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Ein Haus in der Leopoldstadt

von Herbert-Ernst Neusiedler

Am 21. Februar 1941 schrieb die „Kleine Volks-Zeitung“ in Wien: Erfolgreiche Schnellbootaktion in der Nordsee. Trotz Nebel (was brauch ma an Genitiv?) 10.000 BRT versenkt. Und weiter unten: Der Endsieg bringt den wahren Sozialismus. (Den wahren Sozialismus, auch den real existierenden, haben auch andere immer wieder versprochen, aber noch ist es nix damit geworden.) Wien war Reichsgau und Groß-Wien, hatte 26 Bezirke und war ein Teil des Großdeutschen Reiches unter dem großen Herrn Führer Adolf Hitler, der später GRÖFAZ, d. i. Größter Feldherr Aller Zeiten genannt worden war, wobei man sich aber beim Nennen nicht erwischen lassen durfte. Er stammte aus dem Lande, in dem diese Stadt lag, das es aber gar nicht mehr gab, womit es ihn eigentlich auch nicht mehr hätte geben dürfen. Aber es gab ihn, und das noch einige Jahre.

In der Leopoldstadt, dem II. Wiener Bezirk, gab es 10 Kinos, genannt Lichtspieltheater, weil Deutsche Einfaches gerne kompliziert ausdrücken. Im Busch-Kino gab man „Die Fahrt in die Jugend “mit Liane Haid, Hermann Thimig, Leo Slezak und Hans Moser. Im Nestroy-Kino, das es wie alle anderen dieser Kinos nicht mehr gibt – heute erinnert daran ein Café –, spielte man: „Die keusche Geliebte“. Und eine solche gibt’s ja schon lange nimmer. Im Burgtheater spielte Ewald Balser in „Libussa“, und im Circus Renz in der Zirkusgasse sah man Attraktionen des Circus Hagenbeck, welche ich, etwas später, noch vor dessen endgültiger Zerbombung, bewusst erleben durfte.

Im Reichsgau Wien wurde der Bezugsschein „B“ der Konservenkarte aufgerufen. Und alle Verbraucher erhielten 1/1 Dose (!) Gemüsekonserven (und haben sich gefreut darüber). Sonnenaufgang war in Wien um 7 Uhr 53. Noch weit davor war der 42-jährige Max Schaller aus Asch im Landesgericht I hingerichtet worden. Laut Volksgerichtshof hatte er „im Auftrag fremder Nachrichtendienste eine umfangreiche Verratstätigkeit entfaltet“. Er war einer von etwa 3.500, die dort ermordet wurden.

Etwa um die gleiche Zeit, um 5 Uhr 20, wurde in der Frauenklinik im XX. Bezirk, die es auch nicht mehr gibt, in einer Zeit, in der alles groß war, ein großes Kind geboren. Viertausendfünfhundert (reichsdeutsch) Gramm, also 4 1/2 Kilo schwer und 53 cm in der Länge. Groß genug!? Dieses war ich. Und obwohl dabei gewesen, gibt es daran keine Erinnerung. Oder? Vielleicht nur nicht direkt abrufbar, wer weiß?

Meine Mutter, Hermine, geb. Morawa, wurde am 10. Mai 1911 in Wiener Neustadt als lediges Kind, wie man damals sagte, der Theresia Morava (später in Morawa „verdeutscht“) und des Sohnes des Gastwirtes und Fleischhauers Trischitz (auch schon „eingedeutscht“) aus Rauchenwarth an der Donau, geboren. Herr Trischitz sen. bezahlte die Alimente im Voraus, also bis zum 24. Lebensjahr, das Vormundschaftsgericht legte diese in staatlichen Papieren an. Nach Ende dieses Staates, der Monarchie, waren das schöne Papiere. Meine Mutter erhielt diese zur Großjährigkeit ausgefolgt, doch sie waren ohne Wert. Ihren Vater hat meine Mutter nie gesehen. Er starb früh, noch vor dem 2. Krieg, angeblich an einer Lungenkrankheit.

Mein Vater, Ernst Neusiedler, kam am 5. Mai 1908 in Neunkirchen in Niederösterreich zur Welt. Seine Eltern waren bei der Schrauben- und Bleistiftfabrik Brevillier-Urban beschäftigt. Sie wohnten im Geburtshaus der Mutter. Ein kleines Zimmer genügte, die Großmutter kochte für die ganze große Familie, zu der noch zwei Schwestern meiner Großmutter und ein Säugling gehörten. Mein Vater wuchs bis zur Schulzeit bei der Großmutter auf, die er sehr liebte. Noch im Alter erzählte er von dieser Frau, die, mit drei anderen Familienmitgliedern, bei einem Unfall, etwa 1918 oder 1919 auf schreckliche Weise ums Leben kam. (...)

Zur Zeit meiner Geburt war mein Vater bei Steyr in Wien X. als Einfahrer und Endmonteur für Geländewagen beschäftigt. Diese Fahrzeuge wurden nicht wie heute zum Spaß und zum Totschlagen der Zeit gefertigt. Sie waren für die Naziwehrmacht bestimmt, also für eine andere Form des Totschlagens, das damals schon geplant war, nur Menschen wie mein Vater wussten nichts davon. Doch auch viele andere, gebildetere als es mein Vater mit 8 Klassen Volksschule war, wussten nichts davon, wollten es nicht wissen oder verdrängten dieses Ahnen. Denn jene, die es sicher wussten, wollten es ja, das Totschlagen der Juden, der Bolschewiken, der „Untermenschen“, der Feinde im Westen und auf der anderen Seite des Ärmelkanals.

zwei Männer vor zwei Wehrmachtwagen
Vater (rechts) bei der Montage eines Wehrmachtwagens

Meine Eltern zogen Ende 1938 von Wiener Neustadt nach Wien in die Leopoldstadt, in die Pazmanitengasse. Von einer grünen Insel an einem Bach in eine graue Gasse Wiens. Von einer kleinen, menschlich überschaubaren, begehbaren oder mit dem Rad, wenn man sich eines leisten konnte, befahrbaren Stadt, in die Großstadt. Albert Schweitzer sagte, dass alles Böse dort herkomme. Ergänzend meine ich, dass auch das Böse und Schlechte davon angezogen wird. (...)

Die Tante meines Vaters, die jüngste Schwester seines Vaters, die auch Josefine getauft worden war und, da sie unverheiratet, also ledig war (wessen ledig war sie eigentlich?), hieß sie auch Neusiedler, wohnte in Wien in der Pazmanitengasse 14 auf Zimmer/Küche, Wasser am Gang, mit ihrem Sohn Heinrich. Irgendwann 1938 erfuhren meine Eltern von dieser Tante, dass eine Wohnung auf dem gleichen Stockwerk, auf dem sie wohnte, frei geworden war. Meine Eltern bewarben sich darum. Mein Vater hatte eine Zusage für einen Arbeitsplatz bei Steyr, wenn er eine Wohnung in Wien nachweisen konnte. So bekam er sie. Die Arbeitsstelle bekam er aber erst, als er der Nazipartei betrat. Das tat er. (...)

Das Haus, das es noch gibt, hatte vier Stockwerke und bestand aus zwei Stiegen, der ersten, der „besseren“ und der zweiten, wo wir, im Mezzanin auf Türnummer 18, wohnten. Beide Stiegen waren getrennt durch einen mit Granitsteinen gepflasterten Hof, welcher durch eine breite Einfahrt, die zur Zeit des Hausbaues noch nötig gewesen war, damit schwere Pferdefuhrwerke in den Hof einfahren konnten, zu erreichen war. Von der zweiten Stiege kam man über einen schmalen Gang in einen weiteren Hof, einen Garten mit Blumen, Fliederbüschen und einem Feigenbaum. Von unseren Zimmerfenstern blickten wir auf das grausliche holprige Granitpflaster, von den Fenstern der Tante schaute man in eine bunte Blumenwelt mit Schmetterlingen, Spatzen und natürlich einer Menge Tauben in den Gartenhof, von dem es nicht weiterging, er war mit Mauern gegen die Nebenhäuser abgetrennt. Dieser Garten bedeute für mich einfach: das Schöne. Er war aber fast nie zu betreten, nur wenn man Wäsche zum Trocknen aufhängte, gab es den Schlüssel von der Hausbesorgerin, der Frau Hartl. Ein Paradies, versperrt vom Schlüssel der Hausbesorgerin, bewacht, aber auch gepflegt von meiner Tante. (...) Dieser Garten war von Nebenhäusern durch eine früher einmal verputzt gewesene Ziegelmauer getrennt. So sieht es dort auch heute, im Jahr 2009, noch aus.

Garten

Das Tor zum Haus war groß, rundbogig und zweiflügelig. Links vom Haustor, zu welchem es einen großen und schweren Schlüssel, wie zu einer Burg gab, war das Obst- und Gemüsegeschäft der Familie Fichtenbauer. Die Fichtenbauers wohnten direkt hinter dem Geschäft in einer fensterlosen Wohnung, möglicherweise war es auch nur ein Raum. In Räumen an der rechten Seite des Tores hatte Frau Musch eine Schirmerzeugung. Sie reparierte auch Schirme, und das war damals gar kein schlechtes Geschäft. An Frau Musch erinnere ich mich – natürlich aus viel späterer Zeit – als eine elegant gekleidete Dame, welche immer einen Hut trug, immer geschminkt war und nie in Wiener Mundart sprach. Wahrscheinlich war sie auch eine Deutsche, wobei wir alle Deutsche „geworden wurden“ in dieser Zeit. In der Sprache der damaligen Zeit war sie vermutlich eine Reichsdeutsche aus dem Altreich. So also sprach man damals, wenn man richtig sprechen wollte.

Über die ganze Länge des Fichtenbauer-Geschäftes war ein Sonnenschutz, heute Markise genannt, gespannt. Mittels einer Handkurbel, Zahnrädern und kompliziertem Gestänge wurde dieser Sonnenschutz, je nach Bedarf, mehr oder weniger ausgefahren. Da die Waren auf dem Gehsteig angeboten wurden, diente die Markise auch als Regenschutz.

 Auch diese Erinnerungen stammen aus späteren Jahren. Sie sollen nur dazu dienen, eine Vorstellung des Wohnhauses zu geben. Weitere Erinnerungen aber stammen schon aus frühester Kindheit, die folgende wahrscheinlich aus dem Jahre 1943. Als ich nach dem Krieg mit meiner Mutter in den Keller ging, um Kohlen zu holen, fiel mir ein kleiner, wie frisch gemauerter Durchgang in der dicken Mauer auf. Ich fragte, wo es da hinginge. Das wäre der Gang zum Luftschutzkeller, meinte sie. Und da kam eine Erinnerung. Eine Erinnerung, Bilder ohne Farben, eine Erinnerung verbunden mit schlechter, muffiger Luft – Gerüche bleiben ja oft im Gedächtnis – Gerüche, aber auch Bilder, Szenen, welche ich oft wie einen Film ablaufen lassen kann, habe ich aus früher Kindheit noch im Gedächtnis. Da kam mir eine Erinnerung an einen Tag, den wir in diesem Luftschutzkeller verbracht hatten. Meine Mutter und ich. Der Kellergeruch holte die Bilder aus dem Gedächtnis in die Jetztwelt. Der Raum war hoch, für mich unabschätzbar hoch, die Decke habe ich nicht Erinnerung. Sie war für mich nicht zu sehen. Die Wände waren aus Ziegeln, unverputzt, feucht. Überall waren weiße Ausblühungen an den Wänden. Warmes Licht gab es von Petroleumlampen, auch Kerzen brannten. Aber schon in geringer Entfernung hatte das Licht dieser Flammen keine Kraft mehr, und das war der Grund, scheint es mir heute, dass keine Farben zu sehen waren, nur hellgraue Gesichter. Frauengesichter meist, alle mit Kopftüchern eingerahmt. Längliche Köpfe wuchsen übergangslos aus dunklen, fast gleich geformten Körpern: kugelig, dunkel, kaum sichtbar. Alle saßen auf Holzbänken, die an den Kellerwänden aufgestellt waren. Jeder hatte Gepäck mit: Koffer, verschnürte Kartons. Und es war still. Still, wie es in Kirchen still ist, bevor die Messe beginnt. Nicht lautlos, feierlich still eben, erwartungsvoll still. Wenn jemand sprach, dann ganz leise, wie um nicht zu stören. Aber wen sollte man stören? Und wobei?

Das war mir aufgefallen und auch der Geruch, besser vielleicht die schlechte Luft. Ich meinte, nicht richtig atmen zu können in dieser Luft. Diese Luft, dieser Geruch ängstigten mich. Nicht der Keller, nicht die Dunkelheit, nein, die muffige, schwer zu atmende Luft erzeugten Angst. Und diese Luft hatte jetzt die gleiche Wirkung wie damals, als ich mit der Mutter im Keller war, viele Jahre später. Und ich ging auch später immer nur mit Widerwillen, Ängstlichkeit und nur wenn ich unbedingt musste, die gewundene Steintreppe hinab in die Feuchte des Kellers mit seinem Naturboden aus lehmigem Sand. (...)

Wie ich von Fotos erkenne, gab es auch Weihnachtsfeiern in der Pazmanitengasse. Auf einem ist mein Vater – beinahe – zu sehen. Wie ich seinem Tagebuch entnehme, war dies 1942. Da kam er am 6. Dezember direkt von der Ostfront vor Stalingrad zu uns. Wie er dann nach dem Krieg erzählte, fragte sein Spieß (sein Vorgesetzter beim Militär) wie viele Kinder er habe, da war nur ich; sein Kamerad hatte drei. Also fuhr Vater vor Weihnachten, der Kamerad – sollte – zu Weihnachten fahren. Dazu kam es nicht mehr, denn da war der Kessel um Stalingrad zu. Es gab keine Flüge mehr aus dieser Stadt. Das war Vaters erster Schutzengel.

Der zweite wartete auf ihn einige Tage später bei der Rückfahrt zur Front am Nordbahnhof. Dort waren Massen von Soldaten. Es dauerte Stunden, bis er zur Registrierung kam. Da war sein Zug – Gott sei Dank – schon abgefahren. Er müsse morgen wiederkommen, sagte der zuständige Unteroffizier. Und er kam am nächsten Tag wieder, doch diesmal absichtlich zu spät, denn der Diensthabende, ein Neunkirchner, hatte angedeutet, dass es besser wäre, möglichst spät zu kommen, denn in Stalingrad „tue sich etwas!“. Wieder holte sich mein Vater den Stempel in seinen Urlaubsschein, dass er mit dem Zug wegen Überfüllung nicht mitkonnte. „Aber das ist das letzte Mal“, sagte ihm sein Gönner. Dann zwinkerte er ihm zu und sagte: „Aber ich glaube, du hast es geschafft.“ Da zwinkerte der Schutzengel auch, und Vater verbrachte noch eine Nacht zu Hause, in der Pazmanitengasse, die bloß fünf Minuten entfernt ist vom Nordbahnhof.

Nächsten Tag ging es dann Richtung Russland, wie man die Sowjetunion in der Umgangssprache nannte. Aber nach Stalingrad ging kein Flugzeug mehr. Kein Soldat kam mehr hinein und schon gar keiner mehr heraus. Von seinem Kameraden mit den drei Kindern und all den anderen hat er nie wieder etwas gehört.

An diesen Besuch meines Vaters erinnert nicht nur ein verpatztes Foto, sondern es gibt auch eine Erinnerung, wahrscheinlich die früheste in meinem Leben überhaupt, die mir gewärtig geblieben ist. Ich sehe ihn auf dem Sessel in der Küche sitzen. Auf dem Sessel hängt sein Kapperl, ein „Schifferl“, wie das hieß. Und immer dachte ich nach, wann das hätte gewesen sein können. Erst als ich sein Tagebuch entziffern konnte, in dem diese Tage im Jahr 1942 angeführt waren, konnte ich den Zeitpunkt genau bestimmen. Ich war damals noch keine zwei (!) Jahre alt und bin jetzt selbst überrascht, als ich dieses Datum genau und verlässlich eingrenzen konnte.

Mutter erzählte von diesem Weihnachtsurlaub meines Vaters folgende Geschichte: Wir gingen durch die dunkle Einfahrt unseres Wohnhauses zum Haustor, da kam mein Vater mit einem schweren Rucksack eben durchs Tor. Mutter sagte mir, dass dies Pappa wäre. Er hob mich vom Boden auf, der schwere Rucksack zog ihn zurück. Er fiel auf den Rücken, mich in den Armen haltend. Daran jedoch habe ich keine Erinnerung. Doch den Karabiner auf dem Sessel, auf diesem ein Soldat sitzend, dieses Bild habe ich bis heute behalten. (...)

Cover
Informationen zum Artikel:

Ein Haus in der Leopoldstadt

Verfasst von Herbert-Ernst Neusiedler

Auf MSG publiziert im Dezember 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 2. Bezirk, Pazmanitengasse 14
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

aus: Herbert-Ernst Neusiedler (2009): Zeitenbrücken. Von Sternschnuppen, Schutzengeln und dem Christkindl, S. 10-20.

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