzten sich die Ereignisse und niemand konnte meiner affenartigen Fingerfertigkeit etwas entgegensetzen. Welche phantasievolle Choreografie mich dazu bewog, das lebenswichtige Dokument in den Schlitz zwischen Fenster und Waggonverkleidung zu versenken, konnte niemand unserer Mitreisenden durch nun einsetzendes aufgeregtes Befragen herausbringen. Mama und ich saßen also tief in der Patsche, und unsere Reise schien am Semmering ein düsteres Ende zu nehmen.

Mindestens würden wir aus dem Zug bugsiert werden, vielleicht sogar verhaftet und irgendwohin verschleppt, oder meine Mama müsste den Boden des Bahnhofsgebäudes schrubben - all das irrte ihr durch den Kopf, während sie verzweifelt versuchte, den Ausweis aus der Versenkung zu holen. Heute noch erinnert eine Kerbe in ihrem goldenen Armreifen an dieses Abenteuer. Zuerst versuchte man gemeinschaftlich mit einem eifrig angebotenem Taschenmesser den gerade noch sichtbaren Ausweis herauszukitzeln, mit dem erschreckenden Ergebnis, dass sich das Papier nur noch weiter in die Waggonwand verkroch. Währenddessen dampfte der Zug unerbittlich dem langen Semmeringtunnel entgegen und damit auch der unentrinnbaren Gewissheit, ohne Ausweispapiere "den Russen in die Hände zu fallen". Inzwischen hatten sich die in unserem Abteil Mitreisenden bereits eine Verteidigungsstrategie für mich und meine Mama zurecht gelegt, alle würden bestätigen, dass wir einen Ausweis besessen hätten, ja alle hätten ihn gesehen und könnten sogar dessen Gültigkeit bestätigen usw., usw.

Schon tauchte am Ende des langen Tunnels das Tageslicht auf und schnaufend und quietschend blieb der lange Zug im Bahnhof Semmering stehen. Eine Reihe von Soldaten kam langsam auf den Zug zu, um sich auf die einzelnen Waggons zu verteilen. Der Augenblick war gekommen.

Alle meine vier Jahre starrten also dem russischen Soldaten entgegen, der nun unser Abteil betrat und somit unser Schicksal in seinen Händen hatte. Aber manchmal kommt es anders, als man denkt. Was ich nämlich sah, passte gar nicht zu den gängigen Schilderungen. Nicht viel älter als einer der großen Nachbarsbuben aus dem Knittelfelder Hof, hatte er ein freundliches, helles Gesicht, in dem ich keinen Bart entdecken konnte. Ich fühlte von ihm keine Gefahr ausgehen. Aber noch war nicht Entspannung angesagt und meine Schandtat musste plausibel dargelegt werden. Langsam begann sich die Aufregung zu lösen, als sich allgemein herausstellte, dass eine friedliche Gesinnung in der Luft lag. Formulare wurden ausgefüllt, Mama wurde versichert, die Identitätskarte werde in Wien herausgefischt und wenn dann alles passen würde, stünde einer planmäßigen Heimfahrt nach Knittelfeld nichts mehr im Wege. Abschließend - und das hat das Bild vom "bösen Russen" in mir ausgelöscht - streichelte er mir über Haare und Gesicht. Wahrscheinlich hat er Sehnsucht nach daheim gehabt.

Heute weiß ich, wir hatten einfach nur Glück, nicht an einen verrohten Soldatenapparatschik geraten zu sein.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Einreise in die Russische Besatzungszone

Verfasst von Silvia Zenta

Auf MSG publiziert im August 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Obersteiermark-Ost, Mur-/Mürztal, Semmering / Niederösterreich, Industrieviertel, Semmering
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Dieser Text wurde 2010 in dem Erinnerungsbuch "Eine griechische Orange. Alltagsgeschichten aus den 1950er Jahren", S. 42 ff., veröffentlicht.

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