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Jugend I: Zwischen Glamour und Kloster

von Carla Stanek

Ich bestand die Maturaprüfung mit guten Noten. Ich hatte die Idee, durch Nichtlernen die Schulzeit zu verlängern, sehr bald verworfen und freundete mich nach und nach - wenn auch mit Wehmut - mit der Vorstellung an, nunmehr als erwachsen betrachtet zu werden. Es war vor allem schwer für mich, mir vorzustellen, wie das Leben aussehen würde, ohne täglich mit meinen Schulfreundinnen beisammen zu sein. Doch noch lag die Maturareise vor mir. Sie führte uns zuerst ins Sacré Coeur nach Florenz und danach in unser Haus, in die Trinitá dei Monti, nach Rom.

Die Abreise am Wiener Südbahnhof wird mir unvergesslich bleiben. Die meisten von uns wurden von den Eltern zum Zug gebracht. Eine große Anzahl von Personen stand lachend und plaudernd am Bahnsteig. Plötzlich verstummte die Menge. Es wurde eine Gasse gebildet und Tatjana schritt, flankiert von zwei eleganten jungen Männern, zu unserem Waggon. Sie war nach der neuesten Mode gekleidet, trug volles Make-up und auf ihrem Kopf saß schief eine kecke Kappe. Wir waren von diesem Auftritt sehr beeindruckt. Dies umso mehr, als wir ja seit der dritten Klasse Gymnasium in der Schule Uniform getragen hatten.

Die Autorin im alter von 19 Jahren in eleganter Kleidung und aufreizender Pose mit verträumtem Blick in die Kamera
Nach der Matura (1956)

Ich erinnere mich, dass ich insgeheim Tatjana beneidete. Nicht so sehr um ihre Kleidung - ich hatte von meinen Eltern anlässlich der Matura ein wunderschönes maßgeschneidertes Kostüm, neue Schuhe und sogar Nylonstrümpfe bekommen -, sondern vielmehr um die unbeschwerte Art, wie sie das Erwachsenenleben anzugehen schien. Auch wäre ich so gerne mit ihr und den anderen "Mondänen" in einem Abteil gesessen, statt dessen verbrachte ich die lange Reise im Abteil mit den "Gescheiten" und "Ernsten". Ich glaube, dass ich an diesem Tag zum ersten Mal meine Ambivalenz, die mich ein Leben lang begleiten sollte, spürte: einerseits fühlte ich mich zu oberflächlichem "Glamour", andererseits zu heroischem Verzicht hingezogen. Damals war ich jedoch noch weit davon entfernt, diesen Zwiespalt in mir wahrzunehmen.

Mein Entschluss, in den Orden einzutreten, stand fest. Meine Eltern hatten natürlich keine Ahnung davon. Ich wollte ihnen meine Entscheidung bei meiner Rückkehr von der Maturareise mitteilen. Mutter Jarmai hatte mich bei unserer Oberin in Rom, Très Révèrende Mère de Lescure, für eine private Unterredung angesagt und gleichzeitig für den kommenden September meine Ankunft dem Noviziat in Pützchen bei Bonn angekündigt. In Rom angekommen, bezogen wir einen Schlafsaal in der Trinità. Vor diesem Raum lag eine riesige Terrasse, von welcher man einen märchenhaften Blick über die Ewige Stadt hatte. Jeden Tag unternahmen wir lange Besichtigungsfahrten. Bei unserer Heimkehr mussten wir die Spanische Treppe erklimmen, um zur Trinità zu gelangen. Jedes Mal folgte uns eine unübersehbare Schar von italienischen, jungen Männern, die auf uns einredeten und unbedingt ein Rendezvous wollten. Sogar vor der Pforte machten sie nicht halt und drangen hinter uns ins Kloster ein. Nur mit Mühe konnten sie wieder hinausgewiesen werden.

Die Klosterfrauen waren über diese "skandalösen" Vorfälle, die wir - ihrer Meinung nach - provoziert hatten, so entsetzt, dass nach uns nie mehr eine Maturaklasse in der Trinità wohnen durfte. Immerhin haben zwei Mädchen aus meiner Klasse bei dieser Gelegenheit ihre späteren Ehemänner kennen gelernt und leben heute noch in Rom. Unser Programm in Rom sah auch den Besuch des Mutterhauses vor. Für mich war dies ein lang erwartetes, emotionsgeladenes Ereignis. Ich sah mich schon als junge Klosterfrau, das letzte Jahr vor der Profess (Ablegen der ewigen Gelübde) - wie es im Orden damals üblich war -in diesem herrlichen Haus verbringen. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl erfüllte mich. Nach der Messe in der Hauskapelle, die wir liturgisch selbst gestalten durften, wurde ich zum privaten Gespräch mit der Ordensoberin gerufen.

Mit Herzklopfen trat ich in ein bescheidenes Zimmer. Mère de Lescure, eine sehr betagte Frau, saß in einem kleinen Fauteuil. Mit einem strahlenden, gütigen Lächeln schloss sie mich in ihre Arme und hielt mich einige Zeit fest. Ich küsste ihr die Hand und setzte mich zu ihren Füßen auf einen Samtschemel. Ihre erste Frage galt meinen Eltern. Ich erzählte ihr ein wenig von ihnen. Plötzlich nahm sie meine Hand in die ihre Hände, sah ganz tief in meine Augen und sagte: "Mon chèr enfant, je vous benedie. Jouissez de votre vie, mais vous ne serez jamais une religieuse du Sacré Coeur!" ("Mein liebes Kind, ich segne Sie. Genießen Sie ihr Leben, Sie werden jedoch nie eine Ordensfrau im Orden des Sacré Coeur sein!")

Obwohl sie diese Worte mit unendlicher Liebe sagte, stachen sie mir ins Herz. Was sollte das heißen? War ich nicht würdig, in den Orden einzutreten? Oder sah sie so tief in mein Herz, dass sie erkennen konnte, dass ich für einen anderen Weg bestimmt war? Verwirrt verließ ich das Zimmer.

In diesem Augenblick hätte ich die Chance gehabt, meine Pläne zu überdenken und vielleicht zu erkennen, ob mein Wunsch einzutreten echter Berufung entsprach oder nur ein romantischer Mädchentraum war. Ich habe diese Chance nicht wahrgenommen. Ich hielt, den Worten der Ordensoberin zum Trotz, unbeirrt an meinem Plan, ins Kloster einzutreten, fest. Wie um mich selbst zu bestätigen, verschenkte ich auf der Reise zurück nach Wien alles, was ich mitgenommen hatte, an meine Schulkolleginnen - im Hinblick auf meinen bevorstehenden Eintritt in den Orden.

Meine Eltern holten mich bei meiner Rückkehr vom Bahnhof ab. Als ich sie sah, schnürte es mir die Kehle zu. Jetzt war der Augenblick gekommen, ihnen meine Absicht, ins Kloster einzutreten, zu eröffnen. Meine Mutter hatte zu Hause mein Lieblingsessen vorbereitet. Doch ich konnte keinen Bissen hinunterbringen. Meine Mutter begriff sofort, dass ich etwas auf dem Herzen hatte. Sie fragte mich besorgt: "Cos' è successo?" ("Was ist passiert?") Und ich darauf: " Voglio prendere il velo!" ("Ich möchte den Schleier nehmen!")

Mein Vater verstand im ersten Augenblick nicht, was ich damit meinte und schaute erstaunt meine Mutter an. Sie hatte jedoch sofort begriffen. Ihre Augen weiteten sich und sie rang nach Luft. Sie griff sich an die Brust und erlitt ihren ersten Angina-pectoris-Anfall.

Mich ergriff Panik. Was hatte ich getan? Wie hatte ich glauben können, dass eine solche Eröffnung von meinen Eltern gelassen hingenommen worden wäre? Im diesem Augenblick wäre ich bereit gewesen, alles zu tun, um diesen einen Satz zurücknehmen zu können, der solches Unheil angerichtet hatte. Es konnte doch nicht Gottes Wille sein, dass mein Eintritt ins Kloster mit dem Leben meiner Mutter erkauft werden musste!

Es wurde ein Arzt gerufen. Er stellte fest, dass meine Mutter zwar die Symptome eines Angina-pectoris-Anfalles durchlitten hatte, dass jedoch das Herz normal funktionierte. "Es ist nur die psychische Emotion!" Ein Satz, den ich viele Jahre später - auf mich selbst bezogen - noch oft hören sollte.

Ich war geschockt. Nachdem sich meine Mutter etwas erholt hatte, baten mich meine Eltern zu einer ernsten Unterredung. Niedergeschlagen und voller Schuldgefühle hörte ich ihre Anweisungen, die ich in der nächsten Zeit zu befolgen hatte.

Sie teilten mir mit, dass mein Vater in spätestens zwei Jahren pensioniert werden würde, und wir dann Österreich verlassen würden. In der Zwischenzeit verboten sie mir, auch nur einen Fuß ins Sacré Coeur zu setzen, geschweige denn mit Mutter Jarmai, der sie die Schuld für meine "Infatuazione" (Verblendung, Verzauberung) gaben, Verbindung aufzunehmen. Weiters sollte ich die verbleibende Zeit in Wien für ein Studium an der Universität verwenden. Sollte ich zum Zeitpunkt meiner Volljährigkeit – also damals mit 21 Jahren - noch immer den Wunsch haben einzutreten, würden sie mir nichts mehr in den Weg legen.

Ich willigte in alles ein und war froh, dass meine Eltern - zumindest hatte es für mich den Anschein - zur Tagesordnung übergingen und sogar eine bessere, wenn auch leicht künstlich wirkende, fast fröhliche Stimmung herrschte. Meine Eltern lasen mir jeden Wunsch von den Augen ab und im Gegensatz zu den letzten Jahren, wo ich überall von meinem Vater begleitet und abgeholt wurde, durfte ich mich relativ frei bewegen. Auch bekam ich die schönsten, modischsten Kleider, Kostüme und Accessoires. Ich erinnere mich, dass ich einmal beim Mittagessen erwähnte, dass ich auf der Kärntnerstraße, der elegantesten Straße von Wien, in der Auslage der "Englischen Flotte" - eines sehr teuren, renommierten Modegeschäftes - einen roten Mantel gesehen hatte. Wortlos stand mein Vater vom Mittagstisch auf, verzichtete auf seinen "heiligen" Mittagsschlaf und ging in die Stadt, um den Mantel für mich zu kaufen. Am selben Abend, als ich schlafen gehen wollte, lag er auf meinem Bett.

Informationen zum Artikel:

Jugend I: Zwischen Glamour und Kloster

Verfasst von Carla Stanek

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien / Italien, Rom
  • Zeit: 1956

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