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War ich ein schlimmes Kind?

von Erika Neuberger

Als ich im Mai 1925 zur Welt kam, war ich vor allem ein ungewolltes Kind. Nach einem Krieg und mitten in einer Wirtschaftskrise hatte mein Vater seinen guten Posten im Tuchhaus Silesia verloren. Diese Firma, die heute noch existiert, hatte ihn vor dem Ersten Weltkrieg zu ihrem Mutterbetrieb nach Schlesien gesandt, wo er durch die Kriegsereignisse zur Heeresbahn berufen wurde. Nach dem Ende der Monarchie, wieder zurück in Wien, fand er keine Beschäftigung mehr in seiner Firma. Er musste, um zu überleben und eine Familie gründen zu können, als Hilfsarbeiter zur Straßenbahn gehen, wo er auch eine Zimmer-Küche-Wohnung in einem Dienstgebäude erhielt. Immerhin war das ein Anfang für eine Ehe. Mein Bruder, 1923 geboren, wurde gewünscht und angeschafft. Ich aber stand, der engen Verhältnisse wegen, nicht mehr auf dem Programm.

Mädchen und Bub mit Dreiradler, im Hintergrund Bahngleise und Hochhäuser

Meine Mutter erzählte später immer wieder, dass die Hausparteien gar nicht gewusst hätten, dass noch ein Kind gekommen war, so brav sei ich gewesen. Sie säugte mich, schob mich dann ins Zimmer, wo ich bis zur nächsten Mahlzeit schlief oder mit meinen Händen spielte.

Mein Bruder, natürlich nicht vorbereitet auf ein Geschwisterkind, tobte, als er merkte, dass jetzt ein Baby an seiner Mutterbrust trank und war von diesem Augenblick an ein ganz schlimmes Kind, das sogar beim Parkbesuch Berühmtheit erlangte: „Da kommt die Mutter mit dem schlimmen Kind“, sagten die Leute. Ich hingegen war still, brav, unauffällig. Ich spürte sicher, dass ich in dieser Nische eine Überlebenschance hatte. Um dem revoltierenden Buben Herr zu werden, spielte meine Mutter mich aus, indem sie ihm sagte, wie mutig, wie brav ich sei. Das war natürlich Öl ins Feuer gegossen. Wo er konnte, quälte er mich, band mich mit Stricken am Sessel fest, um Indianer zu spielen. Ich hingegen liebte und beschützte ihn, wenn meine Mutter ihn in ihrem Zorn schlagen wollte. Dann bekam auch ich etwas von den Schlägen ab. Da wir immer nur zu zweit weggehen durften, weil ein gewisser Schutz damit verbunden war, gewöhnte ich mir an, mit den Buben zu spielen. Ich fand die Aktivitäten viel interessanter als das Figurenreißen im Mädchenkreis.

Mein Wunsch nach Akzeptierung war sehr groß. Ich war nur ein unendlich naives Kind, das immer wieder in Fettnäpfchen stieg, ohne es zu wollen. Als ich in der ersten Klasse war, sollte ich einem Mädchen in meiner Klasse etwas ausrichten. Sie sagte: „Ich lasse die Erna schön grüßen und sage ihr, sie soll mich am A. lecken!“ Am nächsten Tag bei einem Schulausflug traf ich diese Erna und richtete ihr den Gruß wörtlich aus – „Bitte, Frau Lehrerin, die Grimm (so hieß ich) ist so gemein!“ Ganz erstaunt wurde ich gescholten und musste mit einer Parallelklasse gehen als Strafe für meine ordinäre Äußerung.

Langsam entwickelte ich mich zu einem "schlimmen" Kind, das ich gar nicht sein wollte. Ich erzählte einer Freundin, dass ich zu Hause unter dem Tisch sitzen müsste und die Familie nur die Brotkrumen herunterwerfe. Ich hatte damals erstmalig Märchen kennen gelernt wie z.B. Hänsel und Gretel, sodass ich die Wirklichkeit mit den Geschichten verband. Meine Mutter aber war tief empört und gekränkt und schaute mich tagelang nicht an. Eine ärgere Strafe als diese gab es nicht. Wenn sie meinen Bruder und mich mit Pracker und Rute bearbeitete, und wir vor ihr unter die Ehebetten flüchteten, damit sie uns nicht erreiche, spürte ich schon damals ihre Hilflosigkeit und fand mich nicht geschädigt, aber wenn sie mich missachtete, mich mit Schweigen strafte, war das die Hölle.

Ebenfalls in der ersten Klasse hatte ich einen Lesekasten, den ich sehr liebte. Beim Nachhausegehen gab mir eine Mitschülerin ihren in die Hand, um noch irgendetwas aus der Klasse zu holen. Ich ging plaudernd mit einer anderen Schülerin nach Hause. Vor dem Haustor merkte ich, dass ich noch den fremden Kasten trug und stellte diesen auf den Gehsteig und ging heim. Am nächsten Tag war große Aufregung in der Schule, da die Schülerin ihren Kasten vermisste, und ich ihn nicht mehr hatte. Die Lehrerin schrieb eine Mitteilung, die ich von meinen Eltern unterschreiben lassen sollte. Wieder auf dem Heimweg erklärte eine andere Mitschülerin, die bereits zum zweiten Mal die Klasse besuchte, sie könne schon Latein und sie werde diese Mitteilung unterschreiben. Auf einer Hausmauer geschah das. Zum Glück fanden die Eltern diese Unterschrift in der Schultasche.

Es kam aber noch viel ärger! Im Kinderfreibad waren Buben und Mädchen. Ein paar Buben sagten zu mir, ich solle die Hose runterziehen. Ich tat es, und sie schauten mich an. Einige Zeit später erzählte ich einer Schulfreundin davon, welche sofort zur Lehrerin rannte und dieser meinen Bericht weitererzählte. Wieder bekam ich ein Schreiben an meine Eltern, und meine Mutter musste in die Schule kommen. Die Lehrerin sprach mit mir vor der Klassentür und erklärte, dass man nur dem Doktor den Popo zeigen dürfe. Diesmal war ich empört. Ich hatte den Buben meinen Popo nicht gezeigt. Die Sache machte bei den Eltern Schule und die Mütter erklärten ihren Kindern, dass sie nicht mit mir spielen dürfen, weil ich ein verdorbenes Kind sei.

Ich hatte damals vor der Schule keinen Kindergarten besucht und kam sozusagen aus dem engsten Familienkreis zu anderen Kindern. Was ist also ein „schlimmes“ Kind? Der kleine Mensch muss lernen sich in seiner Umwelt zurechtzufinden, mit dieser auszukommen. Das ist keine leichte Aufgabe. Völlig ahnungslos tappt er in alle möglichen Fallen. Hat er dann keine liebe Hand und keinen Berater, wird er zum schwierigen Kind und zum unangepassten Erwachsenen.

Ich hingegen war trotz dieser kleinen Eskapaden ein behütetes Kind. Ich hatte Wohnung, Essen, Pflege, Verwandtschaft und einen sehr gescheiten Vater, der sich ab und zu mit uns beschäftigte und uns viele Geschichten erzählte. Wie viele Menschen wachsen in schrecklichen Verhältnissen auf. Wie können sie mit den Wohlbehüteten in Konkurrenz treten? Es müsste noch viel mehr Aufklärung unternommen werden.

Informationen zum Artikel:

War ich ein schlimmes Kind?

Verfasst von Erika Neuberger

Auf MSG publiziert im August 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre

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