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Krankenhaus und Hasenstall

von Silvia Zenta

Wirklich eng wurde es, als ich mit viereinhalb Jahren an Scharlach erkrankte. Bis dahin hatte der Hausarzt stets getan, was zu tun war, doch diesmal musste ich ins Krankenhaus. Scharlach und Masern hatte ich mir eingefangen, eine Kombination der besonderen Art. Es dürfte nicht gut um mich gestanden haben. Erinnern kann ich mich an diese Zeit nur wenig. Albtraumhaft sind mir nur Gitterbett, weiße Gestalten und irgendwelche Fantasien von Engeln in Erinnerung. Ich lag in einem großen Saal, eine Reihe anderer Betten mit erwachsenen PatienInnen war da. Später sah ich meine Mama draußen vor dem großen Fenster stehen, da ging es mir schon besser. Besuchen durfte sie mich nicht.

Ich war zum ersten Mal von meinen Eltern getrennt. Wahrscheinlich hatte ich schreckliche Angst, auch meinen Eltern muss es so gegangen sein. Zusätzlich waren die äußeren Umstände gespenstisch: Das Krankenhaus wurde renoviert, ein Vorteil in unserem Fall: Konnte doch Mama über das Gerüst außen zu meinem Fenster hinaufklettern, um zu mir in den Saal zu spähen. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich keinen Besuch erhalten durfte, bis dahin war ich Ärzten und Schwestern ausgeliefert, deren eine ich im Laufe der fast sechs langen Wochen meines Exils zu meiner persönlichen Feindin erkor.

Es war eine geistliche Schwester, für meine Begriffe alt, dick und giftig. Schwarz oder dunkelblau gekleidet mit einem riesigen weißen, gestärkten Ungetüm auf dem Kopf. Heute sieht man solche Objekte nur mehr selten, groß wie ein Schwan mit geöffneten Flügeln thronte dieses Stoffgebilde auf ihrem Kopf und plusterte sie zu einer mir unheimlichen Größe auf. Sie mochte mich nicht, ich mochte sie nicht, wir standen auf Kriegsfuß und zu allem Überfluss musste ich sie "liebe Schwester" nennen.

So wurde ich eine widerborstige, störrische Zeitgenossin, die bald, je besser es ihr zu gehen begann, zur ziemlich lästigen Patientin zu mutieren schien: Jedenfalls wurde ich eines Tags aus pädagogischen Gründen in den Keller getragen, um dort die Kaninchenställe besichtigen zu können. Zu dem Behufe, mich nur ja an die triste Umgebung zu gewöhnen, was der angedrohte "Umzug" vom Bettensaal ins Souterrain mit sich zöge, sollte ich meine diversen Unarten nicht ablegen. Da mich aber die kleinen Häschen, wenn auch zum späteren Verzehr eingesperrt, nicht besonders geängstigt hatten, verpuffte diese Androhung, und ich durfte wieder mein Gitterbett beziehen. Das hatte ich mir nämlich inzwischen zu meinem persönlichen Turngerät umfunktioniert, was mir zuletzt sogar einen verfrühten Spitalsabgang bescheren sollte: Angeblich dürfte man ernstlich befürchtet haben, ich könnte mir beim Turnen am Bettgerät womöglich einen Knochenbruch zuziehen, was den Herrschaften weitere gemeinsame Wochen mit mir eingebracht hätte.

Im Feldzug gegen meine liebe Schwester ergab sich eines Tages eine betörende Gelegenheit: Die arme Frau hatte den Wasserhahn des einzigen Waschbeckens in unserem Bettensaal aufgedreht, war weggegangen und hatte vergessen zurückzukommen. Das Wasser lief und lief: über den Beckenrand, auf den Boden und bald drohte eine ganz schöne Überschwemmung. Und oh wie spannend, ich hab`s gesehen! Als ich schließlich doch gellend zu rufen begann, wurde ich ob meiner Achtsamkeit sogar gelobt: das nenn ich psychologische Kriegsführung.

Eine andere Freizeitbeschäftigung bestand darin, mittels Anlauf und gezielten Sprunges in die am Boden aufgelegten Schmutzwäschehaufen zu springen und auf den auseinander sausenden Wäschestücken auf dem polierten Gangboden dahin zu segeln. Mir hat scheint`s vor nichts gegraust! Auch die Station mit Gipspatienten - es waren nur männliche, allen Alters - war das Ziel meiner Ausflüge. Da lagen sie alle, ziemlich stationär in ihren Betten, die, weil zweistöckig, auch so toll zum Klettern ermunterten.

Eigentlich wäre es besser gewesen, meine Quarantänezeit zuhause verbringen zu können, denn als ich endlich entlassen wurde, bekam meine Mama nicht nur ein gänzlich verändertes Mädchen (und das nicht zum Besseren) zurück, sondern auch Diphtherie angehängt. Das wiederum brachte mit sich, dass ich, kaum wieder daheim, für neuerliche vier lange Wochen in ein Kinderheim kam, damit sich Mama zu Hause erholen konnte.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Krankenhaus und Hasenstall

Verfasst von Silvia Zenta

Auf MSG publiziert im August 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Obersteiermark-West, Knittelfeld
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Dieser Text wurde 2010 in dem Erinnerungsbuch "Eine griechische Orange. Alltagsgeschichten aus den 1950er Jahren", S. 81 ff., veröffentlicht.

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