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Südbahnhof, G'scherte alles aussteigen!

von Walter Strohmayer

Ich spielte Mittelläufer beim GAK gegen Rapid, und der Happel und der Hanappi waren meine Gegenspieler damals. Der GAK führte 1:0 und fünf Minuten vor Schluss war ein Freistoß, den der Happel vom 16er zu schießen hatte. Ich war verantwortlich für den Dienst, den damaligen Mittelstürmer. Ich stell mich vor ihn hin, Happel schießt und der gute Dienst – der hat vorher noch zu mir gesagt: "Langer, jetzt zahlst drauf!" – zieht mir einfach die Hose runter. Also, ich war so irritiert und der Ball ist ins Tor gegangen und das Match endete 1:1. Das war sehr bitter. Und irgendwie typisch Wien gegen die Provinz. Die Wiener in ihrer Fußballintelligenz haben da alle Tricks ausgepackt. Da gab’s Schwalben bei den Wienern, oder es wurden leise Beleidigungen eingeflüstert. So, dass du abgelenkt warst, und das konnte ihnen dann von Vorteil sein. Man sollte die Wiener nicht immer nur verurteilen, sie sind eben von der Hauptstadt her immer begünstigt gewesen, auch finanziell. Aber die hatten diese Raffiniertheit im Fußball. Und wenn die Provinzvereine kamen, waren die die "G'scherten", das ist ja heute noch bekannt. Der wunderbare Melchior einst, der da von Villach nach Wien gekommen ist, der war der Liebling der Wiener. Aber keiner hat "Melchior" gesagt, sondern der "G'scherte".

Oder als ich mit der Straßenbahn vom Praterstadion zum Südbahnhof fuhr und dort aussteigen wollte – wir sind insgesamt nur 2, 3 gewesen zum Südbahnhof – sind die Wiener vorne gestanden und haben gesagt: "Südbahnhof, G'scherte alles aussteigen!"

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Südbahnhof, G'scherte alles aussteigen!

Verfasst von Walter Strohmayer

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien / Steiermark, Graz
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag basiert auf einem Interview durch das Grazer "Büro der Erinnerungen" und ist abgedruckt in dem Sammelband:

Elke Murlasits, Maria Froihofer, Oliver Parfi (Hg.):
Kicken: "... ist doch offensichtlich die größte Liebe, die man entwickelt", Weitra 2007, S. 114.

© Bibliothek der Provinz, Weitra

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