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Unsere Stammgäste - Kartenspieler und Fußballer

von Ferdinand Peschta

Unser Wohnhaus war 1957 noch nicht gebaut. Es gab nur das Geschäft und ein paar Zimmer in einem einfachen, flachen Anbau. Heute würde man sagen, die Eltern lebten mit ihren nunmehr sechs Kindern in beengten Verhältnissen.

Ich glaube, das Wirtshaus ging noch nicht ganz so gut, denn mein Vater und meine Mutter standen täglich 18 Stunden im Geschäft, ohne Ruhetag, ohne Urlaub. Und die Kinder – mich vorerst ausgenommen – mussten auch mitarbeiten. Jedes hatte bestimmte Aufgaben zu erfüllen, vor und nach der Schule und an den Wochenenden. Das blieb später auch mir nicht erspart, obwohl ich bestimmt weniger „eingeteilt“ wurde als meine Geschwister im vergleichbaren Alter. Aber das war nicht meine Schuld. Die Zeiten änderten sich eben.

Dabei war ich manchmal sogar sehr gern im Geschäft, am liebsten unter der Woche von fünf bis acht, denn da war richtig was los. Wenn ich meine Schulaufgaben gemacht hatte, ging ich hinunter. Von der Wohnung im ersten Stock führte eine lange Stiege abwärts ins Vorhaus mit der Küchentüre. Durch die Küche durch, vor oder hinter dem Herd vorbei, je nachdem, wo die Mutter oder eines der Küchenmädchen gerade zu tun hatte, und schon hatte man die Schank im Blickfeld. Um sie herum standen immer die interessantesten Leute, vielleicht auch deshalb, weil gleich daneben der Stammtisch war.

Wenn es in den Abend hineinging, saßen dort meist schon ein paar Kartenspieler, alles Stammgäste natürlich, Leute, die sich ihren Platz an diesem Tisch redlich ersessen hatten. Zuerst war man Gast an einem der anderen Tische, allein oder auch in Gesellschaft. Mit der Zeit, wenn man die Kellner schon mit Vornamen anreden durfte und von diesen namentlich begrüßt und verabschiedet wurde, hatte man den ersten und wichtigsten Schritt geschafft. Auf dieser Stufe konnte es schon geschehen, dass ein solcher Eleve, wenn er Interesse signalisierte, hin und wieder in die Gespräche des anwesenden Stammgäste-Adels miteinbezogen wurde. Nach dem Grundsatz „Rück näher, mein Freund“ blieben nonverbale Einwände aus, wenn sich der Anwärter bei seinem nächsten Besuch mit seinem Glas in die erhabene Stehplatz-Zone zwischen Stammtisch, Schank und Küchenzugang stellte.

Nur einigen wenigen Auserwählten war es gestattet, sich quasi hinter die Schank, sprich in den Hoheitsbereich von ca. 1 m² zwischen Schank, Küche und Telefonzelle zu begeben. Diejenigen aber, denen dieses Privileg zuteil wurde, hatten einen Akkreditierungsstatus weit über dem Hausrecht. Ein solch Berufener stand dann mit dem Rücken zur Eishaustür auf dem Halbierungspunkt der Sichtlinie Küche-Schank und – most important – überblickte wie der Wirt bzw. Schankdiensthabende das Geschehen im Lokal, sah also (wie der Pfarrer von der Kanzel oder der Lehrer vom Katheder) auf die Minderberechtigten herab. Mit dieser Auszeichnung waren aber auch Pflichten verbunden, wie zum Beispiel das Aufheben von schmutzigen Besteckteilen, die den Kellnern beim Abservieren manchmal von den Tellern rutschten, wenn sie den dreistufigen Linksschwung in die Küche zu flott nahmen.

Also, am Stammtisch saß immer schon, wenn ich kam, eine Runde beim Kartenspielen. Meist setzten sich die Schnapser durch, weil die Tarockierer mit nur vier Spielern doch nicht den ganzen Tisch blockieren konnten.

Weil beim Schnapsen drängten sich fünf bis sechs, auch sieben Männer zusammen. Dabei sein war alles. Sie spielten mit „Mitschreiben“. Also, immer zwei Sitznachbarn bekamen vom (im Uhrzeigersinn) Vorvorderen eine Partie gegeben, die anderen Mitspieler schauten zu und hofften auf einen Dreier oder wenigstens einen Zweier als Ergebnis, damit sich das Warten lohnte. Auf diese Art war die mögliche Teilnehmeranzahl wirklich nur vom Ausmaß des Zusammenrückens rund um den Tisch – den auf drei Seiten eine feste Bank umlief – abhängig.

Es ist manchmal vorgekommen, dass ein Mitspieler, der nur die erste Partie angegeben hatte, bis zum Ende eines Bummerls gar nicht mehr dran gekommen war, weil er durch das Mitschreiben von ausschließlich „Ganzen“ auf einmal „aus“ war. Einerseits gut, weil somit ja ein anderer das Bummerl bekam, aber  irgendwie auch fad, wenn man nie Karten in der Hand hatte. Besonders Launige in der Runde fragten in einer solchen Situation den Kellner um eine Zeitung.

Das Schöne an diesem Spiel war die gesellige Umrahmung. Denn auch die an der Schank stehenden Kiebitze trugen nicht unwesentlich zur Unterhaltung bei. Weniger standfeste Schnapser trachteten deshalb, einen Sitzplatz an der Wand zu erwischen; selbst von hinter der Kaffeemaschine konnte ein Kommentar kommen. Es ist ja ungleich einfacher, wenn man sich nach einem verlorenen Spiel auf Kartenpech ausreden konnte als wenn man vom Publikum eines Fehlers bezichtigt wurde. Schließlich will ja keiner als Weh dastehen. Die hat es aber natürlich auch gegeben. Man kannte sie und schätzte sie. Wenn sie sich aber beim Zahlen vielleicht beschwerten, worüber auch immer, weil ihnen dauernd jemand dreingeredet hat, oder der Piatnik einfach nicht wollte, oder einer gar zwei andere des Zusammenhaltens bezichtigte, war der Spaß vorbei. Denn wer mitspielte, musste auch damit rechnen, dass er verlieren konnte. Dabei wurde ohnehin nur um die gewöhnliche Zeche gespielt, manchmal sogar um eine Flasche Wein („a Boutöilln“), aber niemals um Geld.

So gab es auch nur selten Verdruss. Den hatten jedoch zwei Gäste, die sich über diverse Verletzungen der ungeschriebenen Regeln selbst aus dem Kreis der Anerkannten hinaus manövriert hatten. Sie durften nicht mehr mitspielen. Das äußerte sich so, dass sie einfach nicht mehr angesprochen wurden. So standen diese beiden nur mehr in der Kiebitzriege. Eines Samstagvormittages hielten es beide nicht mehr aus.

Noch länger zuschauen – nein. Sie baten den Kellner um ein eigenes Kartenspiel und nahmen auf dem freien Tisch „Eins rechts“ Platz, während am Stammtisch die übliche Runde versammelt war und einen besonders vergnüglichen Frühschoppen feierte. Die zwei Ausgemusterten verloren sich ganz in ihrem Spiel, vergaßen alles um sie herum und merkten so auch nicht, dass – obwohl anfangs natürlich niemand von ihnen Notiz nahm – mit der Zeit einige Zuschauer über ihrer „Arena“ wachten, weil im Stammtischzuschauerbereich schon großes Gedränge herrschte.

Gegen dreiviertel zwölf mahnte der Kellner: „Meine Herrn, es is’ Zeit“, weil im Mittagsgeschäft gab es kein Kartenspielen; das hielt mein Vater so, aus Respekt vor den anderen Gästen – alles zu seiner Zeit. Auf „Eins rechts“ wurde diese Durchsage nicht wahrgenommen, was allein schon für eine Sperre von vier Wochen reichte. Aber es kam noch schlimmer. Auf den zweiten Aufruf hin versicherten beide Spieler, dass sie das Bummerl gleich fertig hätten. Ein Umstehender aus der ehrenwerten Kiebitzriege, dem der Spitznamen „Totenvogel“ zu eigen war, weil immer derjenige Spieler, dem er in die Karten schaute, verlor, verkündete der zum Aufbruch bereiten Stammtischrunde, dass es dort drüben heiß her ging. Gleichstand bei den bisherigen Bummerln und das letzte auf Messers Schneide. Worauf dieser bisherige Nebenschauplatz durch das interessierte Nähertreten einiger Großmeister eine plötzliche und unerwartete Aufwertung erfuhr.

Die fröhliche Stimmung im Lokal wurde von einer knisternden Spannung überlagert. Als schließlich einer der beiden gewann und der andere naturgemäß verlor, wartete schon der Kellner mit dem Bierblock in der Hand, um allenfalls die paar Getränke, um die sie gespielt hatten, zusammenzurechnen. Der Tisch wurde schon gebraucht. Da hob zwischen den zwei Kartenspielern ein Getuschel an, die offenkundige Frage in ihrem Gesprächsinhalt konnte aber scheinbar keiner beantworten, da die vertraute Unterredung in einem beiderseitigen Achselzucken endete.

Die Angelegenheit endete mit einem mehrwöchigen Verweis für beide, denn keiner von ihnen konnte die Zeche bezahlen. Sie hatten sich unabhängig voneinander an diesem Vormittag in unserem Gasthaus eingefunden und die eigene kleine Barschaft beim Kiebitzen vertrunken. Dann war ihnen – wieder jedem für sich – der glorreiche Gedanke gekommen, dass man beim Schnapsen noch einen G’spritzten oder ein Krügl Bier gewinnen könnte; und falls man verlor, müsste der Spielpartner einstweilen für die Zeche gerade stehen – so war die Hausregel. Jetzt war aber Feuer auf dem Dach, weil sie beide die gleiche hervorragende Idee gehabt hatten, aber keiner bezahlen konnte.

An den Wochentagen, am frühen Abend, stand meist eine ganz andere Attraktion im Zentrum meiner Hoffnungen. Ob heute wieder welche von ihnen kommen? Oder haben sie ein Sondertraining? Die Rede ist von meinen „Grünweißen Halbgöttern“! Der alte Rapidplatz, die „Pfarrwies’n“ war ja weniger als fünf Gehminuten von meinem Elternhaus entfernt, näher als Kirche und Volksschule.

Am öftesten kam der Glechner Walter, Stopper bei Rapid und im Nationalteam, bis er sich im Spiel gegen Ostdeutschland einen Fuß gebrochen hat. Er war immer mit dem Zaglitsch Willi beisammen, auch mit dem Eugen Doleschal. Aber die zwei haben es nur bis zur Reserve gebracht, in der Ersten haben andere gespielt: der Flögel und der Grausam und der Wembley-Toni Fritsch. Ganz stolz war ich, wenn der Johnny Bjerregaard dabei war, mit dem hab ich Dänisch reden können, weil ich mehrere Sommer in Dänemark bei meiner Gastfamilie verbracht hatte, wo mich die Eltern mit den anderen Geschwistern hinschickten, weil sie selbst ja keinen Urlaub machen konnten.

Also der Bjerregaard hat eigentlich Jörn geheißen, in Wien haben sie aus ihm einen Johnny gemacht. Der war wirklich gut, mit ihm hat Rapid sogar Real Madrid aus dem Europa-Cup der Meister geworfen, eins zu null daheim und dann das zwei zu eins auswärts, wo der Bjerregaard einen Corner direkt verwandelt hat. Leider sind sie dann gegen Manchester United im Viertelfinale  ausgeschieden: im Stadion nur null zu null, in England drei zu null, ohne Chance, da hat der George Best groß aufgespielt. Gegen den Erich Fak, ein super Außenback links – rechts war neben dem Glechner der Gebhart – hab ich später sogar einmal selbst bei einem Hallenturnier gespielt, da war er aber schon siebenunddreißig, glaub ich. Bei dem Turnier hat auch die Rapid-U21 mitgespielt, und gegen die hab ich zwei Tore geschossen!

Mit zwei Toren in einem Spiel sind viele berühmt geworden, eben der Wembley-Toni und später natürlich auch der Hans Krankl, der war auch bei uns im Gasthaus, aber nicht so oft, weil er ja in Dings, na sag’ schon, in Alt-Erlaa gewohnt hat.

Von den ganz Alten ist auch der Zemann immer da gewesen, mit der Familie, seine Tochter hat ja den Ziermann Karli geheiratet, der einmal Jugendführer in unserer Pfarre gewesen ist. Dann hat es noch einen tollen Dänen gegeben, den Tom Söndergaard mit seinem Volvo, das war ein Auto! Mit dem Tom hab ich auch Dänisch geredet, aber ihm hat meine Schwester besser gefallen. Vielleicht hat sie ihn nicht so gut leiden können, weil er ist dann bald nach Nizza  übersiedelt. Seitdem hab ich nichts mehr von ihm gehört.

Ich habe sie alle in unserem Gasthaus am Stammtisch höchstpersönlich bedient. Meine Schulkameraden waren mehr als beeindruckt, als ich eines Tages vor der Schule aus dem Auto vom Glechner ausgestiegen bin. Fuchsbichler, Starek, Jagodic, später Baric, Krauss, Weber, Panenka – ich hab sie alle gekannt, habe ihnen Essen und Trinken serviert, Trinkgelder bekommen und vielen von ihnen beim Kartenspielen zugeschaut. Meine noch heute leidenschaftliche Anhängerschaft zu Rapid ist also nicht frei gewählt, sondern erblich bedingt.

Informationen zum Artikel:

Unsere Stammgäste - Kartenspieler und Fußballer

Verfasst von Ferdinand Peschta

Auf MSG publiziert im November 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 14. Bezirk
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre, 1970er Jahre, 1980er Jahre

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