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Rad- und Schifahren ist nichts für Mädchen...

von Elisabeth Fuchs

Ich bin mir sicher, dass ich in den Augen der Erwachsenen ein braves Kind war. Allerdings beim Rad- und Schifahren bin ich den Anweisungen meines strengen Vaters nicht nachgekommen. Er war diesbezüglich sehr „altvaterisch“ eingestellt, denn er sagte: „Das ist nichts für Mädchen, die sollen stopfen, nähen, stricken, kochen helfen und dergleichen!“ Zum Glück sah meine Mutter diese Angelegenheiten wesentlich lockerer, und so wagte ich es, das Rad meines Bruders Johann zu nehmen. Er war der Einzige, der in unserer Familie damals – in den 50er Jahren – eines besaß und damit fahren konnte.

Sein Rad war meistens in unserer Mühle im Graben unten, rund einen Kilometer von unserem Bergbauernhof entfernt, eingestellt. Das letzte Wegstück zu unserem Gehöft war nämlich sehr steil und daher fürs Radeln nicht geeignet. Zwei Kilometer in Richtung Dorf war zwar auch nur ein einfacher Fuhrweg, aber dort ging das Radfahren schon einigermaßen. Das letzte, fast ebene Wegstück (rund ein Kilometer) war eine geschotterte Landstraße, und mit dem „Drahtesel“ sehr gut zu bezwingen. Darum „lieh“ ich mir das Rad meines Bruders ab und zu aus und kurvte damit zur Schule. Er sollte davon allerdings nichts erfahren, denn es wurde mir von ihm verboten. Aber manchmal „pitzelte“ es mich derart, dass ich dieses Herrenrad – ich musste eh unter der Stange durchtreten – aus der Mühle holte und diesem Vergnügen nachging. Dabei nahm ich das Erwischtwerden in Kauf. Denn der alte Herr Wurzwallner, der vis-a-vis von der Schule wohnte und bei uns manchmal leichtere Arbeiten verrichtete, sagte stets, wenn er mich mit dem Rad sah: „Das werde ich bei euch daheim erzählen, wenn ich wieder hineinkomme!“ So war es dann auch, und ich bekam tatsächlich eine „Pumpersuppen“! Ich ließ diese Standpauke ziemlich gelassen über mich ergehen und dachte überhaupt nicht daran, dieses „Laster“ aufzugeben. Dafür bereitete mir das Fahrradfahren einfach viel zu großen Spaß. Außerdem empfand ich – bereits in sehr jungen Jahren – die Privilegien der Buben als sehr ungerecht!

Übrigens Radfahren lernte ich mit dem Rad meiner Taufpatin, der Schwester meiner Mutter, in den Sommerferien nach dem ersten Schuljahr, als ich dort (Göritz bei St. Lorenzen im Mürztal) ein paar Wochen verbrachte. Sie hatte keine Bedenken, mir ihr Rad zum Üben zu überlassen; sondern sie, Cousin und Onkel freuten sich mit mir, als ich das Gleichgewichthalten beherrschte und somit das doch relativ große Damenfahrrad im Griff hatte.

Mit dem Rodeln hatte mein Vater auch bei den Mädchen kein Problem. Schließlich konnten wir den Schlitten zum Schulfahren benützen. Doch das Schifahren wollte er den Dirndln nicht zugestehen. Er war der Ansicht, dass dies nur etwas für Buben und Burschen sei. Trotzdem stand ich ab einem Alter von etwa acht Jahren auf den Schiern. Sie wurden mir von meiner Taufpatin geschenkt, weil sie meinem um vier Jahre älteren Cousin Horst zu kurz geworden sind. Ich freute mich über dieses Geschenk sehr und machte im Beisein meines Cousins die ersten „Gehversuche“. Ich hatte das Schifahren ziemlich schnell heraußen, und dieses Mal konnte ich auch auf die Hilfe meines Bruders Johann zählen. Er erteilte mir Ratschläge und „waxelte“ meine Schier mit „Hofer-Blitz“, einem damals üblichen Schiwachs.

Meine Mutter gönnte mir die Freude an diesem Wintersport auch; ich war ja ohnehin fast nur in Hofnähe mit meinen „Brettln“, weil ich an unserer Scheune vorbei eine wunderschöne "Ausfahrt" hatte. Manchmal traf ich mich mit ein paar Buben aus unserem Graben auf der nahen Zettelbauern-Leiten, um diesem Vergnügen nachzugehen. Es war jedenfalls so, dass mein Vater von dieser sportlichen Betätigung absolut nichts hielt. Wenn er mich dabei erwischte, blickte er mich vorwurfsvoll an und sagte: „Im Haus gabat´s gnua Orwat füa dih!“ Ich hatte mich aber an seine Ansichten in punkto Sport gewöhnt, und deshalb gingen seine Worte bei einem Ohr hinein und beim anderen hinaus. Zudem wusste ich, dass meine Mutter in dieser Angelegenheit zu mir stand.

Mit diesem Wissen, konnte ich mich leicht über die Anschauungen meines Vaters hinwegsetzen. Für meinen Vater muss ich abschließend noch eine Lanze brechen. Er führte zwar in punkto Arbeit auch bei uns Kindern ein strenges Regiment und hatte, was den Sport betraf veraltete Ansichten. Es war aber so, dass er nicht jähzornig war, nie gescholten hat und wir nie Ohrfeigen oder dergleichen bekamen. Eigentlich reichte eine bestimmte Geste von ihm, und wir folgten. Manchmal, überwiegend an langen Winterabenden, lernten wir ihn von einer total anderen Seite kennen. Da erzählte er uns viele Geschichten, lehrte uns so manches Gebet und sang zudem öfters mit uns. Dabei erkannten wir, dass er auch einen „weichen Kern“ hatte. Leider kehrte er diesen, für meine Begriffe, viel zu selten heraus.

Informationen zum Artikel:

Rad- und Schifahren ist nichts für Mädchen...

Verfasst von Elisabeth Fuchs

Auf MSG publiziert im August 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Obersteiermark-Ost, Breitenau am Hochlantsch, Eibegg
  • Zeit: 1950er Jahre

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