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"Viel konnten wir damals nicht anstellen ..." - vom Fensterlngehen

von Anton Pillgruber

Es war schon ein richtiges Gfrett mit dem zarten Geschlecht, derweil wir jung waren und uns der Hafer schon ein wenig gestochen hat. Die Dirndln schauten auf einmal ganz anders aus. Es fiel auf, daß die eine schön war und eine andere wieder weniger schön. Wobei das alles relativ ist. War für einen Burschen ein Dimdl eine Schönheit, mußte sie noch lange nicht einem anderen Jüngling gefallen, und eine weniger Schöne wurde manchmal als eine recht Begehrenswerte eingestuft. Das regelt seit jeher die Natur. Sonst wäre es ja so, daß die jungen Männer nur die eine Kategorie haben wollten und die anderen blieben alle unbemannt. So bekamen letztlich die meisten Schachteln ihren Deckel.

Die Schwierigkeit, die wir älter gewordenen Buben damals hatten, war die Annäherung an diese holden Geschöpfe. Wie sollte das angestellt werden, eine im Geheimen Angebetete allein zu treffen? Hat es der Zufall dann einmal gut gemeint und die Maid seiner Sehnsucht kam gerade des Weges, konnte es passieren, daß er einen roten Kopf kriegte und daß ihm nicht einfiel, was er sagen sollte oder wollte. Außerdem hatten damals die Alten auch so dumme Ansichten, die in einer solchen Situation hemmend wirkten. Das darfst du nicht und das darfst du auch nicht. So wie es der Peter Rosegger in seinem Gedicht „Derf i ’s Dirndl liabn“ treffend beschrieben hat. Das Grundübel war bei uns, daß wir keinerlei Erfahrung im Umgang mit dem schönen Geschlecht hatten, und Literatur gab’s auch keine dafür.

Wir kamen dann aber schon drauf, wie es zu machen wäre, um wenigstens in die Nähe dieser von Gott für die Burschen gemachten Geschöpfe zu kommen. Wir gingen einfach fensterln. Wichtig war dabei, das Fenster der Dirndlkammer zu finden. aber da kamen wir bald. in Übung, weil wir das Innenleben der Bauernhäuser, die Raumaufteilung, kannten; es hatten alle Häuser ja so ziemlich das gleiche Schema. Wo die Leitern aufbewahrt waren, war auch nicht schwer herauszufinden.

Jetzt waren nur noch die richtigen Lockrufe gefragt, damit das Dirndl ans Fenster kam. War man früher schon einmal da, war das kein Problem. Schwieriger war es, wenn man es bei einer Neuen versuchte, speziell, wenn sie uns nicht kannte. Wenn sie aber dann ans Fenster kam, war die halbe Glückseligkeit schon geschafft. Aber nur die halbe, weil diese Kammerfenster blöderweise alle vergittert waren. Da war es schon ein Glück, wenn die Gitterstäbe so weit auseinander waren daß man mit den Armen hineinlangen und die Holde umarmen konnte. Mehr war nicht möglich, um unser erotisches Sehnen zu befriedigen, das zweifellos vorhanden war. Gefördert wurde dieses Verlangen zusätzlich noch durch den Duft, der aus der Menscherkammer strömte. So war das damals. Wie das heute ist mit den Beziehungen der Geschlechter, ist allgemein bekannt. Es braucht nicht eigens erwähnt werden. Tatsache ist, daß es früher meiner Ansicht nach romantischer war. Es war immer eine gewisse Spannung da, speziell, wenn der Bub und das Dirndl aneinander Gefallen gefunden hatten. Wann wird sie einmal ganz mir gehören, wie stell ich es an, daß sie mich ganz nimmt? Eine Frau hat mir einmal erzählt, daß sie ihren Freund ganze zwei Jahre warten ließ, bis sie so weit waren.

Dieses Fensterlngehen hatte natürlich auch seine Tücken. Da saß ich einmal an einem Sonntagabend (am Samstagabend durften wir nicht fortgehen, da war es zum Rosenkranzbeten) als junger Bursch allein beim Wirt. Ein paar ältere Krauterer hockten da. Aber von meinen Spezln war weit und breit nichts zu sehen. Das war halt schon a bissel verdrießlich. Ich trank mein Bier aus, zahlte und trottete dann heimzu. Die Nacht war finster, also auch nicht geeignet, meine Laune aufzubessern.

Dann fiel mir ein, daß es zum Heimgehen eigentlich zu früh war. Weil ich gerade in die Nähe des Farnhofers kam, der fast unser Nachbar war, dachte ich mir, schaust a wengerl bei der Liesl vorbei. Die Liesl war so alt wie ich, und es war nicht das erste Mal, daß ich bei ihr fensterlte. Sie hat mich auch gleich erkannt und kam zum Fenster. Wir lachten und blödelten grad miteinander, als es unter der Leiter raschelte. Ein dunkler Schatten kam ums Hauseck geschlichen. Dieser Schatten entpuppte sich als Konkurrent. Mit verstellter Stimme forderte er mich mit dem damals üblichen „Schlachtruf“ – „Platz da!“ – auf, das Feld zu räumen.

Ich dachte aber nicht daran, seiner Forderung zu folgen. Da fing er an, an der Leiter zu rütteln. Da war ich aber nicht wegzubringen. Mit den Füßen stemmte ich mich an der Leiter fest und mit den Händen umklammerte ich das Fenstergitter. So brachte er mich nicht weg. Aber dann begann er mir die Leiter am Boden wegzuziehen. Da wurde es brenzlig. Ich mußte herunter, um nicht wie eine Puppe am Fensterkreuz zu hängen.

Als ich Boden unter den Füßen hatte, erwischte ich ihn gerade recht zum Schwitzkasten. Da mußte er dann Farbe bekennen, wer er eigentlich war. Es war ein Spezi von mir. Ich hab ihn danach nicht gefragt, ob er mich da auf der Leiter oben für einen Fremden gehalten hat oder ob er mir nur einen Possen spielen wollte. Das Liesei hat uns amüsiert zugeschaut. Vielleicht hat es sie gefreut, daß sich zwei so halbwüchsige Laffen (mehr waren wir damals mit unseren 17 Jahren nicht) ihretwegen am Boden „umadum“balgten. Zu guter Letzt kraxelten wir alle zwei auf die Leiter und blödelten weiter. Eine Gaudi war es auf jeden Fall, und mein Mißmut war auch weg.

Ein andermal verlief so eine Aktion ganz anders. Wieder saß ich beim Wirt (das war unsere Anlaufstelle, von wo aus wir unsere „Unternehmen“ starteten). Aber diesmal war auch ein Kumpel von mir da. Nach einem Bier beratschlagten wir, was heute zu unternehmen wäre. Ein zweites Bier würde unser „Konto“ zu sehr belasten oder besser gesagt, den Geldbeutel zu sehr erleichtern. Wir gedachten daher, zu irgendeiner Schönen zu pilgern. Die Frage war, welche Maid suchen wir auf? Zu denen, bei denen wir schon öfters waren, hatten wir keine Lust. Also mußten wir Neuland betreten. Die Wahl fiel auf die Tochter des Lerner-Bauern. Das war ein Fußmarsch von gut einer halben Stunde, war also leicht zu schaffen. Wir kannten das Dirndl nur vom Sehen her, aber ihren Namen wußten wir. Sie würde uns wahrscheinlich gar nicht kennen.

Zuerst hatten wir Glück. Wir fanden die passende Leiter, auch das richtige Fenster erwischten wir, und daheim war sie auch. Sie meldete sich auch gleich, als wir beim halboffenen Fenster anklopften. Aber aus dem Bett brachten wir sie nicht. Sie wollte unbedingt unsere Namen wissen. Den erfährt sie, sagten wir, wenn sie ans Fenster kommt.

Wo wir herkommen, wollte sie auch wissen. Wir sagten ihr nur, aus welcher Richtung wir kamen. Nähere Angaben gibt es erst, wenn wir sie sehen. So ging unser Disput eine Zeitlang hin und her. Dann sahen wir ein, daß wir bei ihr – Hannelore hieß sie – auf diese Weise kein Glück hatten. Aber unsere Identität wollten wir nicht lüften, weil wir nicht sicher waren, ob sie dann gekommen wäre. Hätte sie uns auch dann noch abblitzen lassen, dann hätte sie immerhin die Möglichkeit gehabt, uns bei anderen Burschen zu verpetzen. Die hätten ihr Gaudium gehabt, und wir wären die Blamierten gewesen. Also zogen wir ab.

Die Sache war aber noch nicht zu Ende. Als wir vor dem Haus vorbeigingen, ging die Haustür auf, und der Bauer kam aus dem hell erleuchteten Vorhaus heraus. Ich hab da gar nicht so genau hingeschaut, aber mein Spezl sagte voller Entsetzen: „Du, der hot a Büchs unterm Arm!“ Da haben wir beide Fersengeld gegeben. Erst nach mehreren hundert Metern bergan drosselten wir unsere Flucht, weil wir es nimmer „derschnauften“. Später lachten wir manchmal darüber, mein Spezl und ich. Es war aber auch das Dümmste, wie wir uns verhalten haben. Der Lerner-Bauer war ja ein gutmütiger Mensch. Hätten wir uns ihm zu erkennen gegeben, vielleicht hätte er uns auf ein Stamperl eingeladen. Möglicherweise hätte er sogar noch seine wirklich bildhübsche Tochter aus ihrer Schlafkammer geholt?

Warum er so reagiert hatte, war auch verständlich. Es war die Nachkriegszeit, und da lief so manches unliebsame Pack herum. Man mußte immer vorsichtig sein.

Jahre danach, knapp bevor ich von daheim fortging, hab ich die Hannelore einmal getroffen. Da brachte ich das Gespräch auf diesen Fensterlgeher-Abend, und alle zwei haben wir herzlich darüber gelacht.

Junge Männer in Sonntagskleidung marschieren in Zweierreihen bei einem Hochzeitszug
Unverheiratete Burschen bei einem Hochzeitszug in St. Koloman/Salzburg (um 1950)

Noch so ein Erlebnis scheint es mir wert, aufgeschrieben zu werden. Im Wonnemonat Mai mußten auch wir junge Buben am Sonntagabend zur Maiandacht gehen. Die wurde nicht nur in der Dorfkirche gebetet, sondern auch bei den Kapellen, die von den Vorfahren an verschiedenen Orten in der Gemeinde erbaut worden waren. Wenn ich vorhin geschrieben habe, daß wir das tun mußten, so stimmt es nicht ganz. Wir gingen eigentlich recht gern hin. Nicht gerade wegen des Betens, sonder wegen der jungen „Menscher“ (Mädchen ),die da auch kamen. Da ergab es sich öfters, daß wir ein Stück des Heimweges mit ihnen gehen konnten. Oder wir starteten wieder einmal einen kleinen „Besuch" bei irgendeiner holden Jungfrau. So auch an einem wunderschönen Maiabend nach dem Krieg.

Ein Mailüfterl wehte, die Natur blühte, der Duft der Gräser und Blumen stieg uns in die Nase, und auch wir blühten auf. Zumindest bildeten wir uns das ein. So zogen wir los. Wohin wir wollten, hatten wir vorher schon „besprochen“. Als wir dort ankamen, sahen wir, daß wir Pech hatten. Die Position war schon mit zwei Nachtschwärmern besetzt. Aber ganz umsonst wollten wir den Weg auch nicht gemacht haben, drum schlichen wir uns in der Dunkelheit an, um etwas davon zu hören, was die beiden dem Dirndl zu erzählen hatten. Der eine sagte gerade: „Schnucki, steh auf, wir möchten dein Rössel anschauen.“ (Der Mai ist einer der Monate, in denen die Pferde ihre Jungen bekommen.)

Als wir das Begehr dieses Burschen hörten, mußten wir uns zusammenreißen, um nicht laut herauszulachen. Aber sei es, wie es sei. Die beiden wollten einfach das Rössel sehen. Dieser Diskurs war uns aber zu langweilig, drum traten wir den Rückzug an. Da mußten wir an der Holzhütte vorbeigehen, vor der fein säuberlich die Brennholzscheiter aufgeschlichtet waren. Da plagte uns die Bosheit. Wir nahmen ein jeder einen Arm voll davon und warfen sie in Richtung des Hauses. Um das Haus herum war ein Betonpflaster, und dort schlugen die Scheiter auf. Das schepperte gewaltig. Dann nahmen wir aber Reißaus, bevor es für uns brenzlig werden konnte.

Am Tag danach hatte der Ziehvater einen Maurer herbestellt, weil auch wir vor dem Haus so ein betoniertes Pflaster bekommen sollten, und als Hilfsarbeiter kam der „Rösselanschauer“ zu uns. Ich konnte es mir dann nicht verkneifen, ihn über den Verlauf des vorigen Abends ein wenig auszuflatscheln. Er erzählte mir auch prompt den ganzen Hergang. Nur in einer anderen Version. Nach seiner Auskunft haben sie die Missetäter verfolgt und gestellt und anschließend fürchterlich verprügelt. Donnerwetter dachte ich mir da, das ist aber doch ein starkes Stück! Das sagte ich ihm auch, aber auch in einer anderen Version. Ich beglückwünschte ihn zu seiner Heldentat. Wer denn diese beiden Spitzbuben etwa gewesen sein könnten, hab ich ihn gefragt. Das konnte er mir nicht sagen, weil die zwei nach der Tracht Prügel sofort das Weite gesucht hätten.

Das sind ein paar Geschichterln aus vergangenen Zeiten. Viel konnten wir damals nicht anstellen. Unsere Freizeit war sehr eng bemessen, und Geld hatten wir auch sehr, sehr wenig. Aber das, was wir gemacht haben, hat uns Spaß gemacht. Wir haben uns manchmal gegenseitig auf den Arm genommen, wie es sich halt ergeben hat, haben aber aufgepasst, daß wir uns nicht auf lange Zeit hinaus zerstritten haben.

Informationen zum Artikel:

"Viel konnten wir damals nicht anstellen ..." - vom Fensterlngehen

Verfasst von Anton Pillgruber

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Tennengau
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

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