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Jung und Alt im Wirtshaus

von Anton Pillgruber

Wenn wir jungen Halbwüchsigen – in der Nachkriegszeit gehörte man mit 17 Jahren noch zu denen, jedenfalls behaupteten das die Alten – am Sonntagabend beim Wirt saßen, konnte man allerlei Gespräche mit anhören. Waren ältere Gäste da, dann waren es vorwiegend Bauern, die über die wirtschaftliche Lage in der Landwirtschaft diskutierten und natürlich auch schimpften und jammerten. (Es gab damals schon den Spruch: „Ein Bauer, der nicht schimpfen und jammern kann, das ist kein richtiger Bauer.) Ging ihnen dann zu diesem Thema der „Faden“ aus, wechselte man zu was anderem.

Und da waren es nicht selten die Jungen, über die mächtig hergezogen wurde. Allesamt waren wir nichtsnutzige, zu nichts zu gebrauchende Bengel und Flegel, denen man am besten jeden Morgen in den A …. treten müßte, damit sie kapierten, wofür sie überhaupt da wären.

Mich amüsierten diese Dispute immer in gewisser Weise. Zuwiderreden war damals sowieso nicht erlaubt, also machte ich mir so im Geheimen meine Gedanken über unsere sogenannte ältere Generation. Vorerst kam ich zu dem Schluß, daß wir ja gar nicht da wären, hätten unsere Altvorderen uns nicht gezeugt, also waren wir ja ihre Bengel und Flegel. Warum die dann über ihr eigenes Produkt so herfielen, war mir halt doch ein wenig rätselhaft. Eigentlich müßte angenommen werden, daß da ein Konstruktionsfehler passiert ist. Oder waren die Herrschaften vielleicht nicht fähig, ihre Schöpfung so zu formen, daß sie sich mit ihnen nicht ärgern müssten? Letztlich kam ich aber dann zu der Auffassung, daß die Alten einfach ihren Frust ablassen wollten, und da nahm man einfach die Jungen her, weil die sowieso ihre „blöde Goschen“ halten mussten. Mir kam der Verdacht, ob da nicht der eine oder andere daheim nicht allzu viel zu sagen hatte?

Tatsache ist, daß unsere Generation auch das geworden ist, was von jungen Leuten erwartet wird. Nämlich, daß sie das Erbe der Alten erhalten und wenn möglich vermehren, um es ihrem Nachwuchs wieder weitergeben zu können. Aber Diskurse bei einem oder mehreren Glasl Bier gehören zum Wirtshausgehen dazu, sonst wär’s ja langweilig.

Wir Jungen revanchierten uns schon auch, halt auf unsere Art und Möglichkeit. Waren wir einmal unter uns, so daß uns kein Bauer oder später auch Meister hören konnte, drehten halt wir auf. Leuteschinder waren sie, Halsabschneider, Geizkrägen und noch viel mehr – was uns in unserem Vokabular so zur Verfügung stand. Kam dann zufällig einmal ein Vertreter der von uns Geschmähten daher, mußten wir schnell das Thema wechseln. Hätten wir einen dieser Herren angefrotzelt (was in ganz seltenen Fällen auch vorkam) war das Gesprächsstoff am kommenden Sonntag „nach der Kirchen“ am Dorfplatz. Das war auch ein Teil der Unterhaltung in der damaligen Zeit.

Informationen zum Artikel:

Jung und Alt im Wirtshaus

Verfasst von Anton Pillgruber

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Tennengau
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

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