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Die "Schweden" im Kindergarten

von Fritz Pany

Zwei Jahre lang besuchte ich vor Schulbeginn (1947) den Kindergarten der „Armen Schulschwestern“ in Amstetten, Klosterstraße. Nachträglich erfuhr ich, dass die Ausspeisung damals auf den Spenden evangelischer Christen aus Christianstadt in Schweden basierte. Besonders die Suppe schmeckte mir immer sehr gut. Nur Milchnudeln wollte ich nicht, sonst schmeckte alles besser als daheim.

Zuhause wurde ich sehr streng gehalten, und so musste ich mich im Kindergarten ausleben. Die schlimmste Strafe war das Einsperren im „schwarzen Kammerl“, einem fensterlosen Abstellraum mit Mistkübeln und Besen etc. Cousin Walter Beran und ich trachteten öfters danach, gemeinsam ins Besenkammerl zu kommen. Dort geisterten wir herum und versuchten durch das Schlüsselloch blickend, vorbeigehende Volksschülerinnen zu erschrecken. Bald verkürzte dann die genervte Schwester unsere „Strafe“.

Manchmal konnten wir in einer Sandkiste im Hof spielen. Wenn dann in der angrenzenden Mädchenschule große Pause war, kletterte ich als einziges Kindergartenkind über die niedere Trennmauer und spielte mit den Schulmädchen „Nachlaufen“ etc.

Kleinkind in Strampelhose in einem Garten
Der Autor im Hof des Kindergartens (1942)

Eines Tages war ein Besuch der „Schweden“ angekündigt worden. Die Schwester teilte den Müttern mit, sie mögen die Kinder an diesem Tag eher ärmlich anziehen. Ich musste eine x-mal gestopfte Strumpfhose anziehen. Ein ein Jahr älterer „Kollege“ pflanzte mich in Anspielung an den Familiennamen (Pany) höhnisch: „Hadern, Bana, Knochen“ (= ein Spruch der Lumpensammler). Als ich ihm daraufhin eine runterhaute, war sofort eine Rauferei im Gange. Die Schwester erkannte mich ohne viel Fragen sofort als Schuldigen und band mich einfach mit einer langen Schnur zur Strafe an den Sessel an und sagte: „Wenn die Kinder in Zweierreihen an den 'Schweden' vorbeigehen, darfst du nicht dabei sein!“ Dann übte sie mit den Kindern das Vorbeigehen. In der Zwischenzeit blieb ich nicht untätig. Da genügend Restschnur vorhanden war, verknotete ich mich immer mehr mit dem Sessel, bis eine nahezu untrennbare Verbindung entstand.

Als die „Schweden“ endlich kamen, war die Schwester abgelenkt, und so ordnete ich mich mit dem Sessel am Rücken in die im Turnsaal zu zweit im Kreis paradierende Kinderschar ein. Nach einer Runde sagte eine kleine Tratschbase: „Schwester, der Fritzi geht auch mit!“ Wie von einer Schlange gebissen fuhr die Schwester auf mich los. Eine schwedische Dame ging aber dazwischen und fragte mich, warum ich am Sessel angebunden sei. Die Schwester wollte ihre Version anbringen, wurde aber von den schwedischen Gästen zum Schweigen verhalten, und so durfte ich meine Sichtweise berichten, welche von einigen Kindern bestätigt wurde.

Daraufhin wurde ich von den Schweden bedauert. Ein gut duftendes Fräulein nahm mich, anfangs samt Sessel, auf den Schoß und begann die vielen, überwiegend von mir angefertigten Knoten zu lösen. Dabei wurde auch meine extrem gestopfte Strumpfhose entdeckt. „Hast du diese Hose täglich an?“, wurde ich gefragt. „Ja“, sagte ich eingedenk der eingebläuten Antwort. – „Sei ehrlich, stimmt das wirklich?“ Weinend antwortete ich mit „Nein!“ – „Sehr brav“, kam die Antwort. „Wurde dir vorgesagt, was du uns erzählen sollst?“ Als ich das bejahte, wurde ich noch mehr geherzt und getröstet. Auf jeden Fall bekam ich dann eine neue Strumpfhose geschenkt, welche ich am Anfang nur am Sonntag anziehen durfte.

Das sind meine ersten Erinnerungen an „die Schweden“. 1963 besuchte ich dann mit Freund Erwin Proksch das schöne Land mit dem Motorrad und arbeitete dort sechs Wochen im Restaurant „Trägarden“ in Göteborg.

Am Beginn der Volksschulzeit wurden mein Cousin Walter Beran und ich von der erfahrenen Lehrerin zusammengesetzt. Sie kannte uns nicht, meinte aber, wie sie später Mutter erzählte, wir hätten unterschiedliche Charaktere und „sollten uns aneinander gewöhnen“.

Wir waren wegen unserer Größe in die letzte Bankreihe gesetzt worden. Anfangs überblickte die Lehrerin noch nicht die unruhige Schar, und so verschwanden Walter und ich einvernehmlich unter der Bank und verhielten uns still. Das fiel erst auf, als andere Kinder es uns nachmachen wollten beziehungsweise der Lehrerin tratschten. Rasch waren wir auseinandergesetzt, als die Lehrerin die Zusammenhänge erfahren hatte.

Informationen zum Artikel:

Die "Schweden" im Kindergarten

Verfasst von Fritz Pany

Auf MSG publiziert im August 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Mostviertel, Amstetten
  • Zeit: 1945 bis 1947

Anmerkungen

Dieser Text wurde als Beitrag zum Schreibaufruf "Waren Sie ein schlimmes Kind?" im Sommer 2009 verfasst.

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