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Jugend III: An der Wiener Universität

von Carla Stanek

Isa erzählte mir in dieser Zeit immer wieder von einem jungen Mann, den sie im Jesuitenkolleg Kalksburg kennen gelernt hatte, als sie ihren jüngerer Bruder, der dort die Schule besuchte, hin und wieder mit ihren Eltern abgeholt oder Schulveranstaltungen besucht hatte. Er hieß Ivo und schien sie sehr beeindruckt zu haben. Ich hänselte sie oft, weil sie immer rot wurde, wenn die Sprache auf ihn kam. Eines Tages berichtete sie mir, dass Ivos Mutter gestorben sei. Da ich ihn ja selbst nicht kannte, nahm ich die Mitteilung ohne weiteren Kommentar zur Kenntnis.

Ende Oktober 1956 saß ich nach einer Vorlesung im Buffet der Wiener Universität und wartete auf Isa. Das Lokal war überfüllt und ich konnte nur mit Mühe den Platz an meinem Tisch für meine Freundin freihalten.

Ich blickte immer wieder zur Eingangstür des Lokals, um Isa zu erspähen. Plötzlich kam ein junger Mann herein. Er sah prüfend herum. Er winkte einigen Studenten zu. Dann kam er geradewegs auf meinen Tisch zu und setzte sich, ohne zu fragen, auf den Stuhl, den ich für Isa reserviert hielt. Ich war sprachlos vor Empörung und sagte ihm, dass dieser Platz besetzt sei und dass meine Freundin gleich kommen würde. Er sagte: "Okay, wenn sie kommt, stehe ich auf!" Ich wagte nicht zu widersprechen und tat so, als würde ich in meinem "Kurier" weiter lesen. Doch er nahm mir einfach die Zeitung aus der Hand, sagte kurz: "Nur für einen Augenblick, bitte!", und war schon in die Lektüre der Zeitung vertieft.

So viel Frechheit war mir nicht oft vorgekommen. Ich sah ihn an und konnte nicht wirklich böse sein. Er hatte ein intelligentes, lustiges Gesicht. Seine ganze Erscheinung war originell und er wirkte für mich ganz anders, als die anderen jungen Männer, die ich auf der Universität kennen gelernt hatte. Plötzlich bemerkte ich, dass er an seinem rechten Arm einen Trauerflor trug. Ich dachte: Das muss Ivo sein, von dem mir Isa erzählt hatte. Ich nahm mir ein Herz und fragte: "Heißen Sie vielleicht Ivo?"

Er ließ die Zeitung sinken und sah mich sprachlos an. "Wieso kennen Sie meinen Namen?", fragte er langsam und sah mich an, als wäre ich ein übernatürliches Wesen. Ich erzählte ihm kurz, dass Isa die Freundin sei, auf die ich wartete und dass sie mir schon von ihm erzählt habe.

Wir kamen ins Gespräch und, als er hörte, dass ich Italienerin sei, fing er sofort an, schlecht und recht Italienisch zu sprechen. Er redete und redete. Ich erfuhr, dass er auf der Juridischen Fakultät studierte und dass er mit einem Freund fast täglich mit seinem Jeep im Auftrag des Roten Kreuzes an die Grenze nach Andau fahren würde, um ungarische Flüchtlinge nach Österreich herüberzuholen. In Ungarn war ja gerade der Aufstand der Bevölkerung gegen das kommunistische Regime blutig niedergeschlagen worden. Er erzählte mir mit großem Ernst und Mitgefühl von Schreckensszenen, die er in Ungarn erlebt hatte, um gleich darauf einen endlosen Witz, über den ich nicht lachen konnte, zu erzählen. Seine unkomplizierte, originelle, für sein Alter erstaunlich weltmännische Art faszinierte mich, obwohl mir der Kopf von den vielen Dingen, die er erzählt hatte, schwirrte.

Endlich kam Isa herein und war sehr erstaunt, mich mit "ihrem" Ivo zu sehen. Er stand auf, verabschiedete sich von uns beiden und ging. Ich sagte zu Isa: "Dein Ivo ist nett, aber ein Dauerredner. Ich könnte ihn nicht länger als eine Stunde aushalten!" Das Leben sollte mich eines Besseren belehren.

Ich hatte mich endgültig entschlossen, das Medizinstudium an den Nagel zu hängen und war Mitglied des Dolmetsch-Instituts geworden. Diese Entscheidung wurde von meinen Eltern sehr begrüßt, da sie der Meinung waren, ich sei ohnehin viel zu sensibel für die Ausübung des Arztberufes. Ich hatte die Fächer Französisch und Italienisch belegt, besuchte fleißig die Vorlesungen und fühlte mich im Institut ziemlich wohl. Dies vor allem deshalb, weil der dortige Betrieb sehr viel Ähnlichkeit mit einem Schulbetrieb hatte. Es gab eine gute Kameradschaft und das Studieren machte mir Spaß.

Isa und ich beschlossen, für Kollegen des Dolmetsch-Instituts ein Fest in Isas Elternhaus zu veranstalten. Isas Mutter stimmte zu, und so legten wir das Datum fest: den 9. Dezember 1956.

Als Isa und ich wieder einmal im Buffet der Universität saßen und wir gerade über das bevorstehende Fest sprachen, kam Ivo herein. Er grüßte uns von weitem und setzte sich an einen anderen Tisch, wo ihn eine ganze Schar von jungen Leuten mit großem Hallo begrüßte. Spontan bat ich Isa, Ivo doch auch zu unserem Fest einzuladen. Isa lehnte mit der Begründung ab, dass er doch nicht zum Institut gehöre und niemanden von uns kennen würde. Ich ließ nicht locker, obwohl ich nicht genau wusste, warum ich unbedingt wollte, dass Ivo zu dem Fest eingeladen werden sollte.

Wir verließen das Buffet und gingen zur Straßenbahn. An der Haltestelle angekommen, bat ich Isa noch einmal, Ivo einzuladen. Endlich gab sie meiner Bitte nach. Sie ging zurück ins Buffet, um ihn einzuladen. Ich wartete. Vielleicht war er schon weggegangen, vielleicht hatte er an diesem Abend keine Zeit oder vielleicht wollte er nicht zu dem Fest kommen? Nach einiger Zeit kam sie zurück und sagte, dass Ivo kommen würde, falls er am Abend des Festes rechtzeitig von der ungarischen Grenze, wo er in einem Flüchtlingslager Dienst machte, zurückkehre.

Es vergingen sechs Wochen mit Studieren und Prüfungen. Am 9. Dezember fand das lang geplante Fest statt. Isa und ich hatten den ganzen Tag Vorbereitungen getroffen: Brötchen gestrichen, die Wohnung dekoriert usw. In den Wochen davor war ich zu einigen Partys und Festen bei Kollegen eingeladen gewesen. Bald kam ich darauf, dass es schön ist, umschwärmt zu werden und zu flirten. Meine Klosterpläne rückten in immer größere Ferne. Ein junger Kollege im Dolmetschinstitut, Peter K., hatte es mir besonders angetan, und ich freute mich vor allem seinetwegen auf unser Fest bei Isa. An den jungen Mann von Uni-Buffet dachte ich nicht mehr.

Das Fest wurde ein großer Erfolg. Alle unterhielten sich sehr gut, es wurde viel getanzt, und Peter K. schien sich auch für mich zu interessieren. Es hatte großer Überredungskunst bedurft, um meine Eltern zu überzeugen, dass ich an diesem Abend ausnahmsweise nicht - wie sonst immer - spätestens um 21 Uhr zu Hause sein musste. Nur weil das Fest bei Isa zuhause stattfand und deshalb, weil ich ihnen vorgeschwindelt hatte, dass auch Isas Mutter anwesend sein würde, gaben sie schließlich ihre Erlaubnis.

Gegen Mitternacht läutete es an der Eingangstüre. Isa war gerade in der Küche beschäftigt, deshalb bat sie mich, die Türe zu öffnen. Ich öffnete - und zu meinem großen Erstaunen stand Ivo vor der Tür. Ich hatte vergessen, dass er auch eingeladen war.

Ich bat ihn hereinzukommen, und er entschuldigte sich für die Verspätung. Ich ging zu Isa in die Küche und teilte ihr mit, wer gekommen sei. Sie bat mich, Ivo den anderen Gästen vorzustellen und mich ein wenig um ihn zu kümmern. Doch als ich aus der Küche zurückkam, hatte er sich bereits selbst vorgestellt, stand beim großen Bowletopf und schenkte aus, als wäre er bereits seit Beginn des Festes da gewesen.

Nach einiger Zeit, als ich durch den Salon schwirrte, hielt mich jemand am Rockzipfel fest. Ivo forderte mich auf, mich doch ein wenig zu ihm zu setzen. Ich hatte keine große Lust zu sitzen, sondern wollte vielmehr tanzen. Ich sagte: " Wollen wir nicht lieber tanzen?" Er zeigte auf seinen Trauerflor am Ärmel und machte eine bedauernde Geste. Ich wandte ein, dass dies doch ein privates Fest sei. Er stand auf und wir gingen ins Speisezimmer, das als Tanzfläche frei gemacht worden war, und begannen zu tanzen.

Aus dem Plattenspieler ertönte meine Lieblingsmusik - Glen Miller. Ivo flüsterte mir den englischen Text ins Ohr. Ich fühlte mich wohl, ruhig und geborgen. In den Pausen erzählte er mir von sich. Dass er lange Zeit mit seiner Mutter in Portugal gelebt hätte, dass er danach ins Jesuitenkolleg in Kalksburg in die Schule gegangen wäre, dass er mit seinem Stiefvater in einer Atelierwohnung im ersten Bezirk lebe, dass er Trompete spiele, einen amerikanischen Jeep besäße und sich sein Jus-Studium als Reiseleiter beim Österreichischen Verkehrsbüro verdiene.

Ich sah ihn an und fand, dass er sehr gut aussah; vor allem die Grübchen, die auf seinen Wangen hin und her tanzten, während er sprach, gefielen mir sehr. Er wirkte lustig und unbeschwert, liebenswürdig und sensibel. Sein Leben schien mir, nach seinen Erzählungen, etwas Bohémienhaftes - etwas, das ich bisher nur aus Büchern und Filmen kannte - zu haben.

"Love is a many splendoured thing", das Lied aus dem gleichnamigen Film mit William Holden und Jennifer Jones erklang. Ivo nahm mich bei der Hand. Wir tanzten zu dieser schönen, süß-romantischen Musik. Wir waren allein im Zimmer. Plötzlich drehte jemand das Licht ab und schloss die Türe. Ich spürte Ivos Lippen auf den meinen. Es war mein erster Kuss. Ich war erstaunt, dass ich keine Angst spürte, dass ich nicht das Gefühl hatte, etwas Verbotenes zu tun, sondern - ganz im Gegenteil - sofort ein selbstverständliches Gefühl der Zugehörigkeit zu diesem jungen Mann empfand.

Es war nun schon sehr spät geworden, und ich musste nach Hause. Ivo bot sich an, mich nach Hause zu begleiten. Mit ziemlich schlechtem Gewissen eröffnete ich Isa beim Abschied, dass ich mich in Ivo verliebt hätte und dass ich sicher sei, dem "Mann meines Lebens" begegnet zu sein. Isa nahm dies mit Gelassenheit hin. Sie schenkte meinen Worten keinen allzu großen Glauben, da sie denselben Satz in letzter Zeit von mir schon öfter gehört hatte.

Ivo begleitete mich bis zu meinem Haustor. Wieder küsste er mich, und wir verabredeten uns für den nächsten Mittwoch um 12 Uhr im Buffet der Universität.

An diesem Tag war ich auch mit Dr. Ertl im Cafe Landmann beim Burgtheater verabredet. Ich freute mich wie immer auf ein interessantes Gespräch. Als ich das Kaffeehaus betrat, sah ich ihn schon in einer Fensterloge sitzen. Er winkte mich herbei, stand auf und sagte: "Bitte lege deinen Mantel nicht ab, wir gehen gleich wieder.“ Ich sah ihn erstaunt und fragend an. Er sagte: "Ja, ich habe für uns ein Zimmer hier in der Nähe, in der "Pension Residenz", bestellt!"

Zuerst verstand ich nicht den Sinn seiner Worte, doch dann traf es mich wie ein Schlag. Ich drehte mich auf meinem Absatz um und verließ gruß- und wortlos das Lokal. Ich sah ihn nie wieder.

Ich lief so schnell ich konnte zur nahen Universität. Ich konnte es fast nicht mehr erwarten, bis es 12 Uhr wurde und ich Ivo treffen würde, um ihm zu erzählen, welch furchtbare Enttäuschung ich gerade erlebt hatte. Bis dahin war noch über ein Stunde Zeit. Ich setzte mich auf eine Bank in den Arkaden und langsam fasste ich mich. Vieles ging mir durch den Kopf.

Ich war glücklich und unglücklich zugleich. Glücklich, weil ich wusste, dass mich Ivo verstehen und meine Empörung teilen würde, und unglücklich, weil ich nicht verstehen konnte, wie Dr. Ertl, den ich so verehrt hatte, mich so beleidigen konnte. Es fiel mir ein, dass meinen Eltern die Beziehung mit ihm schon lange suspekt war und dass sie Recht damit behalten hätten.

Mit einem Mal wurde mir bewusst, dass ich schon lange den Wunsch mit mir herumtrug, auch die Beziehung mit dem Domvikar, den ich plötzlich als alt und langweilig empfand, zu beenden. Auch das würde ich Ivo erzählen, und er würde es sicher verstehen. Er war doch so jung wie ich. Endlich gab es jemanden, dem ich vertrauen konnte, der dieselbe Erziehung genossen hatte, der - wie ich - ein ganzes Leben vor sich hatte und der meine Gefühle teilen konnte.

Endlich wurde es 12 Uhr. Ivo kam pünktlich. Ich beobachtete von meiner Bank aus, wie er die Stufen zum Eingang des Buffets hinaufstieg, ließ mir noch etwas Zeit und ging dann in das Lokal zu ihm hinein.

Es war so, wie ich gedacht hatte. Ich erzählte ihm von der Enttäuschung, die ich gerade erlebt hatte, und von der ganzen Geschichte mit dem Domvikar. Er verstand alles, tröstete und bestärkte mich. Für mich gab es nun keinen Zweifel mehr: Ich war überzeugt, dass es ab nun nur mehr eine Beziehung in meinem Leben geben würde. Die Beziehung zu Ivo.

Informationen zum Artikel:

Jugend III: An der Wiener Universität

Verfasst von Carla Stanek

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 1. Bezirk
  • Zeit: 1956

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