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A Schnierl und a Gschierl

von Helmut Krcal

Ich wohnte damals mit meiner Mutter auf Zimmer-Küche im dritten Stock eines Zinshauses in Meidling, nahe beim Markt. (Vater war in russischer Kriegsgefangenschaft gestorben.) Im ersten Stock wohnte meine Großmutter (mütterlicherseits) mit meiner Tante (der Schwester meiner Mutter), die nicht verheiratet war, auf Zimmer-Küche-Kabinett. Großvater war zu diesem Zeitpunkt schon gestorben.

So blieb als einzige männliche Respektsperson mein Onkel (der Bruder meiner Mutter) übrig, der keine eigenen Kinder hatte, und sich daher für uns alle verantwortlich fühlte. Somit hatte er bei uns etwa den Status des Familienoberhauptes.

Da er nicht weit weg wohnte (beim Margaretengürtel), kam er dreimal die Woche (Montag und Mittwoch gegen Abend und Samstag vormittags) seine Mutter besuchen, in der wärmeren Jahreszeit immer mit dem Fahrrad.

Tagsüber stand ich unter Aufsicht meiner Großmutter, da meine Mutter als Alleinerzieherin ja zur Arbeit ging, ebenso meine Tante. Durch die Besuche meines Onkels wurde ich zumindest dreimal die Woche auch mit der männlichen "Erziehungskomponente" vertraut, obgleich diese nie in Gewalt ausartete.

Samstags bekam er auch immer in einem sogenannten "Menaschreindl" (transportables Essgeschirr zum Aufwärmen) Essen mit nach Hause.

Eines Samstags machte er sich fertig, um nach Hause zu fahren. Ich begleitete ihn auf die Straße, und er versuchte, das "Menaschreindl" am Gepäckträger seines Fahrrades zu befestigen. Zu diesem Zweck beauftragte er mich, zu Oma hinaufzugehen und ein "Schnierl" (Stück Schnur) zu holen.

Ich war aber zu faul dazu und rief zu Oma, die ja beim Fenster herunterschaute, hinauf, sie solle "a Schnierl" herunterwerfen. Oma war aber etwas schwerhörig und fragte zurück: "Für was brauchst a 'Gschierl' (Geschirr)?"

Ich wieder zurück: "Nicht a Gschierl, sondern a Schnierl!" Das ging so einige Male hin und her, bis ich mich dann doch entschloss, in den ersten Stock zu laufen, um "a Schnierl" zu holen.

Diese Geschichte blieb mir und meiner Frau, der ich sie erzählte, immer in Erinnerung, und seither heißt es bei uns zu Hause, wenn jemand etwas schlecht versteht: "Ja, ja, a Schnierl und a Gschierl ..."

Informationen zum Artikel:

A Schnierl und a Gschierl

Verfasst von Helmut Krcal

Auf MSG publiziert im Dezember 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 12. Bezirk
  • Zeit: 1950er Jahre

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