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"Wandervögel" III: Die Ära der Denunzianten

von Anton Pillgruber

Am Anfang des „Tausendjährigen“ und letztlich nur siebenjährigen Reiches tauchten dann andere Gestalten auf als die früheren Herumzieher. Ich erinnere mich da an einen Mann, der war ein harmloser Bauernknecht, hat so recht und schlecht seinen „Job“ gemacht und ist auch sonst nie sonderlich aufgefallen. Mir fiel nur auf, daß er einen etwas doofen Blick hatte.

Da war einmal eine Parteiversammlung, die wurde auf dem Kirchplatz und während des Gottesdienstes abgehalten. Als wir aus der Kirche kamen, hielt ein Parteigenosse gerade eine Brandrede, mit Durchhalteparolen an die „Heimatfront“ und dergleichen mehr. Das war schon die Zeit, als das Wasser für die Bonzen immer höher stieg. Ja, und wen seh ich da? Das ehemalige Bauernknechtl, flott geschalt in einer braunen Uniform, mit Leibriemen, Kappl, am Arm die Binde mit dem „mißbrauchten Kreuz“. „Ein flotter Mann“, dachte ich mir, „jetzt hat er wenigstens a gscheits Gwandl, was er sich als Knecht nie hat leisten können.“ Nur eines war ihm geblieben, das war sein doofes G’schau (wofür er ja eigentlich nichts konnte).

Aber etwas anderes wunderte mich: Wieso stolzierte der Kerl da mit seinen glänzenden Stiefeln „umadum“, gesund und stark und Angehöriger einer noch jüngeren Generation, derweil Familienväter sich draußen an der Front durch den Dreck wühlen müssen? Hinterher hab ich dann erfahren, daß der Mann brandgefährlich sei, und jeden ans Messer lieferte, der nicht mit dem System konform ging. Da ging mir zum ersten Mal schon als Bub ein Licht auf. Man schließt sich einem Rudel an, heult noch um ein paar Nuancen stärker, damit man gehört und gesehen wird, liefert über Denunzierung oder dergleichen ein paar Proben ab, und schon steht man auf einer Leiter, auf der es scheinbar nur nach oben gehen kann. Die Gefahr besteht nur noch darin, daß die Holme und Sprossen der Leiter morsch und brüchig werden können und es zu einem Absturz kommt.

So ist es wahrscheinlich auch dem Knechtl ergangen. Als der Krieg aus war, ist er genauso von der Bildfläche verschwunden, wie sieben Jahre zuvor unsere liebgewordenen Wandergesellen. Ich glaube aber nicht, daß er auf irgendeinem Scheiterhaufen geopfert wurde, so wie er es seinerzeit vielleicht gehandhabt hätte, wenn er überall freie Hand gehabt hätte.

Ich schreibe das nicht von ungefähr, ich schreibe das auf Grund einer von mir hautnah erlebten Begebenheit. Es lebte in unserer Gemeinde auch noch ein anderer Knecht, der auf Grund einer geistigen Behinderung nicht kriegstauglich war und bei einem Bauern in Dienst stand. Und ausgerechnet auf diesem Bauernhof hat die Frau eines „Funktionärs“ ihre „Sommerfrische“ (damals nannte man das so) verbracht. Da gelüstete es dem Hartl, so hieß der Knecht, als die Leute vom Mittagessen aufstanden und er ganz nahe an der „Madame“ vorbeikam, ihr mit der Hand über den Funktionärshintern zu fahren. Mit dieser „Freveltat“ hat er wahrscheinlich sein Leben verwirkt. Diese Frau hat den Vorfall sicherlich an der geeigneten Stelle gemeldet.

Es war wieder ein Sonntag. Ich ging mit den anderen Leuten aus der Kirche. Ein paar Schritte vor mir ging der Hartl auch auf den Friedhofsausgang zu. Da hörte ich gerade noch, wie ein Mann sagte: „Das ist er …“, so wie der Judas am Ölberg. Und schon waren ein paar kräftige Männer da, die dem Hartl die Arme auf den Rücken drehten, ihm Handschellen anlegten und ihn zu einem am Dorfplatz wartenden Wagen schoben. Dort stießen sie ihn hinein und fuhren mit ihm davon.  Das ging alles so schnell, dass gar nicht alle Leute, die am Kirchplatz standen, das mitgekriegt hatten.

Vom Hartl hat niemand mehr etwas gesehen oder gehört. Für brave System-Anhänger war sein Dasein sowieso „unwertes Leben“, das eliminiert gehört, damit dereinst eine Rasse die Welt beherrschen soll, die ihren Vorstellungen entsprach. Ob das braune Knechtl mit diesem Fall etwas zu tun gehabt hat, war nicht nachvollziehbar. Die Menschen von damals haben zu solchen Vorfällen sowieso geschwiegen. Zu leicht wäre es vorgekommen, daß irgendwo so ein „Zeiserlwagen“ gestanden und man zu einer unfreiwilligen Fahrt, womöglich ohne Wiederkehr mitgenommen worden wäre.

Weil ich mit meiner Schreiberei gerade in diesem Zeitalter drin bin, kommt mir noch eine andere Begebenheit in den Sinn, die unter Umständen ganz schlimm hätte enden können:

Da trafen sich eines Abends ganz zufällig fünf Fronturlauber aus dem Russlandfeldzug beim Dorfwirt, da kam noch ein sechster dazu, der in einer Garnison in einer entfernteren Großstadt seinen Militärdienst machte. Alkoholika, im besonderen ein Schnäpslein, waren damals sehr schwer zu haben, aber die Wirtin hatte etwas in ihrem Geheimlager und wartete mit einigen kräftigen Kostproben auf. Die Folge war, daß die Männer immer lustiger wurden, vielleicht auch, um ihren Frust einmal auf kurze Zeit abzutöten.

Es war die Zeit kurz vor der Schlacht bei Stalingrad. Mit dem „Endsieg“ schaute es schon nicht mehr so rosig aus. Kurz und gut, sie hatten einfach ein klein wenig eine Gaudi unter Kameraden. Bis einer das Bild des „Gröfaz“ (des "Größten Feldherrn aller Zeiten") an der Wand hängen sah. Da nahm er das Bildl von der Wand, und die Urlauber veranstalteten eine Art Prozession zum Eiskasten des Wirtshauses. „Wenn wir schon frieren müssen“, sagten sie, „so soll er auch was davon zu spüren kriegen.“ Einer kam dann auf die Idee, daß es ihm da noch zu wenig kalt sein könnte. Also nahmen sie das Konterfei und trugen es vor das Wirtshaus, wo sie es in den Schnee steckten. Irgendwann wird die Wirtin das Bild schon wieder hereingetragen haben.

Ein paar Tage nach dieser „Feier“ wurden alle in das nächste Kreisgericht beordert. Begleitet wurden sie dorthin vom damaligen Postenkommandanten. Der war Gott sei Dank kein „Leutefresser“, sondern ein Menschenfreund. Was sich dann am Gericht abgespielt hat, kann ich nur nacherzählen, wie es mir einer der Beteiligten von damals erzählt hat, der nach Kriegsende Gott sei Dank wieder heil und gesund heimgekommen ist.

Der Richter hatte schon seine liebe Not bei der Feststellung der Personalien. Gefragt nach seinem Namen, sagte einer gleich, er sei der Hochberger Franz. Bei der Durchsicht der Wehrpässe fand der Richter aber keinen solchen Namen. Nicht besser erging es ihm mit den anderen Vorgeladenen. So ging das ein wenig hin und her, bis der Postenkommandant den Gesetzeshüter dahingehend aufklärte, daß im ländlichen Bereich die Menschen nicht nach ihrem Schreibnamen gerufen werden, sondern nach dem Namen des Hofes, von wo der Einzelne eben herstammte.

Keine Schwierigkeiten gab es mit dem Namen des Garnisonssoldaten aus dem Hinterland, der zudem auch ein braver Gefolgsmann und Parteisoldat war. Es stellte sich bald heraus, daß er derjenige war, der „in treuer Pflichterfüllung“ seine Kameraden verpfiffen hatte. Das hatte der Richter, der sehr wahrscheinlich auch ein Menschenfreund war, rechtzeitig erkannt, und so ließ er die ganze Angelegenheit im Sand verlaufen.

Aber es hätte ins Auge gehen können: „Führerbeleidigung“ „Wehrkraftzersetzung“ und wie diese Wortgebilde alle hießen. Dem Herrn sei gedankt, daß alle damals Beteiligten wieder heimgekehrt sind - auch der ehemalige Garnisons- und Parteisoldat. Er hat sich damals durch sein Judasgehaben zum Verfemten gemacht, und das ist er auch geblieben, solange er lebte. Irgendwo hat er dann eine Arbeit gekriegt, mit der er seine Existenz fristen konnte. Eine Koryphäe war er bei der Arbeit nie, deshalb mußte er damit zufrieden sein, was ihm da angeboten worden ist.

Ein Umstand ist mir schon damals aufgefallen: Gerade etwas weniger, sagen wir, „kreative“ Menschen haben versucht, sich an dem Seil, das dieses System geboten hat, hochzuhanteln. Dazu war manchen von ihnen jedes Mittel recht – auch eine Tat, um es bildhaft zu sagen, für ein paar verfluchte Silberlinge. Daß Mitmenschen dadurch zu Schaden kamen, haben sie dafür wahrscheinlich in Kauf Genommen.

So, und jetzt mache ich Schluß mit meiner Schreiberei. Angefangen habe ich mit dem Kapellenmann und zum Schluß sind mir die Denunzianten in die Quere gekommen. Aber es waren alles Menschen, die gelebt haben, als ich auch schon da war. Wird man dann älter und die körperliche Leistungsfähigkeit naturgemäß reduziert, dann kommt halt manchmal die Vergangenheit daher und meldet sich zu Wort.

Ich habe das Glück, daß ich in meinem Alter noch ein bißchen lernen durfte, mit dem Computer umzugehen. Diesen Umstand habe ich in erster Linie einer Frau zu verdanken, die jetzt meine Gefährtin ist, nachdem meine Gattin schon sehr früh hat sterben müssen. Dieser Frau will ich an dieser Stelle ein wirklich von Herzen kommendes Dankeschön sagen!

Informationen zum Artikel:

"Wandervögel" III: Die Ära der Denunzianten

Verfasst von Anton Pillgruber

Auf MSG publiziert im Februar 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Tennengau
  • Zeit: 1940er Jahre

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