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Das schönste Weihnachten blieb mir immer unvergessen

von Cäcilia Mrak

Geboren wurde ich in einem kleinen Dorf in der Oststeiermark. Damals herrschte bei uns bitterste Not, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Die Bauern waren hoch verschuldet, sie konnten kaum ihre Steuern bezahlen. Mit ein Grund war auch, dass es in vielen Familien acht oder zehn Kinder gab. Bei der Erbteilung wurde der Grundbesitz immer kleiner (es gab noch kein „Erbhofgesetz“) und daher waren die kleinen Landwirtschaften kaum lebensfähig. Diese Schilderung der damaligen Lebensumstände ist deswegen notwendig, weil meine Familie zu jener Zeit zu den ärmsten Bewohnern des Dorfes zählte. Mein Vater war zwar ein Bauernsohn, aber der jüngste. Den Hofbesitz bekam die älteste Schwester von sechs Kindern.

Mein Vater hatte zwei Grundstücke, einen Streifen Wald und vor allem das „Austragshäusl“, in dem wir wohnten, auf Lebenszeit geerbt. Eine Stufe tiefer als wir standen nur noch die „Einwohner“, die hatten nur eine gemietete Stube bei einem Bauernhof, also ganz ohne Grundbesitz. Die Hierarchie im Dorf war trotz Elend und Not damals sehr ausgeprägt. Wenn mein Vater wieder einmal arbeitslos war (er war als Hilfsarbeiter bei der Fa. Elin in Weiz beschäftigt), gingen meine Eltern als Tagelöhner zu den Bauern arbeiten. Dafür bekamen sie kein Geld, sondern nur das Essen und manchmal zusätzlich Lebensmittel. Im Stall hatten wir nur eine Kuh, ein großes Schwein und ein kleines Schweinchen. Für alle schweren Arbeiten, für die man einen Ochsen brauchte, z.B. pflügen, Heu und Getreide einfahren, musste wieder „getaglöhnert“ werden.

Das war also das Umfeld für meine Weihnachten im Jahre 1931.

Als fünfjähriges Mädchen konnte ich es gar nicht fassen, dass das Christkind am Weihnachtsabend persönlich in die kleine Stube kam. Es klopfte an unsere Tür, der Vater öffnete sie, und herein kam ein weiß gekleideter verschleierter Engel mit einem kleinen Christbaum mit vielen brennenden Kerzen. Im nächsten Augenblick wusste ich, es war kein Engel, der hätte Flügel haben müssen. Es war das Christkind persönlich. Mein Blick ging gleich zum Christbaum, denn so etwas Schönes hatte ich noch nie gesehen. Einen Christbaum mit Zuckerringerln und kleinen Schokoladestückchen. Es war einfach überwältigend.

Ich musste alle Gebete, die ich kannte, mit gefalteten Händen aufsagen. Aber beim „Heilige Mutter Gottes, bitte für uns arme Sünder“ konnte ich es nicht lassen: Ich unterbrach das Gebet und sagte: „Mama, schau! Ein schönes Häferl!“ Das war ein kleiner Becher mit winzigen Zuckerln in einem roten Netz. Ich war selig. Aber der Christbaum war noch nicht alles. Es gab eine Schachtel. In ihr war eine Puppe mit blonden Haaren und Schlafaugen. Ich konnte es nicht fassen, dass die Puppe auch vom Christkind gebracht wurde.

Meine Geschwister freuten sich mit mir.

Erst viel später erfuhr ich, dass das Christkind die erwachsene Tochter unseres Nachbarn war. Das weiße Kleid stammte von der Fronleichnamsprozession. Erwachsene und kleine Mädchen gingen damals mit einem weißen Kleid in der Prozession gleich hinter dem „Himmel“. Aber das machte mir später nichts mehr aus. Das schönste Weihnachtsfest blieb mir immer unvergessen – und vor allem die Dankbarkeit gegenüber meinen Eltern, die mir dieses Weihnachtsfest trotz der Armut beschert haben. Aber da fällt mir gleich Schiller ein: „Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten, und das Unglück schreitet schnell.“

Das Unglück ereignete sich am Stefanitag. Meine Mutter hatte Besuch von einer Nachbarin mit ihrem etwa sieben Jahre alten Sohn. Ich zeigte ihm voll Freude und Stolz meine Puppe. Er ergriff eine große Glaskugel, wie man sie zum Kugelscheiben gebrauchte, und ließ sie auf das Porzellanpuppengesicht fallen. Alles ging so schnell, dass ich zuerst gar nicht richtig mitkriegte, was geschehen war. Aber das geliebte Puppengesicht war nicht mehr wieder zu erkennen. Es waren nur noch Scherben, und die blauen Puppenaugen waren nur mehr leere Höhlen. Meine Mutter sagte mir noch öfters, dass ich so fürchterlich geweint hätte und dass mich niemand beruhigen konnte. Der Weihnachtstraum für mich war nunmehr zu Ende, ein für allemal.

Meine Mutter hat versucht, das Puppengesicht mit „Papp“ (Mehl mit Wasser angerührt) zu kleben, aber es half alles nicht. Die Zerstörung war endgültig. Meine Mutter hat die Puppe dann weggeräumt. Den Ausgleich für meinen damaligen Kummer habe ich, als ich erwachsen war, vermutlich damit erwirkt, dass ich mir eine Puppensammlung mit vier alten Porzellanpuppen und vielen anderen neuen Puppen – zum Teil noch von meinen Kindern – zugelegt habe.

Das fünfjährige Kind von damals war fünfzigjährig in der Lage sich einen Kindheitstraum zu erfüllen.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Das schönste Weihnachten blieb mir immer unvergessen

Verfasst von Cäcilia Mrak

Auf MSG publiziert im Dezember 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Oststeiermark
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Textausschnitt aus dem im Grazer "Büro der Erinnerungen" entstandenen Sammelband:

Elke Murlasits, Maria Froihofer (Hg.): weihnachten. Erinnerungen und Gedanken, Graz: Leykam Verlag 2006; S. 41-42.

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