Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen: 1052 Beiträge

Mödlinger Erinnerungen: Per Bus in die atomfreie Zone

von Huhki Edelbauer

In den frühen Siebzigern tauchen seltsame Wandzettel auf, die vor „Atomkraft“ warnen. Für uns Schüler und Studenten eine eher paranoide G’schicht. Wir sind Rebellen und die uns da warnen, sind eher Querulanten. Die Umwelt ist noch nicht politisch, ja das Wort „Umwelt“ noch nicht so geprägt wie später. Atomenergie ist etwas sehr Fernes, Abseitiges und Hochsicherheitstraktiertes. So sicher wie die Atombombe. Bombensicher. Wenn ich an die ersten organisierten Aktionen gegen AKWs im Raum Mödling zurückdenke, fällt mir als erstes immer dieser grüne Bus ein …

Leo Buchner war damals SPÖ-Ortsobmann von Gießhübl im Wienerwald. Der Techniker stand der „friedlichen“ Nutzung der Kernkraft ursprünglich mit Sympathie gegenüber und konvertierte später vom Saulus zum Paulus. Sein Damaskus erlebte er in der besetzten Arena, dem ehemaligen Wiener Schlachthof, wo sich unter anderem die spätere Umweltbewegung formierte. „Ich war vorher mit einer Gruppe in Zwentendorf, um das Areal zu besichtigen. Als technikbegeisterter Befürworter habe ich zunächst nur die Vorteile gesehen“, erinnert sich Buchner. „Das hat sich geändert, als ich in der Arena mit den Argumenten der ersten vereinzelten Atomkritiker konfrontiert war.“

Die Gemeinderatsfraktion in Gießhübl zeigte sich in puncto Zwentendorf gespalten. Von fünf Mandataren waren drei dagegen. Buchner beschloss, sich zu deklarieren, zu artikulieren und zu engagieren. „Wahrzeichen“ dieser Haltung wurde sein grüner Bus, der die Aktionen der „Bürgerinitiative Mödling“ – der Jungpolitiker stellte deren stellvertretenden Obmann – fortan begleiten sollte.

„Am Dach war ein Geländer montiert, je nach Anlass konnten da oben Musik- und Theatergruppen auftreten, auch während der Fahrt. Im Jahr 1978 haben wir das Fahrzeug als Kraftwerk Zwentendorf verkleidet. Der Bus war praktisch bei jeder Anti-AKW-Demo dabei.“

Natürlich auch beim legendären Sternmarsch am 12. Juli 1977, als Mödling eine besonders starke Delegation zum „Tatort“ entsandte. In der Schulstadt machten zum Teil auch die Pädagogen mobil gegen Atomstrom aus Österreich, so etwa die Direktorin des Gymnasiums Bachgasse. So kamen mit den Aktivisten aus dem Bezirk eine große Schar Jugendlicher. Bei der großen Bühne in Tulln diente der Bus als Träger der Tonanlage für die Musikgruppen wie beispielsweise die „Schmetterlinge“. Auf seinem Dach sangen bekannte Rebellen wie Kurti Winterstein mit einer ganzen Band, in der Leo den Bass spielte, den langen Weg nach Zwentendorf. Vor dem schlüsselfertigen Kraftwerk diente der Bus später auch als Bühne für Robert Jungk.

Ich betätigte mich ebenfalls als Songtexter:
Schlagermusik Conny Francis (Die Liebe ist ein seltsames Spiel)

„Die Kernkraft ist ein seltsames Spiel.
Sie kommt und strahlt durch einen zum andern.
Sie gibt zwar Strom, doch kostet sie uns viel zu viel.
Die Kernkraft ist ein seltsames Spiel.

Mag sein, die liebe Kernkraft ist schädlich
und macht mit den Genen Rabatz:
Selbst wenn unsre Enkel Monster werden
hat jedes Monster seinen Arbeitsplatz.

Die Kernkraft…“

Am Wochenende vor der Abstimmung – vom 3. bis zum 5. November 1978 – bricht Leo Buchner zu einer akustischen „Amokfahrt“ durch die Region auf. Er tourt ununterbrochen kreuz und quer im Bezirk Mödling herum. Die Lautsprecher mit einer Brandrede vom Band sind auf maximale Lautstärke gestellt – da gibt der Kassettenrekorder auf und Leo ergeht sich daraufhin in stundenlanger Livepropaganda, sodass er schließlich seine Stimme verliert – um noch etliche Stimmen gegen das AKW zu gewinnen. Wir alle fiebern dem Termin entgegen, der nicht nur über Zwentendorf, sondern auch den nächsten Standort entscheidet. Die Pläne für St. Pantaleon liegen schon in der Schublade der Befürworter.

Die Frage, mit denen die Kernkraftmeier ihre Gegner „aufblatteln“ wollten, war eigentlich immer dieselbe. Sinngemäß: „Ja, was habt’s ihr denn statt der Atomenergie anzubieten?“ Immer mehr ÖsterreicherInnen schnallten, dass das klingt wie die Frage eines Sportfunktionärs: „Ja, was sollen wir ihnen denn statt Anabolika geben?“ Als der Tag der Entscheidung da war, gab diese hauchdünne Mehrheit die entsprechende Antwort.

Der 5. November 1978 endet für die Kernkraftgegner mit einem passageren Katzenjammer. Denn es sieht nach ersten Mutmaßungen im Verlauf der ersten österreichischen Volksabstimmung nach dem Weltkrieg nicht günstig für sie aus. Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend schelten. Der Hochrechner der Nation hat sich verhochrechnet. Ganz knapp über 50 Prozent sagen Nein zum AKW Zwentendorf. Wobei den Nahen das Thema sozusagen fern liegt, und umgekehrt: Wien und Burgenland sind Pro-Bundesländer, Tirol und Vorarlberg strikt dagegen. Wir verbrüdern und verschwestern uns quer durch das Land. Österreich hat sich als ökologische Republik konstituiert, ohne es zu merken. Das ist unsere Identität! Über Mozartkugeln und Lippizaner hinaus. In der Stadt Mödling strömen Kernkraftgegner aus dem ganzen Bezirk zum Heurigen. Die Sperrstunde fällt diesmal ausnahmsweise aus. Wir dürfen durchfeiern.

Der grüne Bus kam übrigens noch einmal für längere Zeit zum Einsatz. 1980 strengte der ÖGB eine weitere Abstimmung an. Die Zwentendorf-Veteranen um Kurti Winterstein touren mit einem eigens konzipierten Musik- und Theater-Programm ein Monat lang mit fünf Kleinbussen durch ganz Österreich. Dann ist das Thema endlich endgültig vom Tisch.

Buchcover: Atomkraftwerk Zwentendorf mit leicht geneigtem Schlot
Informationen zum Artikel:

Mödlinger Erinnerungen: Per Bus in die atomfreie Zone

Verfasst von Huhki Edelbauer

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Wien-Umgebung, Mödling, Gießhübl
  • Zeit: 1970er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag ist ein Ausschnitt aus dem Erinnerungsbuch von:

Heimo Halbrainer, Elke Murlasits, Sigrid Schönfelder (Hg.): „Kein Kernkraftwerk in Zwentendorf“ – 30 Jahre danach, Weitra 2008; S. 284 f.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.