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Kasperltheater

von Erika Schleich

An einem verregneten Frühsommertag saß ich in meinem kleinen Dachzimmer und nähte Puppenkleider. Fast war ich ja schon zu groß zum Puppenspielen, aber zum Glück hatte ich eine kleine Schwester, die es überflüssig fand, aus Stoffresten, Spitzen und Bändern immer neue Modelle entstehen zu lassen. Ein Kleid für jede Puppe reichte; sie konnten es auch untereinander tauschen. Nein, sie hatte nichts übrig für modischen Firlefanz. Sie kochte lieber.

Sie überließ mir ihre Lieblingspuppe zum Probieren eines neuen Dirndls und machte sich trotz Nieselregen auf den Weg, um „Erbsen“ zu pflücken, wie sie die Wickenschoten, die am Waldrand wuchsen, nannte. Ich wühlte in der alten Fleckkiste, fand auch ein Stück blaues Leinen, ein rot-weiß gestreiftes Bettzeugrestchen und – wie ein Wunder – einen himmelblauen Seidenstreifen, der hoffentlich groß genug für die Schürze war.

Ich war schon mitten im Zuschneiden, da hörte ich meine Schwester die Treppe heraufhüpfen. Sie ging nämlich nie: höchstens verkehrt. Sonst rannte, hüpfte oder trampelte sie. So stürzte sie auch jetzt zur Tür herein, ein Windstoß mit ihr, der das Fenster zuschlug und die Puppe, die sie dahin gesetzt hatte, in den Garten stürzen ließ. Erschrockenes Schweigen; dann sauste sie hinunter und ich hinterher. Tränen des Zornes liefen ihr über die Wangen. Sie ist hin. Sagte sie und hielt mir die Puppe entgegen, die nur noch einen halben Kopf hatte. Sie war genau auf die Steineinfassung des Blumenbeetes gefallen.

In diesem Augenblick kam eine Frau unter einem Regenschirm den Weg auf unser Haus zu. Ihr werdet ja ganz nass! Rief sie. Es war eine Verwandte von Nachbarn, die mit ihren Kindern jetzt hier wohnte, wie noch viele andere, die wegen der Bombenangriffe nicht mehr in der Stadt bleiben wollten.

„Oh weh! Die Puppe ist kaputt gegangen. lasst mal sehen.“ Sie hebt die anderen Teile des Kopfes auf. „Da ist wohl nichts mehr zu reparieren. Aber wartet, ich kenne da jemanden im Heimatwerk, vielleicht kann ich einen neuen Kopf bekommen.“ Sofort kam Leben in meine Schwester, denn wenn sie auch noch klein war, wusste sie doch: Eine neue Puppe gab es so gut wie gar nicht zu kaufen und auch einen Kopf zu bekommen war ein Glücksfall.

„Ist Edith da?“, fragte ich. Edith war ihre Tochter, ein Jahr jünger als ich. „Die Kinder sind schon heute früh mit Onkel Julius zu den Bienen gegangen“, sagte sie. Ediths Onkel war Imker und hatte seine Bienenvölker auf dem nahen Geierkogel. Von Zeit zu Zeit verlegte er ihren Standort. Für mich war es immer faszinierend, wie er mit den Bienen umging. Ohne Gesichtsschutz und mit nackten Armen hantierte er an den Stöcken und fast nie wurde er gestochen.

Mutter kam heraus und begrüßte den Besuch; dann sah sie die zerbrochene Puppe. „Ihr müsst aber auch alles ruinieren, wie ist das denn passiert?“ – „Aus dem Fenster gefallen, die dumme Gans“, sagte meine Schwester trotzig. Da mussten dann doch alle lachen und es wurde ausgemacht, dass ich mit Ediths Mutter morgen früh in die Stadt gehen solle, vielleicht fänden wir einen neuen Puppenkopf.

Früh am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg, Ediths Mutter, Edith und ich. Vor elf versprachen wir, wieder zu Hause zu sein, denn fast täglich gab es um die Mittagszeit Fliegeralarm.

Eine freundliche Dame begrüßte uns im Heimatwerk, führte uns herum und präsentierte die vorhandenen Schätze. Oh ja, einen Puppenkopf könnten wir schon bekommen, leider nur ohne Haare. Ediths Mutter sah mich fragend an. Die mache ich schon, ich habe noch etwas Flachs, sagte ich schnell, denn mein Interesse galt ganz anderen Dingen. In einer Vitrine waren Kasperltheater-Figuren ausgestellt. Viel zu lange war ich wahrscheinlich davor gestanden, denn die Dame vom Heimatwerk kam heran und fragte mich, ob ich einmal eine Figur ausprobieren wollte, und sie zeigte mir, wie man den Kasperl auf die Hand steckt. Schon sang er auch sein „Trari, trara, der Kasperl, der ist da“. Edith lachte und ihre Mutter fragte, ob ich den Kasperl gerne haben möchte. Das war mir nun gar nicht recht, denn ich dachte, Mutter hat mir nicht so viel Geld mitgegeben und ich wusste nicht, ob ich ein solches Geschenk annehmen dürfte.

Aber die freundliche Dame vom Heimatwerk meinte: „Weißt du was? Ich gebe dir einen Kasperlkopf als Draufgabe, weil die Puppe keine Haare hat und das Kostüm nähst du selber. Sieh es dir noch einmal gut an.“ Ich lief wohl rot an vor Freude und Verlegenheit, trotzdem prägte ich mir das Kostüm des Kasperls und auch der anderen Figuren genau ein. Ediths Mutter kaufte noch eine Prinzessin für Edith und meinte, wir könnten auf der Veranda ein Kasperltheater einrichten.

Es zeigte sich aber, dass Edith keine rechte Freude am Theaterspielen hatte; sie sah lieber zu. Sie konnte auch herzlich lachen über jeden Spaß und war so ein dankbares Publikum. Nur leider war mein Repertoire nicht groß und ich wünschte mir mehr Figuren.

drei Kinder in sommerlicher Kleidung sitzen auf einer Leiter und schauen gebannt in eine Richtung
Unser Publikum im Bann des Kaspers

Mein Vater meinte, die könnte man auch selber machen und zeigte mir, wie man Papiermaché herstellte. Der Nachbarjunge Alex und ich waren mit Begeisterung bei der Sache, wenn auch Mutter mit manch skeptischem Blick unser Tun verfolgte. Aber nach einigen misslungenen Versuchen brachten wir einen brauchbaren Kopf zustande. Es erforderte viel Geduld, bis das Papiermaché so trocken war, dass man es bemalen konnte. Schließlich war der erste Kopf bemalt, mit Haaren beklebt, und wir berieten, was wir ihm anziehen sollten. „Was soll er denn darstellen?“, fragte Mutter. Ich zuckte die Schultern, aber Alex hatte schon eine Idee. „Er sieht vielleicht am ehesten wie ein Bauer aus“, meinte er und wir stimmten zu. Er bekam ein weißes Hemd und einen blauen Schurz, und während ich nähte, war Alex intensiv mit der Bühne beschäftigt.

„Bist du endlich fertig?“, fragte er ungeduldig. „Ja“, sagte ich. „Ich auch.“ – „Na ja“, dachte ich, „was hat er denn schon groß zu tun.“

Als ich hinkam, sah ich, dass er einen Brunnen aufgebaut hatte mit einem geschnitzten Holztrog und einem Hahn, aus dem wirklich Wasser floss.

So wurde Alex mein Partner. Er erfand immer neue Dekorationen und einmal baute er eine wunderschöne Windmühle. „Der Bauer kann auch ein Müller sein“, bestimmte er. Und ich erfand ein Stück, in dem ein Müller, eine Prinzessin und der Kasperl vorkamen.

Mit dem nächsten Kopf, der uns gelang – es war eine Hexe –, musste ich ein neues Stück schreiben und Alex bastelte ein Hexenhaus. Sonst spielte er aber immerzu Krieg. Er hatte Soldaten und Kanonen, Flugzeuge und Panzer. Er baute Schützengräben und Bunker und wurde nicht müde, immer neue Schlachten zu schlagen. In den Geschichten, die wir im Kasperltheater spielten, kam niemals der Krieg vor, höchstens einer zwischen dem Kasperl und dem Krokodil.

Alex’ Mutter, die mit Besorgnis die Kriegsbegeisterung ihres Sohnes sah, war sehr froh über sein neues Interesse und unterstützte uns, wo sie konnte. Sie nähte Vorhänge für die Bühne, sie organisierte Stoffreste für neue Kostüme und sie machte Propaganda. Bald fanden sich die Kinder der ganzen Umgebung und oft auch die Mütter zu unseren Vorstellungen ein. Wir produzierten neue Figuren, Alex baute und malte und ich schrieb die Dialoge.

Gern hätten wir abends gespielt, Alex hatte schon eine Lichtanlage gebastelt. Aber das durften wir nicht, wegen der Luftschutz-Vorschriften. Es durfte draußen nichts beleuchtet sein.

Manchmal wurde ein Kopf nicht das, was wir geplant hatten, dann musste eben das Stück umgeschrieben werden.

Wenn ich heute zurückdenke, muss ich sagen, dass die Geschichten, die ich für das Kasperltheater schrieb, meine ersten literarischen Arbeiten waren.

Informationen zum Artikel:

Kasperltheater

Verfasst von Erika Schleich

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Graz-Umland, Stattegg
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag stammt aus einer Sammlung von Erzählungen, welche die Autorin im Jahr 2003 unter dem Titel "Ein Kind im Krieg" zusammengestellt hat.

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