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Meine Großmutter und die Rossschwemme

von Charlotte Schweiger

Eigentlich wollte ich nur über die Rossschwemme schreiben, aber der Weg dorthin war mit meiner Großmutter eng verbunden.

Damals, im Jahre 1927, vielleicht war’s auch etwas früher – ich ging noch nicht zur Schule –, da war ich wochenlang bei meiner Großmutter in Simmering. Meine Eltern besaßen eine Großkonditorei, in der sie viele Stunden des Tages verbrachten, und sie waren froh, dass ich in Simmering sein konnte.

Großmutter war Fuhrwerksbesitzerin, eine resolute Frau. In ihrem Haus befanden sich im Halbstock die Wohnräume, und darunter war der Stall. Die Küche war der Mittelpunkt des Hauses. Daneben gab’s noch das Schlafzimmer mit den Ehebetten, davor ein Diwan, auf dem ich schlief. Anschließend an das Schlafzimmer war das Speiszimmer. Dieses war elegant eingerichtet, aber es wurde nie benützt. In diesem herrlichen Raum stand ein kleines Kastl mit großem, blindem Spiegel, doch unten im Kastl lagen alte, schöne Hüte. (Ich habe Großmutter nie mit einem Hut auf dem Kopf gesehen.) Diese „Modelle“ nahm ich heraus, setzte sie auf und posierte mit „Gekuder“ in verschiedenen Stellungen.

Großmutter war nicht nur resolut, sondern auch eitel. Sie drehte sich die Haare mit einem Onduliereisen [Brennschere] ein, strich sich die Augenbrauen mit Zündhölzern an, die sie kurz anzündete und wieder löschte. Der Rauch, der von den durch das Onduliereisen verbrannten Haaren aufstieg, war nicht zu übersehen.

In einer Ecke des Hofes gab es ein kleines Gemüsegärtchen, in dem ein Mandelbäumchen stand. Die Früchte waren in einer harten Schale, die man nur mit einem Hammer aufschlagen konnte, doch wenn es um die Mandeln ging, war Großmutter neidig.

Nicht vergessen werde ich den Gemüsegärtner Watzlawek. Seine Felder reichten bis zum Straßenrand, natürlich ohne Zaun. Da gab es Kraut, Kohl und auch Kohlrüben, die mussten wir öfters probieren, ob sie schon reif sind. Sie waren sehr gut, aber noch zu klein, um sie auf den Markt zu bringen. Der Gärtner hatte Pferde, die er vor einen Brunnen im Acker spannte. Dort mussten die Tiere stundenlang im Kreis gehen, um das Wasser aus der Tiefe zu holen. Den Tieren hat er die Augen verbunden, damit sie bei dieser Arbeit nicht zu Schaden kommen sollten. In Rinnen wurde das kostbare Nass weiterbefördert und mit einem „Pracker“ – ein Gerät mit langem Stiel und einer Scheibe am vorderen Ende – auf das Gemüse verteilt.

Jetzt zu unseren Pferden, die entweder vor Wagen oder – besonders im Winter – vor zweirädrige Wagen, die sogenannten „Cabs“, einzeln eingespannt wurden. Zu vergleichen wäre dieses Gefährt ungefähr mit einer Scheibtruhe, nur dass es gezogen wurde statt geschoben, und natürlich war’s auch viel größer. Wenn es im Winter Schnee gab, wurde dieser auf „Cabs“ geladen und zum Donaukanal gefahren. Dann wurde die Rückwand hochgezogen, und der Schnee fiel ins Wasser.

Großmutter hatte auch Telefon, wovon Leute, die kein Geschäft betrieben, in dieser Zeit nur träumen konnten. Meine Großmutter war immer sehr geschäftstüchtig. Wenn Schnee gefallen war, ging sie sofort zum Telefon und rief bei der Gemeinde an: „Fräulein, ham S’ kan Schnee?“, zum allgemeinen Gelächter der Familie (aber mit vorgehaltener Hand).

Und warum war’s so wichtig, die Pferde zu beschäftigen? Pferde sind kein Auto, das stehen bleiben kann, so lange man will. Pferde müssen beschäftigt werden, sonst werden sie ungeduldig. Dann schlagen sie mit den Beinen aus, schnappen sich gegenseitig und wiehern. So mussten die Kutscher mit ihnen spazieren gehen.

Im Sommer wurden sie auch zur Rossschwemme auf die „Had“, die Simmeringer Haide, gebracht. Der Kutscher nahm zwei Pferde und einen Wasserkübel und zu meiner großen Freude manchmal auch mich mit, auf einem der beiden Tiere reitend.

Die Rossschwemme war eine runde Vertiefung von circa fünf Metern, mit Pflastersteinen ausgelegt und neben einem Hydranten. Der Kutscher holte mit dem Kübel Wasser und schüttete es über die Pferde, denen dies gut tat.

Als ich kürzlich einer Bekannten, die als Kind in Jedlesee aufwuchs, von der Rossschwemme erzählte, sagte sie, dass es auch in ihrem „Ort“ so etwas gab. Vor der Donauregulierung war die Gegend in Jedlersdorf sehr oft überschwemmt, und wenn das Wasser wieder zurückging, blieben kleine Seen – in diesen wurden die Pferde gewaschen, ohne Hydranten wie in Simmering. Den Zweck hat’s überall erfüllt.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Meine Großmutter und die Rossschwemme

Verfasst von Charlotte Schweiger

Auf MSG publiziert im Dezember 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 11. Bezirk
  • Zeit: 1920er Jahre

Anmerkungen

Dieser Textbeitrag entstand 2004 im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte".

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