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"Wandervögel" II: Der Kapellenmann

von Anton Pillgruber

Jedes Jahr ist er einmal zu uns gekommen, der „Kapellenmann“ – die Leute nannten ihn so, weil er eine Kapelle mit sich herumtrug. Klingt fast unglaubwürdig, aber es war so. Der Mann trug eine Kapelle auf seinen Schultern und wanderte mit ihr von Haus zu Haus.

Diese Kapelle war natürlich kein gemauertes Objekt und sie war auch nicht irgendeine Holzkonstruktion. Ein solches Gebilde hätte der Mann, der von nicht allzu großem Wuchs war und an dem man auch sonst keine Bärenkräfte erkennen konnte, gar nicht „derzahn“, das heißt tragen, können.

Nein, dieses Ding bestand aus einem etwa 40 Zentimeter langen Rundholz, etwa 10 Zentimeter stark. Am unteren Ende war ein Kreuz befestigt, wie sie auch als Christbaumständer verwendet wurden und zum Teil heute noch im Gebrauch sind, damit das „Bauwerk“ auf festen Füßen stehen konnte. Auf diesem „Fuß“ war dann der Aufbau drauf. Das Gerüst bestand aus einem leichten Drahtgeflecht und war mit irgendeiner Leinwand überspannt (Plastik gab es damals ja noch nicht). Die ganze Konstruktion hatte die Form einer Birne, unten breit und nach oben auf eine Spitze zu verlaufend, auf die der Mann bei Bedarf ein Kreuz stecken konnte. Auf einer Seite war eine Tür, durch die man ins Innere dieses „Bauwerkes“ schauen konnte. Die Außenfläche war überpickt mit religiösen Symbolen, Heiligenbildern und dergleichen. Und mit dieser komischen Kapelle kam er auch zu uns.

Mir fiel damals auf, daß er immer am Abend zu uns kam und dann bei uns übernachtete. Außerdem konnte er beim Abendessen kräftig mithalten. Ich erinnere mich, daß der Kerl essen konnte wie ein Holzknecht. Er schien überhaupt nicht satt zu werden. Die Teller und Reindln hätte er meiner Beobachtung nach am liebsten alle mit der Zunge ausgeschleckt. Nach dem Essen hat er sich dann auf seine Weise für die gute Bewirtung und für die Schlafgelegenheit bedankt. Er veranstaltete so etwas wie eine religiöse Feier.

Erst einmal öffnete er das Türl der Kapelle und steckte auf den ins Innere ragenden Holzfuß eine brennende Kerze. Dann holte er aus seinem Seesack (oder wie man diesen Stoffbeutel auch nennen will) einen Weihrauchkessel heraus, entnahm aus dem Ofen ein paar glühende Kohlen, und streute ein wenig Weihrauch drauf. Dann ging die Zeremonie los. Den Weihrauchkessel schwingend, hüpfte und tanzte er um seine Kapelle herum. sang dazu geistliche Lieder, Psalter oder Psalmen. Der Weihrauch ließ die ohnehin nur mit einer achtlinigen Petroleumlampe beleuchtete Bauerstube noch düsterer erscheinen, und in der Mitte der Stube stand die von innen her mit einer Kerze erleuchtete Kapelle.

Mich mutete das Ganze an wie ein Kasperltheater an, und ich hatte fast ein wenig Angst davor. In meinem Alter, wo ich gerade das Schulgehen angefangen habe, glaubte ich, daß solche religiösen „Spiele“ nur in der Kirche und dort nur vom Pfarrer aufgeführt werden dürfen. Wo dieser Mann seine Gebetln und Liedchen gelernt hat, weiß ich nicht. Vielleicht war er ein armer Student, der das nötige Kleingeld für sein weiteres Studium nicht hatte. Oder er war vielleicht ein harmloser Scharlatan, der sich auf diese Art und Weise durch sein karges Leben wurstelte, solange er seine „Heilige Kraxn“ derschleppen konnte.

Es war schon ein buntes Völkchen, das seinerzeit, als ich noch ein kleiner Knirps war, durch die Gegend zog. Es waren Leute die ihren kargen Lebensunterhalt damit verdienten, indem sie der Bevölkerung ihre Dienste anboten. Diese Angebote waren von vielfältiger Art, aber immer darauf ausgelegt, ein bescheidenes Dasein auf dieser Welt zu fristen.

Die Lebensabläufe dieser Mitmenschen konnte ich in meinem damaligen Alter nicht erfassen oder begreifen. Es kam mir auch gar nicht in den Sinn, darüber nachzudenken. Ich hätte es so oder so nicht verstanden. Ich glaubte halt, daß diese Dinge zum Leben dazugehörten.

Nach dem sogenannten Aufbruch oder – so man will – Ausbruch in das Tausendjährige Reich, das dann nur sieben Jahre gedauert hat, sind diese Menschen schlagartig von der Bildfläche verschwunden. Was mit ihnen geschehen ist? Wer konnte das damals sagen, wer kann es heute? Vielleicht hat sich der eine oder andere integrieren lassen. So mancher aber ist wahrscheinlich jenen Weg gegangen oder, besser gesagt, hat ihn gehen müssen, aus dem es kein Entrinnen mehr gab.

Nach meiner persönlichen Meinung – aus heutiger Sicht – ist damals ein Stück ländliche Kultur zugrunde gegangen. Sie haben einfach dazugehört, diese Pfannenflicker, Messer- und Scherenschleifer, Regenschirmreparierer und wie sie alle geheißen haben, selbstredend auch unser Kapellenmann.

Einer von ihnen ist nach dem Krieg noch einmal gekommen. Das war der Nähmaschinen-Herrichter. Man hat ihn an die Maschine rangelassen, wenn sie auch noch funktioniert hat. Er hat sie auseinandergenommen, vom Staub gesäubert, hat sie fein säuberlich geölt und wieder zusammengebaut. Ich hab mir das deshalb so gut gemerkt, weil er erzählte, daß es im Innergebirg Leute gäbe, die mit ihren Skiern bis zu hundert Meter weit durch die Luft flogen. Das konnte ich damals einfach nicht glauben. Es war die Zeit des Bubi Bradl, und das war also nicht gelogen. Er gehörte auch zu denen, die – nach unseren damaligen Begriffen – weit gereiste Leute waren, wenn sie auch beispielsweise nur vom Tennengau ins Innergebirg gekommen sind. Aber sie haben Neuigkeiten mitgebracht, von denen man damals nur ganz schwer oder gar nicht erfahren hätte.

Es gab im ländlichen Bereich ganz wenige Zeitungen, und jene, die es gegeben hat, konnten sich viele nicht leisten. Auch wurde zum Teil die Meinung vertreten, daß Lesen nur den Charakter verdirbt. Es wird dabei allzu leicht auf die Arbeit vergessen, und abends beim Licht lesen – da war es um das Petroleum schade! Radio, Fernseher usw. kannte man nicht einmal dem Namen nach. Und das Telefon? Ja, das hatte auch so seine Schwachstellen. Wollte man von unserem kleinen Bergdorf in die nächste Bezirkshauptstadt anrufen, mußte man das Gespräch zuerst anmelden. Hatte man Pech, konnte es bis zu einer halben Stunde dauern, bis die Verbindung hergestellt war. Heute kann man, wenn man will, vom Bett aus innerhalb von Sekunden eine Verbindung, meinetwegen bis Kapstadt, herstellen. So war es früher, so ist es heute.

Jetzt möchte aber noch einmal zu meinen „Wandervögeln“ zurückkommen. Wie gesagt, sie waren die Neuigkeitsbringer, fast Boten aus einer anderen Welt. Sie waren gesprächige Gesellen, haben in den aller-, allerseltensten Fällen etwas Böses angestellt, wohl auch deshalb, weil sie sich dann in der ganzen Gegend nicht mehr hätten blicken lassen können.

Ob alles, was sie da erzählt haben, den Wahrheitstest bestanden hätte? Manch einer wird schon ein wenig geflunkert haben, es war ja nicht kontrollierbar. Aber ich hab manchmal das Gefühl gehabt, daß es den Menschen damals in erster Linie gar nicht so sehr darum gegangen ist. Ihnen lag oft mehr daran, einmal einen Gesprächsstoff zu haben, der sich vom täglichen Einerlei wohltuend abhob. Wie schon gesagt, sie waren auf alle Fälle meist redegewandter als ein biederer Bauer oder gar ein Bauernknecht oder eine Dirn, die es in der Vorkriegszeit auch noch gab. Auf alle Fälle waren die meisten gern gesehene Gesellen, die ein bißchen Abwechslung in das sonst manchmal recht monotone Leben brachten.

Informationen zum Artikel:

"Wandervögel" II: Der Kapellenmann

Verfasst von Anton Pillgruber

Auf MSG publiziert im Februar 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Tennengau
  • Zeit: 1930er Jahre

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