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"Wandervögel" I: Brottrager und Umtrager

von Anton Pillgruber

Es war schon ein buntes Völkchen, das seinerzeit, als ich noch ein kleiner Knirps war, durch die Gegend zog. Es waren Leute die ihren kargen Lebensunterhalt damit verdienten, indem sie der Bevölkerung ihre Dienste anboten. Diese Angebote waren von vielfältiger Art, aber immer darauf ausgelegt, ein bescheidenes Dasein auf dieser Welt zu fristen.

Einer von denen war der „Brottrager-Franzl“. Der ging Tag für Tag mit einem aus Weidenruten geflochtenen Buckelkorb, gefüllt mit verschiedenen Brotsorten, von Haus zu Haus und bot im Auftrag eines Bäckermeisters das frisch gebackene Brot an. Der Korb war oben mit einer Plane abgedeckt, damit das Backwerk an Regentagen nicht naß wurde, und bei schönem Wetter hätte es Strutzen, Laiben, Schusterlaiberln, Semmeln und Weckerln auch nicht gut getan, wenn sie von der Sonne ausgetrocknet worden wären.

Die Traggurte dieses Korbes waren aus starkem Material und sehr breit, damit sie den Träger nicht zu sehr in die Schultern drückten. Zu uns kam er jede Woche einmal, immer am selben Tag und in etwa zur gleichen Zeit. Man brauchte also an diesem Tag nicht zum Bäcker laufen, um Brot zu holen. Viel kaufte man ja nicht zu, weil speziell bei den Bauern das Brot ja selber gebacken wurde. Am meisten gebraucht wurden ein oder zwei weiße Strutzen zum Backen der Pofesen. Bei uns nannte man sie Zwetschkenpofesen, wahrscheinlich, weil sie mit Zwetschkenmarmelade gefüllt wurden, bevor sie die Köchin in die Schmalzpfanne legte.

Mit so einem Pofesen-Strutzen hatte ich einmal eine Panne. Ich wuchs damals bei meiner Tante auf. Die Schwester der Tante war die Bäckermeisterin.

Eines Tages – es war kein „Brottrager-Tag“ – schickte mich die Tante um so einen Strutzen. Aber nicht zu ihrer Schwester, sondern zum Krämer, der ein paar Häuser weiter neben der Bäckerei seinen Laden hatte. Der führte in seinem Geschäft das Brot von einem Konkurrenten aus einem Nachbarort. Von diesem Bäcker wollte die Tante ihren Strutzen haben, weil der in der Struktur etwas fester war. Er ließ sich daher besser in dünne Scheiben schneiden, wie man sie eben für die Pofesen brauchte.

Der Krämer hatte keinen solchen Strutzen mehr, als ich hinkam. Ich ging daher seelenruhig zur Schwester der Tante, verlangte von der Bäckerin einen weißen Strutzen und fügte hinzu: „Der muß aber vom Moser-Bäck sein“, denn so hieß der Konkurrent. Einen solchen hatte die natürlich nicht, also gab sie mir einen aus ihrer Bäckerei.

Das Ganze hatte dann am Sonntag nach der Kirchzeit ein Nachspiel zwischen den beiden Schwestern, bei dem letztendlich ich wieder einmal zum Sündenbock gestempelt worden bin.

Ein anderer von diesen Wandervögeln war der „Umtrager-Anselm“. Der kam „alle heiligen Zeiten“ einmal zu uns. Der Anselm war ein großer Mensch, hatte demnach einen großen Kopf mit einer – sagen wir „Zwei-Drittel-Glatze“. Haare hatte er nur hintenherum von einem Ohr zum anderen. Das verlieh ihm ein etwas sonderbares Aussehen. Zudem hatte er einen breiten Mund und kräftige Zähne. Dieses Mundwerk wußte er sehr wohl zu benutzen, wenn es darum ging, die in seinem Bauchladen mitgeführte Ware an den Mann oder an die Frau zu bringen.

A propos Bauchladen: Der Anselm hatte zu seiner Körpergröße auch einen ansehnlichen „Vorbau“, der sich von seiner Figur nach vorne abhob. Auf dieser Wölbung saß der Laden auf, der von einem Tragegurt gehalten wurde, der dem Mann über Schultern und Rücken lief. Wenn er so des Weges kam, mit seinem etwas watscheligen Entengang, war er wirklich ulkig anzusehen.

Mich interessierte in erster Linie gar nicht so sehr der Mann, sondern der Inhalt seines „Geschäfts“. Was gab es da nicht alles zu sehen? Hosenträger, Schuhbandln in verschiedenen Längen, Kämme, Zwirn und Nadeln, Seifen. „A bissel an Parföh hätt i a, daß d’ guat schmöckst“, sagte er. Das war mehr für die holde Weiblichkeit und bei den einfachen Leuten damals unüblich. Kann schon sein, daß sich manchmal ein Maidlein so ein Fläschchen gekauft hat und sich dann doch nicht getraut hat, diese „Lotion“ ins Gesicht zu schmieren.

Wir hatten damals eine junge Magd, die ein solches „Glaserl“ erwarb. Sie stellte es in ihren Kasten und schnupperte daran, wenn ihr danach zumute war. Gerade diesem Dirndl pries der Anselm eines Tages noch etwas an, das ich nicht sehen sollte. Er ging mit ihr in die Stubenecke und wollte ihr dieses Etwas zeigen. Da kam ihm aber die Tante dazwischen und schimpfte ihn einen Spitzbuben und Lumpen, worauf aus der ganzen Vorführung nichts wurde. Ich stand daneben und platzte fast vor Neugierde.

Als der Anselm dann weg war, habe ich versucht, aus der Dirn was herauszukriegen. Da war aber auch nichts zu erfahren. Jahre später kam ich dann schon drauf, was das gewesen sein muss. Es waren diese Dinger, die damals schon junge Leute gern gehabt hätten, um zu verhindern, daß gleich Nachwuchs kam, wenn Bursch und Dirndl gemeinsam zum Liegen kamen. Das war damals bei den Alten total verpönt.

Erstens durfte es nicht sein, daß dieses junge Gfickert beieinander schlief, drum brauchten sie, zweitens, auch diese Dinger gar nicht. Daß sie, die Alten, selber sich dieser Dinger bedienten, sagten sie ja nicht. Es war zu der Zeit auch schwierig, an sie heranzukommen. Wer hätte sich dazumal als einfacher Mensch getraut, in eine Apotheke zu gehen und eine Packung Verhüterle zu verlangen? Heut ist das alles anders. Die Ministerin verteilt sie im Schulhof, so wie früher vielleicht Zuckerln verteilt wurden.

Informationen zum Artikel:

"Wandervögel" I: Brottrager und Umtrager

Verfasst von Anton Pillgruber

Auf MSG publiziert im Februar 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Tennengau
  • Zeit: 1930er Jahre

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