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Erdbeerzeit

von Erika Schleich

Vorgeschichte

Es war kein Dorf, man konnte es auch keine Siedlung nennen, es war nur eine verstreute Ansammlung von handgezimmerten Blockhütten auf kleinen, verwilderten Grundstücken. Dennoch gehörte es zusammen, eingekreist von den weiten Gründen der Großbauern. Es war eine bucklige Welt, die der einstige Besitzer froh war loszuwerden. Ein findiger Geschäftsmann kaufte es für wenig Geld, teilte es in Parzellen und verkaufte es weiter an arme Leute, die wussten, dass sie in naher Zukunft noch ärmer sein würden und sich hier mit ihrem mühsam Ersparten eine, wenn auch karge, Existenzgrundlage schaffen wollten.

Und so zogen die „Siedler“, wie sie von den Bauern geringschätzig genannt wurden, hier ein und rodeten Hänge und Gräben. Sie bauten ihre einfachen Blockhütten mit eigenen Händen, ja zogen mit eigenen Händen das Material auf Karren den Berg hinauf, weil der Fuhrunternehmer seine Rösser nicht so schinden wollte. Es war ein mühseliges Leben, aber man schätzte es, wenn man an die Arbeitslosen dachte, die in der Stadt lebten und nicht wussten, wovon sie Miete und Brennstoff bezahlen sollten. Dieser erdrückenden Armut war man entkommen.

Auf den frisch gerodeten Hängen wuchsen Walderdbeeren, die man auf den Markt bringen konnte, im Garten gedeihte schon das nötige Gemüse. Es war schwerste Arbeit, den einstigen Waldboden, nun von Brombeer- und Holundergesträuch überwuchert, in Felder zu verwandeln. Die erste Kartoffelernte bedeutete einen Sieg über den Hunger.

Die Bauern, die voll Misstrauen das Treiben dieser Leute verfolgt hatten, sahen die ersten jungen Obstbäume wachsen, sie sahen, wie sie das kümmerliche Heu einbrachten für die Kaninchen, die sie züchteten und der Argwohn, jemand könnte über die Früchte ihrer Felder kommen, verschwand allmählich.

Doch der Unterschied war immer da. Dieser Unterschied zwischen einem reichen Großbauern und einem armen Siedler. Fast alle der hier Lebenden waren arbeitslos, manche bekamen auch keine Unterstützung und gingen fallweise zu den Bauern ins Tagewerk.

So vergingen die Jahre, Kinder wuchsen auf, waren gleich alt wie die Obstbäume, die nun schon die ersten Äpfel, Birnen, Pfirsiche oder Kirschen trugen. Vor den Häusern befanden sich Blumenrabatten und Spielplätze mit Schaukel und Sandkasten, und die Not war fast nicht sichtbar.

Erdbeerzeit

bedeutete schöne Junitage, blühende Pfingstrosen und duftenden Jasmin. Neben unseren großen Gartenpröbstlingen, die bald reif sein würden, gab es schon Walderdbeeren, deren versteckte Plätze ich alle wusste. So schlenderte ich oft schon früh morgens barfuß durch das taunasse Gras. Manchmal traf ich eine Ringelnatter, die noch steif von der kühlen Nachtluft neben einem Baumstamm zusammengeringelt lag. Ich war sehr achtsam, was Schlangen betraf, denn so unverhofft mochte ich ihnen nicht begegnen.

Hatte ich ein Schälchen Erdbeeren gesammelt, brachte ich sie nach Hause, wo Mutter dann einen Nachtisch daraus bereitete.

Waren aber die Pröbstlinge reif, gab es viel Arbeit. Eine Nachbarin half Mutter beim Pflücken, und abends sortierten die Eltern die Früchte in Körbchen, die sorgfältig mit Weinblättern ausgelegt waren. 

Frau sortiert an einem Tisch sitzend Erdbeeren, im Hintergrund ein Hang, vereinzelte Bäume, Sträucher
Meine Mutter beim Sortieren der Erdbeeren

Meine Freude war es, mit meiner kleinen Schwester auf dem Bett zu knien und auf den Vorplatz hinauszuschauen, wo die Eltern arbeiteten. Es war wie immer und doch anders in diesem Jahr. Es war nämlich Krieg, und es durfte kein Licht brennen. So hatte Mutter nur eine schwache Taschenlampe, die gerade den Tisch ein wenig beleuchtete. Uns machte das nichts aus, so konnten wir die Glühwürmchen, die gerade zur Erdbeerzeit unterwegs waren, besser sehen.

Es war die einzige Zeit, außer Weihnachten vielleicht, wo wir nicht schon um acht ins Bett gehen mussten. Ich bewunderte den klaren Sternenhimmel, und Vater zeigte uns die Sternbilder, wenn er Zeit hatte. Zu dieser ganzen Stimmung gehörte auch das Quaken der Frösche, die in den Tümpel unter dem Brunnen gekommen waren.

Manchmal hörte man auch einen Uhu oder Kauz rufen. Wachsam lag unser Hund auf der Stufe zur Veranda, knurrte manchmal, wenn er ein verdächtiges Geräusch hörte. Ansonsten genoss er den Abend wahrscheinlich wie ich.

Die gefüllten Körbchen wanderten eines nach dem anderen in Vaters Fahrrad-Anhänger, mit dem er am nächsten Morgen zu seinen Kunden fuhr. War alles fertig, kam Mutter, tat, als sei sie überrascht, dass wir noch munter waren. Nach der obligaten Erdbeermilch mussten wir schnell ins Bett. Wir hatten nichts dagegen, da wir ohnehin schon müde waren.

Zwei, vielleicht drei Jahre ging es noch so, dann wurde der Erdbeergarten immer kleiner, zuletzt nur noch für den Eigenbedarf. Vater achtete allerdings darauf, dass die verschiedenen Sorten erhalten blieben. Da gab es riesengroße, zwei- oder dreigeteilt, längliche, spitze und kleinere, man könnte sagen missgestaltete, die besonders süß waren. Meine liebsten waren ziemlich kleine runde, die in Träubchen wuchsen und etwas säuerlich schmeckten.

Die ersten Erdbeeren werden noch immer als etwas Besonderes empfunden. Das Quaken der Frösche erinnert mich noch an die Erdbeerzeit von damals, nur Glühwürmchen habe ich schon Jahre keines gesehen.

Informationen zum Artikel:

Erdbeerzeit

Verfasst von Erika Schleich

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Graz-Umland, Stattegg
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag stammt aus einer Sammlung von Erzählungen, welche die Autorin im Jahr 2003 unter dem Titel "Ein Kind im Krieg" zusammengestellt hat.

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