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Währinger Kindheitseindrücke 1938-1945

von Wilma Brauneis

Ich fühle mich als Wienerin, obwohl ich erst im Alter von zwei Jahren zusammen mit meiner Mutter nach Wien kam. Um das näher zu erklären, muss ich in die Zeit vor meiner Geburt zurückblenden, die ich natürlich nur aus (eher kargen) Erzählungen kenne.

Meine Mutter, Jahrgang 1909, war zu Beginn der 1930er Jahre, als große Arbeitslosigkeit herrschte, zusammen mit ihrem ersten Ehemann, einem begeisterten Kommunisten, aus Österreich nach der U.d.S.S.R., dem „Arbeiterparadies“, ausgewandert.

Zunächst schien alles bestens – man war ja nicht verwöhnt – beide bekamen Arbeit und lebten ihr Emigrantenleben, wie bei uns heute viele Einwandererfamilien, mehr oder weniger integriert. Immerhin lernte Mama die russische Sprache, was ihr später noch sehr nützlich sein sollte, als 1945 die Russen in Wien einmarschierten.

Es muss etwa 1934 gewesen sein (ich kann es nur rekonstruieren), als Mamas Mann – nicht mehr so begeistert vom Kommunismus – begann, das Sowjetregime verbal zu kritisieren. Die Folge war fatal – er verschwand eines Tages spurlos. Was mit ihm geschah, haben wir niemals erfahren. Jedenfalls war Mama erst 25 Jahre alt und stand im fremden Land völlig alleine da. Der einzige Mensch, der ihr damals mit Rat, Trost und Hilfe beistand, war ein Russe und Arbeitskollege ihres Mannes, mein späterer Vater.

Ich wurde 1936 geboren, durfte seine große Liebe und Fürsorge aber nur zwei Jahre lang erfahren. Dann beschloss „Väterchen Stalin“, alle Ausländer heimzuschicken. Seine Säuberungswelle erfasste auch uns. Wir wurden ausgewiesen – Papa musste bleiben!

So kam meine Mutter mit mir, einem ständig heulenden und nach dem Papa verlangenden Kleinkind, nebst einigen wenigen Habseligkeiten nach fünftägiger Bahnfahrt, die in Warschau zum Zweck von endlosen Verhören unterbrochen worden war, in Wien an. Keine Wohnung, keine Arbeit, aber ein kleines Kind und einen großen Koffer hatte sie, also Probleme genug!

Unser allererstes Domizil war demgemäß ein Obdachlosenasyl. Ich habe an dieses glücklicherweise keine Erinnerung. Mein Bewusstsein erwachte erst mit drei Jahren, als wir in unserer ersten Wohnung, einem nassen Einzelraum ohne irgendwelche sanitäre Einrichtung lebten. Das „Fließwasser“ rann an den Wänden herab, eine Glühbirne an der Decke beleuchtete das schreiende Häufchen Elend im geschenkten Gitterbett, das ich war. Dieser Raum war die „Hausbesorgerwohnung“ im Hinterhof eines zwei Stock hohen Hauses im 18. Bezirk. Ein Eckhaus war es, also viel Gehsteigreinigung (Schneeräumung im Winter) und ein Gasthaus an der Ecke, dessen Pissoir im Hof war. Daraus floss ein stinkendes Bächlein zur Mitte des Hofes, wo sich ein Kanalgitter als Abfluss befand. Dass all meine Spielsachen, wie Ball, Teddy etc. ständig ins Bächlein kollerten, war nur eine Nebenerscheinung dieses „Feuchtbiotops“.

etwa 3-jähriges Mädchen vor einer hölzernen Eingangstür im Hof eines Zinshauses mit abbröckelndem Gemäuer und unebenem Pflaster
Das erste Quartier in Wien, Kreuzgasse 44 (1939)

Dennoch gab es aber selbst dort auch angenehme Erlebnisse. Mama war fleißig, freundlich zu jedermann bzw. –frau und alsbald beliebt bei den Hausparteien. Im ersten Stock wohnte eine gewisse Frau Blaha, die schon damals unbemannt, also „Single“, geblieben war und dafür mehrere Singvögel in großen Käfigen in ihrer Wohnung hielt. Diese durfte ich ab und zu, während Mama das Stiegenhaus reinigte, bewundern. Ein Kreuzschnabel war da, ein Gimpel und mehrere Kanarienvögel. Die bunte Schar gefiel mir sehr und legte wohl den Grundstein für meine Natur- und Tierliebe.

Sobald es möglich war, zogen wir um. Es war schon eine enorme Verbesserung, als wir eine Zimmer-Küche-Wohnung (ebenfalls als Hausbesorger) bekamen. Wieder ein Haus mit zwei Stockwerken, kein Eckhaus, dafür standen zwei kleine Häuschen im Hinterhof, der einen großen Baum und mehrere Fliedersträuche aufwies. Immerhin etwas Grün!

Das eine der beiden Häuschen war zur Gänze eine Tischlerwerkstatt, und ich war oft dort drinnen. Der Geruch nach Holz und ständig kochendem Leim auf dem kleinen, runden Eisenofen ist mir heute noch in Erinnerung. Im anderen Hinterhaus wohnten wir. Der Tischler hatte einen Hund (Foxterrier), mit dem ich nun im Hof spielen konnte.

Autorin mit Puppe und Puppenwagen sitzt mit ihrer Mutter auf einer Bank vor einer Hauswand mit abbröckelndem Gemäuer
Vor der Tischlerwerkstätte im Hof des Hauses Schopenhauerstraße 27 (um 1941)

Wir lebten damals sehr einfach. Es gab in unserem Wohnhaus elektrisches Licht, aber das Gas hatten nur die Mietparteien zur Verfügung, die Hausbesorgerwohnung im Hinterhofhäuschen nicht. Dass das WC nur im Hof und die Bassena im Haupthaus war, war selbstverständlich. Wir kochten auf einem kleinen Herd, der mit Holz und Briketts geheizt wurde, und zugleich als Wärmequelle für die Wohnung diente. Mama sehnte sich danach, dereinst, wenn das Geld reichen würde (vielleicht nach dem Krieg?) einen Dauerbrandofen anzuschaffen. (Wir bekamen nie einen solchen.) Wir hatten auch kein Radio und natürlich keinen Eiskasten, solche „Luxusgegenstände“ kannte ich nur vom Haushalt meiner Tante.

Der Eiskasten war eine große Errungenschaft damals. Er bestand aus einem dickwandig ausgekleideten Holzkästchen, meist war innen verzinktes Blech, in das die zu kühlenden Lebensmittel wie Milch, Butter und Fleisch gelegt wurden (sofern man welche hatte). In einem separaten Fach war das Eis, das in ganzen oder halben Blöcken vom „Eismann“ geliefert wurde.

Auf den Straßen gab es zum Teil noch Gaslaternen, die nach und nach mit Glühstrumpf ausgestattet und so elektrifiziert wurden. die Straßenbahn war ebenfalls schon die „Elektrische“, wie sie allgemein genannt wurde. Und ich erlebte einmal einen Unfall mit so einem „neumodischen Ungetüm“. Eine zierliche alte Frau, die in unserer Gegend allen bekannt war, weil sie sich komisch kleidete und ein bisschen schrullig wirkte, geriet eines Tages vor die fahrende Straßenbahn und wurde trotz Fangkorb von dieser getötet. Ein Riesenauflauf von Menschen, in dessen Mitte die mit Packpapier zugedeckte Leiche lag, blieb mir in schrecklicher Erinnerung. Auch die Leichen, die man nach Bombentreffern aus den Ruinen barg, wurden mangels Särgen in Packpapiersäcke verpackt. Auch das habe ich gesehen und es gehört zu meinen schlimmsten Erinnerungen. (...)

Obwohl wir mehrere Bombenangriffe erlebten, war diese Zeit von 1940 bis 1945 für mich auch eine schöne. Ich vermisste zwar meinen Vater, war aber mit meiner Mutter am liebsten alleine. Besuche gab es kaum. Wir gingen nur manchmal zu einer Tante in den 19. Bezirk, die meine ältere Halbschwester, das erste Kind meiner Mutter, schon während der Zeit der Emigration der Eltern bei sich aufgenommen und später an Kindesstatt behalten und großgezogen hat.

Tante und Onkel hatten einen Schrebergarten – das war ein Paradies! Dort gab es auch in finstersten Kriegstagen Obst, Gemüse, Eier von eigenen Hühnern, Fleisch von Kaninchen und jede Menge Grün zum Erholen vom Grau der Stadt. Letzteres allerdings nur im Sommer.

Nach einem der letzten Bombenangriffe schickte mich Mama dorthin, um zu sehen, ob alles in Ordnung war. Das Haus gegenüber dem unseren hatte einen Treffer abbekommen, und Mama half, die Verschütteten, Tote und Verletzte, aus den Trümmern zu bergen. Wohl um mir diesen Anblick zu ersparen, schickte sie mich als Achtjährige alleine zur Tante. Ich musste zu Fuß gehen, aber ich kannte ja den Weg von der Schopenhauerstraße im 18. Bezirk über die Martin- in die Gymnasiumstraße und weiter bis zur Hartäckerstraße im 19. Bezirk, wo der Garten war. Die Gymnasiumstraße war damals mit einem Holzstöckelpflaster belegt, und darauf waren viele kleine Brandbomben gefallen, die das geölte Holz entzündet hatten. Ich lief, eng an die Mauern der Häuser bzw. Vorgärten gedrängt, durch diese brennende Straße und kam endlich bei der Tante an. Dort war nichts passiert. Sie lebten, friedlich wie immer, im Schrebergartenhäuschen. (...)

Nachtrag:

Vor kurzem kam ich zufällig in die Kreuzgasse im 18. Bezirk, wo unsere allererste, anfangs geschilderte Wohnung war. Das Haus steht noch, das Gasthaus gibt es sogar auch noch, und was mich tief berührte: Es gibt auch noch das alte Kopfsteinpflaster, und zwischen den Pflastersteinen sprießen noch immer spärliche Gräser hervor, wie in meiner Kinderzeit. Seit 60 Jahren hat sich das nicht verändert.

Ich sah das jetzt alles mit meinen Erwachsenenaugen und besuchte daraufhin auch gleich das zweite Wohnhaus in der Schopenhauerstraße. Auch dieses ist noch unverändert. Im Stiegenhaus kamen viele Erinnerungen, zum Beispiel die, dass meine Mama mir, lange bevor ich zur Schule ging, auf mein Flehen hin schon mit fünf Jahren eine Schultasche gekauft hatte und ich jeden Tag damit in dieses Stiegenhaus „zur Schule“ ging. Ich trug diese Schultasche, fast leer, stolz auf dem Rücken, während sie das Stiegenhaus reinigte, einmal glitt ich aus und kollerte vom ersten Stock bis ins Parterre hinunter, auf jeder Treppenstufe mit dem Kopf aufschlagend. Die Schultasche, die verrutscht war, fing dabei wie ein Puffer die Stöße auf, dadurch blieb mein Kopf ganz und gar unverletzt.

Von den beiden Hinterhofhäuschen gibt es nur noch das, in dem wir wohnten, und auch jetzt wohnen Leute darin. Die Tischlerwerkstatt ist verschwunden.

Mädchen vor einem Brunnen im Schubertpark in Wien-Währing

Noch eine Erinnerung bildet der Schubertpark, der unmittelbar vor dem Schulgebäude lag. Ich ging dort im Winter mit Mama zum Rodeln hin und fror mir beinahe die Zehen ab, wollte aber nicht heimgehen. Es gibt ein Photo aus dem Jahr 1939, auf dem ich zu sehen bin, in diesem Park, zur Sommerzeit, mir am Brunnen die Hände waschend. Dieses schickten wir an meinen Papa. Es war das Letzte, was er an Nachricht von uns bekam, bevor der Krieg alles unterbrach.

1958 – 20 Jahre nach der Trennung besuchte ich meinen Vater erstmals in Moskau, und er zeigte mir dieses Photo, das er durch alle Kriegswirren bei sich getragen hatte.

Informationen zum Artikel:

Währinger Kindheitseindrücke 1938-1945

Verfasst von Wilma Brauneis

Auf MSG publiziert im September 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 18. Bezirk
  • Zeit: 1938 bis 1945

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