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Der Sensenschmied

von Erika Schleich

"Jetzt müsste er bald kommen", hörte ich Vater eines Abends sagen. Und ich wusste auch gleich, wen er meinte: Engelbert Schifferhuber.

Das war ein Name, den ich seit den letzten Jahren nicht vergessen hatte. Ich wusste niemanden, der Engelbert hieß, und Schifferhuber war auch kein gebräuchlicher Name in unserer Gegend.

Er kam von Niederösterreich, genau genommen aus Waidhofen an der Ybbs. Dort hatte er als Sensenschmied gearbeitet, doch jetzt war er schon in Pension. Eigentlich gehörte er jeden Sommer einige Wochen zu unserem Haus. Ich wusste aus seinen früheren Erzählungen, dass er zu Fuß über die Berge ging. Im Mai etwa, wenn es warm genug war, im Freien zu übernachten, machte er sein Häuschen in Waidhofen dicht und zog los. Ende Juni oder Anfang Juli traf er bei uns ein. Und so sagte Vater wohl zu Recht: „Jetzt müsste er bald kommen.“

Er kam nicht die Straße entlang, nein – er trat eines Tages aus dem Wald, und da war er.

Wir hatten ihn erwartet, und dann war es doch eine Überraschung. Scheu betrachtete ich den Mann: eine lange, hagere Gestalt, einen aufgezwirbelten Schnurrbart, wache Augen. Er trug einen zerbeulten Hut, der mit seltenen, bunten Vogelfedern und einem Edelweiß geschmückt war, und einen Rucksack, der schon viel erlebt haben musste. Es war Sonntag und Vater war zu Hause. Sie begrüßten sich freudig.

alter Mann mit faltigem Gesicht, Schnauzbart, Hut, kurzer Lederhose, Pfeife in der Hand vor dem Fenster eines Holzhauses
Der Sensenschmied, unser alljährlicher Sommergast (1930er Jahre)

Wie ich wusste, hatten sie früher zusammen in einer Fabrik in der Obersteiermark gearbeitet. Aber es waren schlechte Zeiten damals, und die politische Situation war so, dass Vater es nicht mehr ertragen konnte. So ging er, ehe er ohnedies entlassen worden wäre, und bewirtschaftete nun dieses Stück Grund, das er kurz zuvor mit meiner Mutter zusammen gekauft hatte. Sie hätten beide gern noch etwas gespart, um ein besseres Haus zu haben, aber nun war es eben so, und das behelfsmäßige Blockhaus musste vorläufig ausreichen.

Engelbert Schifferhuber ging zugleich mit meinem Vater weg aus der Fabrik und zurück in seine Heimatstadt, wo er den erlernten Beruf Sensenschmied noch eine Weile ausüben konnte. Er versprach seinem Freund und Arbeitskollegen, ihn im nächsten oder übernächsten Jahr zu besuchen.

Nun kam er schon das vierte Mal. Er hatte auch etwas mitgebracht. Aus seinem Rucksack kam ein längliches schmales Etwas, sorgfältig in Papier verpackt, zum Vorschein, das sich als Sense erwies. Vater freute sich, prüfte die Schneide und lobte die kurze Ausführung. „Ja“, sagte Schifferhuber, „ich habe sie extra kurz gemacht für deine steilen Hänge.“

Mutter wollte er ein Stück von seinem Luftgeselchten geben, was sie aber nicht annahm. Er sagte, heuer sei er besonders gut und ganserlgelb. Ich wusste aber, dass Mutter diesen Speck nicht mochte. Er sei ranzig, hatte sie im vorigen Jahr gesagt. Sie bedankte sich höflich und meinte, Herr Schifferhuber würde seinen Speck schon noch selber brauchen. Jetzt aber könnte er mit uns essen, es gebe Eingemachtes vom Kaninchen. Das nahm er gerne an.

Bei Tisch unterhielten sich die Männer dann über Politik und sprachen besorgt davon, dass ein Krieg wahrscheinlich nicht mehr aufzuhalten sein würde. „Sei froh, dass du dieses Stück Grund hast“, meinte Herr Schifferhuber.

Später wollte er unseren Holzvorrat sehen, denn vor allem deshalb sei er ja gekommen, und Vater ging mit ihm in Richtung Wald.

Mutter bot ihm abends an, die Dachkammer für ihn zu richten, er aber sagte, er schlafe lieber im Heu, wie immer. Eine Decke nehme er gerne mit, sonst brauche er nichts.

In den nächsten Tagen und Wochen arbeitete er den ganzen Tag am Holzplatz, sägte, hackte, schlichtete die Scheite an die Hüttenwand. Dünnere Äste hackte er kurz und warf sie in Behälter aus Drahtgeflecht. Die ganz feinen Zweige band er zu Bündeln, wie sie in den Küchenherd passten. Ich bewunderte seine Fertigkeit, wie er die Bündel mit Birkenruten zusammenbinden konnte, ohne dass je eines aufging.

Gesprächig war unser Gast nicht. Er arbeitete den ganzen Tag vor sich hin, kam nur zum Essen herein. Einmal dengelte er fachmännisch Vaters Sensen und Sicheln, „für die zweite Mahd“, wie er sagte.

Für uns Kinder schnitzte er Pfeifchen aus Holunder-Ästen. Als er einmal längere Zeit an etwas bastelte, waren wir sehr neugierig. Es war ein Wasserrad, und er zeigte uns, wie wir es an dem kleinen Rinnsal unter dem Brunnen laufen lassen konnten.

Manchmal holte er mit einem Grashalm eine Grille aus ihrem Loch. Wie oft wir es auch selber versuchten, es gelang uns nicht.

Eines Abends sagte Herr Schifferhuber zu Vater: „Es wird wieder Zeit. Vielleicht ist es das letzte Mal. Sollte es wirklich Krieg geben, bleibe ich besser zu Hause. Sie haben mich diesmal schon aufgehalten und genau wissen wollen, wohin ich gehe. Schließlich mussten sie mir die Erklärung, ich mache eine Wanderung, abnehmen.“

Abends machte Mutter ein Jausenpaket für unterwegs, das er zusammen mit ein paar Frühäpfeln in seinem Rucksack verstaute. Dann verabschiedete er sich, denn er wollte beim ersten Vogelgesang schon unterwegs sein.

Im September, es war inzwischen der Krieg ausgebrochen, bekamen wir eine Postkarte: „Bin wieder daheim. Engelbert Schifferhuber.“

Informationen zum Artikel:

Der Sensenschmied

Verfasst von Erika Schleich

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Graz-Umland, Stattegg / Niederösterreich, Mostviertel, Waidhofen an der Ybbs
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag stammt aus einer Sammlung von Erzählungen, welche die Autorin im Jahr 2003 unter dem Titel "Ein Kind im Krieg" zusammengestellt hat.

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